„Klubs werden in Situation gedrängt, Schuldige zu sein“
Braunschweig Interview mit Ex-Innenminister und -Eintracht-Boss Gerhard Glogowski zum neuen Sicherheitskonzept der DFL.
In der aktuellen Debatte um die Eindämmung der Gewalt im Fußball-Umfeld stehen sich derzeit die Innenminister aus Bund und Ländern sowie die Vereine und deren Fans gegenüber. Der Braunschweiger Gerhard Glogowski kann die Sache als ehemaliger Innenminister Niedersachsens (1990-1998) und ehemaliger Präsident Eintracht Braunschweigs (2000-2007) aus beiden Blickwinkeln beurteilen. Im Gespräch mit Redakteurin Ute Berndt erläutert er seine Sichtweise.
Herr Glogowski, sind Sie momentan in der Fußball-Gewalt-Diskussion als Ex-Innenminister wie ehemaliger Eintracht-Chef eine gespaltene Persönlichkeit?
Nein. Denn die Position, die ich zu diesem Thema schon in meiner Amtszeit als Innenminister vertreten habe, ist gestärkt worden in der Zeit als Eintracht-Präsident.
Sollen Fußballvereine für Polizeieinsätze zahlen, wie es die Politik jetzt androht?
Diese Forderung ist ja nicht neu, aber ich halte sie nicht für zielführend. Für die Sicherheit im öffentlichen Raum ist der Staat zuständig, also die Polizei. Das ist ein Teil unseres Rechtssystems, an dem nicht gerüttelt werden sollte.
Im Stadion selbst haben die Vereine die Sicherheitsleute zu stellen. Und das kostet sie schon viel Geld. Außerdem haben inzwischen alle einen hauptamtlichen Sicherheitsbeauftragten. Und mit ihren Fanprojekten leisten Vereine, DFB und DFL auch noch einen großen Beitrag.
Dennoch verlangt die Politik mehr.
Ja, die Vereine müssen ihren Beitrag entsprechend der entstehenden Schwierigkeiten verstärken, wenn es nötig ist. Unschön ist zum Beispiel die Bengalo-Geschichte.
Ansonsten haben wir im Eintracht Stadion doch weitgehend friedliche Veranstaltungen. Das finden auch die Fans und Polizisten, mit denen ich mich unterhalte. Die bereits ergriffenen Maßnahmen helfen ja auch.
Und dass es am Rande von Massenveranstaltungen zu Prügeleien kommt, ist leider so, und dafür ist ganz klar die Polizei zuständig. Es müsste allerdings eine bessere Bereitschaft der Fans geben, mit der Polizei zusammenzuarbeiten gegen die Leute, die auf Gewalt aus sind.
Hat Sie die tödliche Attacke auf einen Linienrichter in Holland geschockt?
Ja, sehr. Auch im Amateurfußball gibt es Gewaltszenen. Und nicht nur in Holland sondern bei uns auch. Das sind Exzesse in der Gesellschaft, dass es Leute gibt, die Spaß daran haben anderen Schmerz zuzufügen.
Und das passiert nicht im Golf, beim Hockey oder beim Basketball, weil diese Sportarten eine andere Gruppe von Leuten ansprechen. Der Fußball hat das komplette Gesellschaftsbild in seinen Anhängerkreisen. Man muss sagen, der Fußball ist eine Sportart, die auch diese Menschen mit kriminellen Neigungen anzieht.
Ist das nicht ein Argument dafür, dass er sich an den Folgekosten der Gewalt in seinem Umfeld beteiligen müsste?
Was machen sie denn, wenn es am Rande eines Musikkonzerts zu Gewalt kommt? Wollen Sie dann die Musikveranstalter verpflichten zu zahlen? Dann würde es in Deutschland bald keine Musikveranstaltungen mehr geben. Grundsätzlich gilt: Dazu haben wir die Polizei! Das kann sie leisten, und das leistet sie auch.
Nehmen Sie doch die Hooligans aus der bürgerlichen Gesellschaft, die es toll finden, wenn sie am Montag im Büro blaue Flecken unter dem Hemd haben oder ein Pflaster im Gesicht – solche Auswüchse kann man dem Sport nicht anlasten. Er darf sich natürlich auch nicht rausziehen, er muss mitmachen bei der Gewaltverhinderung. Aber er tut es ja auch.
Was halten Sie von dem Vorschlag, mit Richter und Staatsanwalt im Stadion Gewalttäter sofort aus dem Verkehr zu ziehen?
Die Idee ist nicht neu. Aber in unserem Rechtsstaat geht es eben nicht so schnell, wie man sich das manchmal wünscht. Das ist ein Dilemma, mit dem wir leben müssen.
Es sind ja immer Szenebeamte, die im Stadion die Veranstaltung filmen. Da stimme ich der Forderung zu, dass die Möglichkeiten technisch noch besser werden müssen. Denn die Bereitschaft aus den Fankreisen, jemanden anzuzeigen, ist wegen des Gruppeneffekts gering. Gewalttäter müssen also von außen identifiziert werden. Und das Ziel muss es sein, sie aus den Stadien rauszubekommen, beispielsweise durch Stadionverbote.
Findet nicht die meiste Gewalt sowieso außerhalb der Stadien statt?
Ja, vor den Stadien oder an den Bahnhöfen. Und da können die Vereine sowieso nichts tun. Die sind auf den Straßen ja nicht zuständig.
Finden Sie es gut, wie die Innenminister den Fußballklubs jetzt die Pistole auf die Brust setzen?
Ich will hier meine Kollegen nicht kritisieren. Die halten es offensichtlich für nötig, dann sollen sie es tun. Klar ist doch, dass auch der DFB, die DFL, die Vereine mit aller Macht verhindern wollen, dass Gewalt passiert. Aber sie wissen auch, dass sie nicht die Institutionen sind, die es in der Hand haben.
Die Fans wollen keinen Druck. Und wenn es Druck gibt, kommt es zu Gegendruck, das weiß ich aus meiner politischen Erfahrung. Man hat es bei den „Schweigeminuten“ in den Stadien gesehen.
Sitzen die Klubs zwischen zwei Stühlen?
Die Vereine wollen friedliche Fußballveranstaltungen. Und die werden jetzt in eine Situation gedrängt, dass sie Schuldige sind und verantwortlich sein sollen. Aber Verantwortung tragen sie nur im Rahmen des Rechtsstaates.
Wird nächsten Mittwoch das Sicherheitskonzept unterschrieben?
Es muss ja unterschrieben werden, es ist besprochen und in Ordnung, das Papier. Alle vernünftigen Leute werden es unterschreiben. Es ist nötig, dass gemeinsame Maßnahmen ergriffen werden. Ich weiß, dass es die Fans schmerzt. Und zwar genau diejenigen, die es eigentlich nicht betrifft, die nicht gemeint sind. Die sind es, die sich jetzt bedrängt fühlen. Und es muss klar gemacht werden, dass sie nicht gemeint sind.
Ich hoffe, dass sich nach Mittwoch alles beruhigt. Weil sich zeigen wird, dass friedliche Fans weiterhin ihren Spaß im Stadion haben können – auch mit dem Sicherheitskonzept.



