Lieberknecht: Wir sind noch nicht am Limit

Braunschweig  Das große Interview: Eintracht-Trainer Torsten Lieberknecht und der sportliche Leiter Marc Arnold ziehen ihre Saisonbilanz und blicken auf die kommende Spielzeit.

Wie lautet ihr Fazit für die am Wochenende zu Ende gegangene Saison in der 2. Fußball-Bundesliga? Welcher Spieler hat sie überrascht, welcher enttäuscht? Und was müssen neue Spieler für die kommende Saison mitbringen? Bei Eintracht-Trainer Torsten Lieberknecht und dem sportlichen Leiter Marc Arnold haben die Redakteure Thomas Fröhlich und Hans-Dieter Schlawis nachgefragt.

Die Saison ist vorbei. War es eine anstrengende Saison, oder sind die Akkus noch so voll, dass es ein paar Wochen weiter gehen könnte?

Lieberknecht: Es war eine lange Saison mit vielen Höhepunkten. Wir sind sofort auf Hochtouren eingestiegen mit dem Heimspiel gegen 1860 München, dem Pokalspiel gegen Bayern München und dem Punktspiel gegen Eintracht Frankfurt. Das waren Top-Gegner und wir waren gleich voll in der Saison drin. Die Mannschaft spielt und agiert seit fast zweieinhalb Jahren physisch und auch psychisch am Limit. Die Mannschaft hat unheimlich viel investiert. Es ist gut, dass die Pause kommt. Ich freue mich darauf und werde erst einmal durchpusten. Ich weiß aber, dass das nur eine Woche anhält und ich mich dann schon wieder auf den Start freue.

Kann man sagen, dass die Rückrunde viel anstrengender war als die Hinserie?

Lieberknecht: Es war mit Sicherheit so, dass wir in der Rückrunde die psychologisch wichtigsten Punkte geholt haben. Sowohl die Hin- als auch die Rückrunde waren sehr anstrengend. Wir haben gleich zu Beginn das Fundament gelegt, das wir in der Rückrunde ausgebaut haben. Wir haben frühzeitig die Klasse gesichert. Wenn man jetzt sieht, dass 35 Punkte gereicht haben, haben wir schon nach dem Spiel gegen Hansa Rostock die Marke geknackt gehabt, nach 24 Spieltagen.

Wenn man nur die Zahlen der Rückrunde betrachtet, kann man dann sagen, dass der eine oder andere Spieler Verschleißerscheinungen gezeigt hat? War es nach der rauschenden Aufstiegssaison schwieriger, mit Niederlagen oder der Unentschiedenserie umzugehen?

Lieberknecht: Die Spieler und wir im Trainerteam haben selbst einen hohen Anspruch an uns. Deswegen geben wir uns mit Unentschieden nicht zufrieden. Aber wir hatten ein großes Ziel, das war der Klassenerhalt. Da waren die Punkte in der Rückrunde extrem wichtig, um die Konkurrenz auf Distanz zu halten. Wenn man die Spiele einzeln sieht, gab es mehr Punkte zu holen, aber die meisten Unentschieden hätten durchaus auch mit Siegen für uns ausgehen können. Selbst nach der Niederlage bei 1860 München war das Medienecho über unseren Auftritt sehr positiv. Wir haben uns immer sehr, sehr gut verkauft, außer im Spiel gegen den FSV Frankfurt. Das war kein gutes Spiel von uns. Wir haben 0:0-Spiele gehabt – wie gegen St. Pauli oder Fürth – in denen wir auf Augenhöhe mit den Spitzenteams waren. Da haben nur Nuancen gefehlt, um so ein Spiel für uns zu entscheiden. Das war für uns wichtig, um zu sehen, wo können wir die Mannschaft weiterentwickeln. Wie bringen wir die Jungs dahin, dass sie diese Spiele gewinnen? Zuletzt fehlte der Mannschaft mal ein Sieg, um sich für das, was sie gezeigt hat, auch einmal zu belohnen. Fürth oder Duisburg sind zum Beispiel nach Hause gefahren und waren mit dem Punktgewinn gegen uns sehr zufrieden.

Chancen, ein oder zwei Tore zu machen, gab es in fast jedem Spiel. Wäre es zu einfach, zu sagen, Eintracht fehlt ein eiskalter Vollstrecker?

Arnold: Wir haben mit Dennis Kruppke und Domi Kumbela zwei Spieler, die je zehn Tore erzielt haben. Damit haben wir ein Sturmduo, das zum ersten Viertel der Liga zählt. Was uns ein bisschen fehlt, ist dahinter ein Spieler mit sieben oder acht Toren. Da ist bei uns ein kleiner Bruch, da kommt Damir Vrancic mit drei Toren. Das ist es, was uns zurzeit etwas fehlt. In einigen Situationen haben unsere Stürmer aber auch einfach nur Pech gehabt. Gelingen da Tore, macht das ratzfatz mal zehn bis zwölf Punkte.

Lieberknecht: Vor der Saison haben auch einige gesagt, Kumbela sei nicht zweitligareif. Aber er hat in seinem ersten richtigen Jahr in der zweiten Liga bewiesen, dass er es ist. Viele unserer Spieler erarbeiteten sich doch gerade im ersten Jahr ihre Zweitligaerfahrung. Ohne dass ich jemanden in Schutz nehmen möchte, will ich doch sagen, dass uns einige beneiden um das Sturmduo Kruppke/Kumbela. Von den Jungs, die nachkommen, kann ich noch nicht erwarten, dass sie Tore am Fließband machen. Wir geben den Jungs, die wir als Perspektivspieler sehen, die Zeit, die sie brauchen und bringen die Geduld mit. Allerdings fordern wir auch, dass sie konzentrierter zu Werke gehen müssen, um letztendlich mehr aus diesen vielen Chancen zu machen.

Blicken wir nach vorne. Dann heißt es also vorrangig, jemanden zu finden, der aus dem Mittelfeld für mehr Torgefahr sorgt…

Lieberknecht: Nun, die meisten Spieler im Mittelfeld spielen ja ihr erstes Jahr zweite Liga. Da ist es mit Sicherheit so, dass der eine oder andere mehr Torgefahr entwickeln kann. Aber sie sind noch nicht am Limit angekommen. Ich denke da zum Beispiel an Mirko Boland, allerdings lag es manchmal auch an der Position oder an der Taktik an dem Tag. Für sie ist der nächste Schritt noch mehr Torgefahr zu entwickeln. Da haben sie unser tausendprozentiges Vertrauen. Trotzdem ist unsere Ausrichtung so, dass wir sagen: Okay, wo gibt es kreative Spieler, die uns weiterhelfen, den anderen anzuschieben, selbst die Qualität mitbringen, aus dem Mittelfeld mehr Torgefahr zu entfachen?

Auf der Wunschliste steht aber noch ein torgefährlicher Spieler, oder?

Lieberknecht (lacht): Wir holen keinen mehr…

Arnold: (lacht).: Wir haben doch eine gute Mannschaft. Nein. Spaß beiseite. Klar sind wir da im Moment viel unterwegs und in Gesprächen, um gerade im Offensivbereich noch Spieler dazuzuholen. Wir sind zuversichtlich, dass wir die Jungs finden, von denen wir auch überzeugt sind. Und sie müssen in unser Anforderungsprofil passen, für das ja gerade wir zwei auch stehen. Klar ist aber auch, dass das Einstiegsniveau ein bisschen höher sein wird als in der Vergangenheit. Bei aller Qualität und bei allem Potenzial, das etwa die Korte-Zwillinge zeigen, braucht ein Spieler aus einer höherklassigen Liga vielleicht nur wenige Monate, um ins Team reinzukommen.

Wird denn die Zeit und die Ruhe da sein, sich einzufügen, wenn der Druck in der nächsten Saison steigt?

Arnold: Warum sollte der steigen?

Weil man vielleicht nicht so gut dasteht wie in der vergangenen Saison, als man mit der fantastischen Hinrunde sein Konto gefüllt hatte…

Arnold: Die Frage ist ja – wenn. Es muss ja nicht zwangsläufig so weiter gehen wie in den vergangenen Wochen. Es könnte auch so anfangen, wie es letzte Saison angefangen hat. Die Saison ist beendet. Es geht von Neuem los. Da wird der Konkurrenzkampf wieder angeheizt. Da werden sich Teams neu finden müssen, wie wir auch. Aber bei uns wird der Umbruch nicht so groß sein wie bei anderen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir uns schnell finden und dann die Einheit herstellen können, die wir in der ganzen vergangenen Saison gezeigt haben. Ich sehe das deutlich optimistischer. Unter der Saison ist ein Strich und wir sind Achter, was ein Riesenerfolg ist. Klar gibt es viele Stimmen, die sagen, das zweite Jahr wird schwerer und das ist wohl ein Stück weit auch so. Man muss aber genau schauen, warum ist das so? Wenn ich zum Beispiel Aue nehme, das nach dem Aufstieg sehr erfolgreich war, muss man sehen, mit was für einer Art Fußball das Team die Punkte geholt hat. Da sehe ich uns im Vergleich stabiler. Wir sind nicht wie Aue nur über Kampf und Einsatz zu unseren Punkten gekommen. Deshalb meine ich, das zweite Jahr muss nicht zwangsläufig schwieriger werden.

Lieberknecht: Man muss nicht nur auf die Rückrundentabelle schauen. Die Abschlusstabelle sagt aus, Eintracht ist Achter nach Punkten. Wenn man das Torverhältnis anschaut, gibt es einen Punkt, da sind wir sehr gut aufgestellt: Das ist die Defensive. Aber da hängen alle mit dran, genauso hängen alle mit dran, Tore zu schießen. Da sieht man, wo wir ansetzen wollen. Wir wollen aber nicht nur die Qualität erhöhen durch Spieler, die wir dazu holen, sondern wir wollen auch die Qualität innerhalb der Mannschaft weiter entwickeln. Für mich ist entscheidend, was wir aus dem Spiel heraus gerade gegen tief stehende Gegner machen können. Es ist doch für uns eine hohe Anerkennung, dass Mannschaften herkommen und sich mit Mann und Maus hinten reinstellen. Wir versuchen Lösungen zu finden und haben das meines Erachtens in den Spielen gegen Duisburg oder Ingolstadt schon ganz gut gemacht. Die Tabelle sagt aus, dass wir in einer sehr stabilen Art und Weise unser Ziel sehr frühzeitig erreicht haben. Wir haben eine gesunde Entwicklung genommen dieses Jahr.

Es wird immer betont, dass die Mannschaft sich sehr gut versteht. Besteht die Gefahr, dass es bei Eintracht zu harmonisch zugeht? Müssen neue Reize gesetzt werden?

Lieberknecht: Es wird ja daran gearbeitet, dass neues, frisches Blut hinzukommt. Wir werden auf der einen Seite die Struktur des Teams verändern und ich glaube, dass die Jungs auf der anderen Seite auch die Pause brauchen und dann wieder voller Euphorie mit den neuen Spielern in die Saison starten. Sie werden von Anfang an Vollgas geben, so wie wir das gewohnt sind.

Erstmals ist nach dem letzten Spiel nicht gleich Urlaub. Die Mannschaft trainiert noch eine Woche und es sind Freundschaftsspiele geplant.

Lieberknecht: Die Pause wäre sonst zu lang. Wir hatten so viele Anfragen zu Freundschaftsspielen. Die wollten und wollen wir erfüllen. Wir haben auch eine kleine Stücklung in der Vorbereitung, beginnen am 17. Juni wieder mit der ersten Trainingswoche und zwei Testspielen. Dann streuen wir noch eine Pause ein und fangen am 2. Juli mit der richtigen Vorbereitung an.

Welcher Spieler hat den größten Sprung gemacht?

Es wäre schön gewesen, Marcel Correia durchspielen zu sehen. Das wurde durch seine Verletzung verhindert. Er war so einer, bei dem man sagt, die Leistung, die er gebracht hat, konnte man so nicht erwarten von einem Spieler, der aus der Regionalliga kommt. Auch wenn wir wussten, dass er das Potenzial hat. Oder Ken Reichel. Er ist für mich einer der besten Linksverteidiger der zweiten Liga. Was der an Zweikämpfen gewinnt. Es macht bestimmt überhaupt keinen Spaß gegen ihn zu spielen. Aber es gibt noch einige weitere Spieler.

Von wem erwarten Sie noch mehr?

Lieberknecht: Auch da gibt es einige. Es ist kein Geheimnis, von Nico Zimmermann zum Beispiel. Er ist hochveranlagt. Ein Spieler, bei dem man immer im Training sieht, was er für Möglichkeiten hat. Bei ihm muss noch ein Stück Emotion hinzukommen. Oder Oliver Petersch. Er hatte zu Anfang sehr mit dem Trainingspensum zu kämpfen. Das war er aus Oberhausen nicht gewohnt, auch die Qualität nicht. Da muss Geduld von uns da sein, dass die Jungs im zweiten Jahr ihr Potenzial abrufen, den Erwartungen gerecht werden.

Wie wichtig war es, Ermin Bicakcic in der Winterpause zu holen?

Arnold: Man muss schon sagen, dass wir da einige Zeit nicht ganz sicher waren. Jan Washausen hat vor der Winterpause in Ingolstadt und München mehr als ordentlich in der Innenverteidigung gespielt. Aber wir haben es auch geschafft, andere Ausfälle durch Umstellungen zu kompensieren. Da haben wir schon überlegt, wann kommen die Verletzten zurück? Machen wir da was? Wir haben uns dann entschlossen zu handeln. Es gab einige Alternativen. Da muss man einfach sagen, dass es mit Ermin hundertprozentig gepasst hat.

Lieberknecht: Ich vergleiche ihn gern mit Valentin Nastase. Ermin ist ein Profi durch und durch, im Spiel, im Training, in der Vorbereitung.

Zurück zum Anforderungsprofil an neue Spieler. Sollen jetzt Spieler aus der zweiten Liga kommen oder doch nur aus der dritten?

Arnold: Das kann man so nicht sagen. Es ist auch interessant, aus der zweiten Liga von Konkurrenten Spieler zu holen. Klar ist, dass wir jetzt auch im Ausland ein bisschen gucken können. In der dritten Liga war es ja nicht möglich, Spieler aus Nicht-EU-Ländern zu holen. Wir sind dabei unseren Horizont da zu erweitern, um Spieler zu finden, die reinpassen und finanzierbar für uns sind.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Captcha
Leserkommentare (36)
    Weitere Artikel aus diesem Ressort