Wenn das Scheunentor keine Einschusslöcher hat …
Wolfsburg Hier kommen zwei weitere Gründe für die Krise des EHC Wolfsburg: Starstürmer außer Form und Powerplay schwach – davon handelt Teil 2 der WN-Analyse.
Der EHC Wolfsburg hatte sich in den vergangenen Jahren den Ruf eines Spitzenteams in der Deutschen Eishockey-Liga erarbeitet. In dieser Saison wird er seinen Ansprüchen bislang nicht gerecht. Nur Platz 13 nach 20 Spielen – die Play-off-Ränge drohen, außer Reichweite zu geraten.
Höchste Zeit für eine Analyse der sportlichen Krise der Grizzlys. Heute im zweiten Teil unserer vierteiligen Serie: die Offensive. Nicht nur der letztjährige Topscorer und der Toptorjäger der DEL treffen zurzeit zu selten ein Scheunentor. Aber vor allem sie…
Das ist keine neue Erkenntnis: Das einstige Wolfsburger Traumduo hat Ladehemmungen. Vor allem der Kanadier Norm Milley, aber auch Kai Hospelt machen kaum noch den Unterschied zugunsten des EHC aus. Im Gegenteil: Milley stand bei so vielen gegnerischen Treffern auf dem Eis, dass sein Plus-Minus-Wert (Differenz eigene Tor zu gegnerischen Toren bei gleicher Anzahl Spieler auf dem Eis) auf -13 fiel. Schlechter ist kein Spieler in der DEL. Auch Hospelt (-4) ist nicht im Plus.
Milley (20 Spiele/3 Tore/8 Assists) und Hospelt (20/6/9) können mehr. Zum Vergleich: Vergangene Saison gelangen Milley 1,12 Scorerpunkte pro Spiel, die Quote ist mehr als halbiert (0,55). Hospelt traf statistisch in jedem zweiten Match (Quote 0,5). Aktuell nicht mal mehr in jedem dritten (0,30). Aber: Der Nationalspieler zeigt die deutlich besseren Ansätze. Zweimal schon erzielte er das siegbringende Tor, und zudem feuerte er 57-mal auf den gegnerischen Kasten. Beides sind EHC-Bestwerte. Mit zwei Unterzahltoren führt er sogar die Liga an.
Besonders stark macht sich die Flaute der beiden Starstürmer bei 5 gegen 5 bemerkbar. „Kai hat da erst zweimal und Norm noch gar nicht getroffen. Das ist indiskutabel“, sagt Sportdirektor Charly Fliegauf. „In engen Spielen braucht eine Mannschaft ihre Schlüsselspieler. Dafür verdienen sie auch viel Geld.“ Rumms! Klare Worte des Managers an die Adresse der Spieler, die möglicherweise ihre letzte Saison in Wolfsburg spielen. Hospelt wechselt nach Mannheim. Milley hat ein EHC-Angebot bislang nicht angenommen.
Auf den Charakter der Spieler lässt deren Teamkollege Sebastian Furchner aber nichts kommen. „Mit Kai spiele ich seit elf Jahren in einer Mannschaft, wir sind Zimmerkollegen. Kai gibt immer 100 Prozent. Ich bin sicher, dass sich der Erfolg bei ihm wieder einstellt“, sagt „Furchi“, der mit sieben Toren derzeit zusammen mit Matt Dzieduszycki erfolgreichster EHC-Stürmer ist. Auch Milley verteidigt er: „Norm ist ein begnadeter Techniker. Er und Kai werden sich finden und wieder ganz wichtige Spieler für uns sein.“
Vielleicht, wenn der seit 15 Spieltagen fehlende Tyler Haskins zurück ist und Hospelt Verantwortung abnimmt. Zum Beispiel im Powerplay. 12 Tore in 92 Überzahlsituationen sind eine dürftige Ausbeute. Die Erfolgsquote liegt bei 13,04 Prozent – Platz 11 in der Liga. 2011/12 war der EHC in der Statistik noch Vierter mit 19,83 Prozent. Was ein Absturz!
„Mit der Powerplay-Quote bin ich überhaupt nicht zufrieden“, sagt Cheftrainer Pavel Gross. Die Spieler sind einsichtig. „Zuletzt in Krefeld haben wir in Überzahl den Sieg verspielt“, räumt Furchner ein. Gross hat seit Saisonbeginn viel ausprobiert. Bislang ohne Erfolg. „Mit Dzieduszycki und Haskins haben uns auch wichtige Spieler gefehlt“, sagt Furchner. Der Coach hält dagegen: „Wir müssen uns ans Konzept halten. Manche haben offenbar auch Angst, aufs Tor zu schießen. Irgendwer aber muss Verantwortung übernehmen“, fordert Gross. „Das kann man von uns allen verlangen. Wir sind Profis“, stimmt Furchner zu.
Klappt das Powerplay besser, steigt vielleicht bald wieder die von durchschnittlich 3,35 Treffer (2011/12) auf 2,45 (2012/13) gefallene Torquote der einst offensivstärksten DEL-Mannschaft. Und wenn nicht? „Dann haben wir noch nicht die richtige Mischung gefunden. Trainer halten gern an dem fest, was einst gut war. Irgendwann aber ist es Zeit, die Konstellation zu ändern, wenn es nicht funktioniert“, erklärt Fliegauf und hofft: „Mit der Rückkehr der Verletzten haben wir auch wieder mehr Variationsmöglichkeiten.“
•Lesen Sie morgen in Teil 3: Von der Festung zur Schießbude der Liga – warum das einstige Prunkstück Defensive nicht funktioniert. Die Plus-Minus-Bilanz und die Torwartstatistik lügen nicht.


