Der Mann im Hintergrund
Oliva Interviews mit ihm sind so selten wie Bodenfrost im Hochsommer. Was eigentlich schade ist. Schließlich hat Darius Scholtysik eine Menge zu erzählen.
Doch das zählt normalerweise nicht zu seinen Aufgaben. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit.
„Mein Job als Co-Trainer“, sagt Scholtysik und nippt in der Hotel-Lobby an seinem Kaffee, „ist es, im Hintergrund zu arbeiten.“ Fürs Rampenlicht vor und nach den Spielen ist bei den Blau-Gelben einzig und alleine Chef-Trainer Torsten Lieberknecht verantwortlich.
Dieser muss sich nach Niederlagen gegenüber Journalisten rechtfertigen, dieser darf sich nach Siegen von den Fans auf die Schulter klopfen lassen. Eine Aufgabe, um die ihn sein Assistent Scholtysik nicht beneidet. „Ich bin kein Typ, der in der ersten Reihe stehen muss“, betont der 44 Jahre alte Familenvater und erweckt dabei nicht den Anschein, als sei das nur eine Floskel.
Genau so wenig wie die Antwort auf die Frage, ob er als Assistent nicht zwangsläufig Ambitionen habe, eines Tages mal selbst Chef-Trainer zu werden. „Ich habe einen Höllen-Respekt davor, so viel Verantwortung zu tragen“, räumt der A-Lizenz-Inhaber ungewohnt offen ein. Was nicht heißen soll, dass er es rigoros ausschließen will, irgendwann mal in vorderster Front zu stehen. Dafür ist das Fußball-Geschäft schließlich zu schnelllebig.
Doch wenn er die Wahl hätte, würde er lieber, „vielleicht spinne ich jetzt“, Co-Trainer in der ersten Liga werden. Am liebsten bei Eintracht. Am liebsten unter Torsten Lieberknecht. „Das, was wir hier aufgebaut haben, wollen wir fortsetzen.“
Lieberknecht war es, erzählt Scholtysik, der ihn im Mai 2008 von der Regionalliga-Reserve des VfL Wolfsburg zurück nach Braunschweig lotste. Beide kannten sich aus ihrer Zeit als Jugend-Trainer bei den Blau-Gelben. Lieberknecht war damals für die A-Junioren verantwortlich, Scholtysik für die B-Junioren. „Da haben wir uns schon sehr oft ausgetauscht und dabei gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge sind.“
Daran hat sich bis heute nicht viel verändert. Ganz im Gegenteil. „Der gedankliche Weg zwischen Torsten und mir ist immer der gleiche.“ Oft genug käme es vor, dass sie sich auf dem Trainingsplatz nur anschauen müssen – und in dem Moment ganz genau wissen, was der andere gerade denkt. „Wir verstehen uns blind.“
Und das, obwohl sie in ihrer Art durchaus unterschiedlich sind. Während Lieberknecht ein Heißsporn ist, dem es oft nicht schnell genug gehen kann, geht Scholtysik die Dinge mit Bedacht an. „Manchmal muss ich Torsten bremsen – auch wenn das nicht immer leicht ist.“
Bei Spielen sind die Rollen an der Seitenlinie klar verteilt: Während Lieberknecht die meiste Zeit steht, den Akteuren Anweisungen reinruft und sich, falls notwendig, mit den Schiedsrichtern anlegt, notiert Scholtysik auf seinem Zettel, was ihm so alles auffällt, insbesondere was die Taktik des Gegners betrifft. „Ich muss kühlen Kopf bewahren.“
So beliebt der Co-Trainer bei den Spielern auch ist, so gefürchtet sind die Koordinations- und Stabilisationseinheiten mit ihm. Bevor er jedoch von seinen Schützlingen eine neue Übung verlangt, hat er diese in der heimischen Garage auf ihre Praxis-Tauglichkeit getestet. „Es gibt bei uns im Training keine Übung, die ich noch nie selbst gemacht habe“, sagt Scholtysik, bevor er sich entschuldigen lässt. Der Chef wartet. Schließlich muss das Nachmittags-Training noch vorbereitet werden.
