Bei Eintracht ist das System zum Star geworden
Braunschweig Ob 4-1-4-1, 4-4-2 oder 4-2-3-1 – kaum ein anderer Fußball-Zweitligist ist taktisch derart flexibel wie Eintracht Braunschweig.
Von Eintracht-Coach Torsten Lieberknecht ist folgender schöner Satz überliefert: „Bei uns ist das System der Star.“ Nach nunmehr vier Zweitliga-Spieltagen ist klar, was der 39 Jahre alte Fußball-Lehrer mit dieser Aussage, die er kurz vor Saisonbeginn getätigt hat, gemeint hat. Schließlich stand der Spitzenreiter in jeder Partie in einer anderen (defensiven) Grundordnung auf dem Platz. Zum Auftakt gegen Köln war es das aus der Vorsaison bekannte 4-1-4-1, eine Woche später in Berlin zumindest in der ersten Halbzeit das eher ungewöhnliche 4-3-1-2. Im Heimspiel gegen Paderborn setzte Lieberknecht auf ein 4-4-2, beim Sieg in Aalen vertraute er zuletzt auf ein 4-2-3-1.
Und das Repertoire ist damit offenbar noch längst nicht ausgeschöpft: Im Testspiel gegen Darmstadt probierte Eintracht vergangenen Samstag mal die sogenannte Tannenbaum-Formation, ein 4-3-2-1, aus. In der Summe, rechnet man Torwart Daniel Davari hinzu, ergab das zwar jedes Mal elf Spieler – dann aber hatte es sich auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Insbesondere die Laufwege unterscheiden sich von Grundordnung zu Grundordnung und verlangen von den Spielern neben einer Menge Disziplin auch reichlich Auffassungsgabe.
In seiner Profikarriere, sagt Eintrachts Neuzugang Kevin Kratz voller Anerkennung, habe er noch keinen Trainer erlebt, der derart viel Wert auf taktische Flexibilität gelegt habe wie sein derzeitiger Coach. Dieser sagt: „Wir wollen für unsere Gegner unberechenbarer werden, indem wir Grundordnung und System auch während des Spiels häufig wechseln.“
Die Begriffe Grundordnung und System dürfe man dabei nicht miteinander verwechseln, erklärt Lieberknecht. Zudem müsse man offensive und defensive Grundordnung voneinander unterscheiden. Wenn in der Defensive von einem 4-4-2 die Rede ist, hieße das im Angriff nicht zwangsläufig, dass vier Mittelfeldspieler auf einer Linie agieren. Beispielsweise können diese auch in einer Raute angeordnet sein. Und aus einem 4-1-4-1 in der Defensive könne offensiv mitunter ein 2-3-2-3 werden.
Der Übergang von defensiver zu offensiver Grundordnung – und auch wieder zurück – wird als System bezeichnet. Ein wichtiger Baustein ist dabei die Spieleröffnung. Was unter anderem der Tatsache geschuldet ist, dass mittlerweile nahezu alle Profi-Teams im Raum verteidigen. „Früher, als fast nur Manndeckung gespielt wurde, war die Taktik noch nicht ganz so entscheidend“, erinnert sich Lieberknecht an seine Profi-Zeit.
Heute würde man hingegen versuchen, den Gegner durch taktische Flexibilität vor Probleme zu stellen. Beispielsweise war zuletzt häufig zu beobachten, dass sich der „Sechser“ zum Spielaufbau zwischen die Innenverteidiger zurückfallen ließ. In Aalen wiederum probierte es der Spitzenreiter immer wieder mit langen Diagonalbälle auf die gegenüberliegende Außenbahn.
Bevor sich der Eintracht-Coach auf Grundordnung und System festlegt, berät er sich mit Scout Dirk Fischer und sichtet gemeinsam mit seinem Trainerteam Videos des kommenden Gegners. „Dabei versuchen wir, bestimmte Verhaltensmuster zu entschlüsseln – sowohl von der gesamten Mannschaft als auch von einzelnen Spielern.“
Ziel der Taktik müsse es sein, den Gegner seiner Stärken zu berauben, ohne jedoch die eigenen Stärken zu vernachlässigen. Was jedoch immer nur bis zum einem gewissen Punkt funktionieren kann. Einerseits, so Lieberknecht, sei „der Fußball zu unberechenbar“, andererseits habe jede Grundordnung zwangsläufig auch ihre Schwachstellen.
„Wir führen deshalb vorher immer eine Stärken-Schwächen-Analyse durch“, erklärt der gebürtige Pfälzer. Was hinzu kommt: Auch der Gegner macht sich im Vorfeld der Partie natürlich Gedanken, wie man die Blau-Gelben knacken kann. Gelungen ist das in dieser Saison allerdings noch niemandem.

