„Eintrachts Vorsprung reicht zum Aufstieg“
Braunschweig Was erwartet uns 2013? Darüber sprachen Experten beim „Orakel 2013“. Professor Wolf-Rüdiger Umbach ist zuversichtlich: Eintracht steigt auf!
Professor Wolf-Rüdiger Umbach, Präsident des Landessportbundes und ehemaliger Fußball-Bundesliga-Schiedsrichter, erläutert seine Thesen zum Sport im Gespräch mit Ute Berndt.
Professor Umbach, steigt Eintracht Braunschweig auf?
Ja. Auch wenn Eintracht gegen keinen der Großen gewonnen hat – zwölf Punkte Vorsprung und die tolle Tordifferenz reichen. Da müsste Kaiserslautern als Dritter ja an fünf Spieltagen gewinnen, an denen Eintracht verlieren müsste, um noch vorbeizukommen. Ich sage also, die Braunschweiger müssten es problemlos schaffen. Sie können es eigentlich nur noch selber verhindern. Da müsste schon eine große Formkrise kommen oder mehrere Leistungsträger müssten sich gleichzeitig verletzten.
Welche Chancen hat der Klub dann in der ersten Liga?
Da wage ich keine Prognose. Man muss sich nur mal das Beispiel von Frankfurt und Fürth anschauen. Fürth war in der zweiten Liga überragend und steigt jetzt wieder ab, Frankfurt war nicht so herausragend und spielt in der ersten Liga weit oben mit. Ich denke trotzdem, dass es sich auszahlt, auf Kontinuität zu setzen und ein Konzept zu haben. Eintracht kann einen Weg wie Freiburg und Mainz einschlagen und versuchen, mit bezahlbaren Talenten etwas zu erreichen. Ich denke, die Vereinsführung hat da ja auch eine gute Philosophie. Das Wolfsburger Einkaufsmodell ist jedenfalls keins für Braunschweig.
Schafft es der VfL noch in den internationalen Wettbewerb?
Das glaube ich nicht. Aber ich hoffe, dass Klaus Allofs ein glückliches Händchen dabei hat, diesen Wahnsinnskader zu verkleinern. Man kriegt doch nur ein gutes Arbeitsklima ins Team, wenn jeder Spieler eine Chance sieht, auch mal zu spielen.
Verteidigen die VfL-Frauen ihre Tabellenführung bis zur Meisterschaft, und was schaffen sie in der Champions-League?
Ich denke, es wird schwer, weil sie in der Rückrunde noch bei der Konkurrenz antreten müssen. Aber es wäre natürlich toll, wenn nach den Männern und der A-Jugend jetzt die Frauen deutscher Meister würden. In der Champions-League traue ich der Mannschaft durchaus den Endspiel-Einzug zu. Auf jeden Fall haben die Frauen mehr Zuschauer verdient, und ich hoffe, da können sie im neuen Jahr noch zulegen. Wenn VW will, kann der VfL im Frauenbereich dauerhaft oben mitmischen. Wie in Wolfsburg kontinuierlich etwas aufgebaut wurde, finde ich prima.
Wird das DFL-Sicherheitskonzept wirklich für mehr Ruhe sorgen? Oder treiben wir in eine neue Konfrontation?
Es sorgt nicht für Ruhe, aber es soll für Sicherheit sorgen. Für mich steht fest, dass Pyrotechnik nicht in die Stadien gehört. Und wer das nicht kapieren will, gehört ausgeschlossen. Man will ja auch mit seinem Enkel ins Stadion gehen und traut sich nicht beim aktuellen Fanverhalten. Es ist doch verrückt, dass hundert Leute verrückt spielen und damit 50 000 das Fußballvergnügen vermiesen können.
Budenzauber mit Gesängen wie in England ist toll, aber bitte ohne Pyrotechnik. Fast in jedem zweiten Spiel passiert da was, und das geht nicht.
In den Niederlanden ist ein Linienrichter erschlagen worden. Müssen wir uns auf mehr Gewalt gegen Unparteiische einrichten?
Das war eine unglaubliche Sache, aber ich denke nicht, dass man das verallgemeinern sollte.
Die Schiedsrichterei ist eine unheimlich schwierige Aufgabe, dass da Fehler passieren, ist klar. Und ich frage mich, warum wir nicht das magische Auge einführen, wie im Tennis oder Eishockey. Auf die 15 Sekunden Verzögerung kommt es auch nicht mehr an. Solange man nicht bereit ist, Hilfsmittel zuzulassen, wird es Aggressionen gegen Schiedsrichter geben. Es würde dem Fußball also gut zu Gesicht stehen, solch einen Videobeweis einzuführen.
Alle Beteiligten wären doch froh und zufrieden, wenn sie nach Ansicht der Bilder wüssten: Das war jetzt die richtige Entscheidung. Auch der Schiedsrichter wäre auf der sicheren Seite, könnte selbstbewusst weiterpfeifen und würde nicht Gefahr laufen, durch irgendwelche Konzessionsentscheidungen völlig seine Linie zu verlieren.
Ich habe in meiner Karriere mehr als tausend Spiele geleitet. Ein Chip im Ball hätte mir vielleicht zweimal geholfen. Aber eine knifflige Abseitssituation gab es in jedem Spiel zwei-, dreimal. Es ist nur eine Frage des Wollens, dass man den Schiedsrichtern da hilft.
Wäre also ein Videobeweis auch eine Hilfe gegen Gewalt gegen Schiedsrichter?
Ich glaube, Gewalt gegen Schiedsrichter ist in der Bundesliga, in den großen, abgesicherten Stadien, kein Thema. Eher im Amateurfußball. Da könnten sich die Schiedsrichter zusammentun und sagen, wir pfeifen mal vier Wochen nicht. Ich will hier nicht zum Boykott aufrufen. Aber, wenn es so schlimm ist, warum nicht mal ein Zeichen setzen?
Haben Basketball, Eishockey und andere ambitionierte Sportarten überhaupt noch eine Chance gegen die Fußball-Übermacht?
Nein. Sollte Eintracht aufsteigen, gibt es in der Region jede Woche Bundesligafußball. Und die Leute haben ja nur ein gewisses Budget für Eintrittsgelder. Also geht es zu Lasten anderer Sportarten, die werden es noch schwerer haben. Da gibt es auch kein Gegenmittel, auf jeden Fall müssen sie erfolgreich spielen, um das halbwegs abzufangen. Auch die unteren Fußballklassen werden Zuschauer einbüßen.
Kommt der Leistungssport in Niedersachsen nach der Olympia-Pleite von London mit einem Miniteam wieder auf die Beine? Und wie?
Es gibt kaum noch Vereine bei uns, die intensiv Leistungssport betreiben wollen und können. Wir sind kein Ballungsraum, da schlagen schon die Reisekosten enorm zu Buche, und Leistungssport ist unglaublich teuer. Wir betreiben in Hannover ein Internat und sind im Jugendbereich auch gut. Aber sobald es zu den Erwachsenen geht, wird es schwierig. Da verlieren wir die Talente an andere Bundesländer mit zahlungskräftigen Vereinen. Ich denke, dass sich mittelfristig von hinten wieder etwas aufbauen lässt. Aber das dauert zehn Jahre. Die richtige Lösung haben wir noch nicht. Immerhin bekommen wir durch das neue Sportfördergesetz, das im Landtag beschlossen wurde, mehr Möglichkeiten. Es sichert uns höhere Beiträge, da kann man eventuell mehr ausgeben für Leistungssport.
Sind kleine Vereine noch überlebensfähig? Rollt eine Fusionswelle auf uns zu?
Gerade die kleinen Vereine sind überlebensfähig, die nur eine Sportart betreiben. Denn die finden für ihre kleine Gruppe noch genügend Ehrenamtliche. Probleme bekommen die Klubs, die zu klein sind, um sich hauptamtliche Kräfte leisten zu können und zu groß, um mit Ehrenamtlichen alles bewältigen zu können. Der Weg ist aber nicht unbedingt eine Fusion, sondern vielleicht eine Kooperation bei den Dingen, die nicht identitätsstiftend sind. Wie zum Beispiel die Mitgliederverwaltung. Eine Fusionswelle sehe ich nicht, wir haben ja noch Zuwachs bei der Zahl der Vereine.
Stichwort „Aufbau West“ – wie weit sind die Investitionen in alte Hallen und Plätze gediehen? Können die Kommunen das überhaupt noch leisten?
Das Gefälle zwischen armen und reichen Landkreisen in Niedersachsen ist unglaublich. Im Emsland beispielsweise liegt die Arbeitslosigkeit unter drei Prozent. Da gibt es Landkreise, die noch schwarze Zahlen schreiben, und da ist auch die Sportförderung fantastisch. Aber das sind nur zehn bis zwölf landesweit. Bei uns hingegen gibt es viele ganz schwache Gemeinden, wir haben überall Diskussionen um die Schließung von Schwimmbädern.
Wenn man ehrlich ist, braucht Niedersachsen eine Gebietsreform, aber zwei Schwache werden zusammen auch nicht stärker. Wir hatten ja ein Sportstätten-Sanierungsprogramm. Und so etwas bräuchte man ständig. Das Land müsste den Kommunen so unter die Arme greifen, dass sie das leisten können, und zwar bei Freiluft- und Hallensportstätten.


