Käpten Blake lichtet den Anker
Wolfsburg Blake Sloan ist ein Vorzeige-Profi und war drei Jahre Kapitän des EHC Wolfsburg. Trotzdem muss er gehen. Ein Abschied, der wehtut.
Abschiede von Profi-Sportlern sind in Wolfsburg keine Seltenheit. Viele von ihnen blieben aber auch länger als Blake Sloan hier. Für den EHC-Kapitän ist nach drei Jahren Schluss. Ein Abschied, der trotzdem irgendwie näher geht als andere…
Mein Handy vibriert. „Schreib mir eine SMS, die Klingel ist ausgestellt. Gruß Blake“, steht in der Kurzmitteilung. „Bin da“, antworte ich bei meiner Ankunft vor dem schmucken Mehrfamilienhaus. Der Verteidiger des Wolfsburger Eishockey-Erstligisten öffnet die Tür. „Hi, komm’ rein!“ Er legt den Zeigefinger auf die Lippen. „Die Kids schlafen“, flüstert er und geht vor in die Wohnküche.
Sloan spricht gut Deutsch. Trotzdem wählt der US-Amerikaner diesmal von Beginn an Englisch. „Möchtest du was trinken?“ Nachdem er das gewünschte Glas Wasser eingeschenkt hat, setzt er sich auch an den massiven hölzernen Esstisch. „Hast du bestimmte Fragen, oder wollen wir einfach erzählen?“ Geplant ist ein Abschiedsinterview, die Fragen stehen im Block. Doch die vorbereitete Liste kommt nicht zum Einsatz. „Lass’ uns quatschen.“
„Wir“, damit meint der 36-Jährige Ehefrau Monica, Tochter Mila (3 Jahre), Söhnchen Kale (knapp 16 Monate) und sich, „sind schon etwas traurig, wären gern geblieben.“ Sloans Vertrag lief aus, der EHC wollte ihn nicht verlängern. Doch keine Spur von Verbitterung bei Sloan. „Warum sollte ich sauer sein? So ist das Geschäft.“
Schon bei seiner offiziellen Verabschiedung anlässlich der Saisonabschlussfeier brauchte sich Sloan nicht zu verstellen. Bewegt und mit einem Lächeln im Gesicht genoss er noch einmal den Applaus und die Sloan-Rufe der EHC-Fans. „Viele von ihnen wünschten mir Glück, einige sagten gar, dass sie meine Art zu spielen vermissen werden. Das ist doch das größte Kompliment.“
Die Sympathie hat sich der Mann aus dem nördlich von Chicago gelegenen Park Ridge verdient, mit ehrlicher Arbeit auf und neben dem Eis. Im Sommer 2009 wechselte er nach drei Jahren in Mannheim nach Wolfsburg. Sofort übertrugen ihm Trainer und Spieler das Kapitänsamt. Mit Stolz und Verstand trug Sloan fortan das C auf der Brust, avancierte zum Vorbild und Führungsspieler in der bislang erfolgreichsten Zeit des jungen Klubs.
Die Erfolge beeindrucken. 2009/10 schied der EHC als Hauptrunden-Dritter erst im Halbfinale gegen Augsburg aus. 2010/11 unterlagen die Grizzlys als Hauptrunden-Meister erst Berlin im Finale. Und 2011/12 reichte es trotz großer Verletzungsprobleme zu Platz 3 in der Liga. Dann aber kam das frühe Play-off-Aus gegen Straubing. „Wegen unserer vielen Ausfälle, finde ich, wurde uns als Team die Chance gestohlen zu zeigen, was wir können.“ Das gilt besonders für Sloan selbst. Am 2. Dezember erwischte es ihn schwer: Wadenbeinbruch. Er musste mehr als drei Monate aussetzen, kehrte erst kurz vor Play-off-Beginn zurück. „Das war traurig. Ich hätte mir ein anderes Ende für meine EHC-Zeit gewünscht.“
Alles in allem fällt die Bilanz seiner Wolfsburg-Zeit aber positiv aus. „Ich bin sehr stolz auf das, was wir als Gruppe hier in den vergangenen drei Jahren aufgebaut haben. Kameradschaft war bei uns eine ganz wichtige Sache. Da nimmt Wolfsburg in meiner Karriere eine besondere Stellung ein. Wenn du die Leute um dich herum magst, fällt die harte Arbeit viel leichter.“ Nicht aber der Abschied. „Weil wir auch abseits des Eishockeys viele Menschen kennen gelernt haben.“
Ehefrau Monica kommt ins Zimmer. „Hi, schön dich zu sehen“, sagt sie zur Begrüßung und dann zu ihrem Mann: „Blake, denkst du dran, Mila zu wecken?“ Der Mittagsschlaf ist beendet. „Ja, Schatz. Entschuldige mich kurz…“ Sloan verschwindet im Kinderzimmer. Zwei Minuten später kommt er mit seiner Tochter auf dem Arm zurück. „Sag’ hi zu Christian.“ Die Kleine reibt sich die Augen: „Hi Christian.“
„Wo waren wir stehengeblieben?“, fragt ihr Vater. „Ach ja, ich mag die Stadt. Auch wenn sie kleiner ist als andere, hat sie viel zu bieten. Wo gehen wir immer gern hin, Mila?“ Langsam munterer, antwortet das Mädchen halb auf Deutsch, halb auf Englisch: „Ins Badeland und ins Kinderparadies der Soccer-Five-Arena.“
Der Papa hat auch andere schöne Erinnerungen an die vergangenen drei Wolfsburg-Jahre, zählt die zwei wichtigsten Momente auf: die Geburt seines Sohnes Weihnachten 2010 und das Finale 2011 gegen Berlin. Trotz der Niederlage dort schwärmt Sloan: „Während der Play-offs sprachen mich viele Menschen auf der Straße, an der Tankstelle oder im Supermarkt an. Sie waren begeistert. An den Autos prangten Grizzly-Aufkleber und -Fahnen. Ich hatte noch nie so viele Fans in EHC-Trikots gesehen.“
Und die unerfreulichsten Momente? „Die Finalniederlage gegen Berlin und meine Verletzung in der letzten Saison.“ Sloan überlegt eine Weile. „Klar, dass ein oder andere Spiel lief auch nicht so gut für mich. Aber sonst fällt mir nichts ein.“
Deutschland ist für die Sloans zur zweiten Heimat geworden. „Wir haben viele Freunde hier. Es wäre schön, einen neuen Verein in der DEL zu finden, um sie nach dem Sommer wiederzusehen.“
Den verbringt die Familie in Plymouth im US-Bundesstaat Minnesota. Dort hat sie ihr Haus. „Wir werden auch meine Eltern in Chicago besuchen. Mila und Kale bleiben eine Woche bei ihnen, und Monica und ich machen dann erstmals seit der Geburt unserer Kinder wieder eine Woche allein Urlaub in Las Vegas oder Florida.“
In Wolfsburg packen die Sloans nun ihre Sachen. Dienstag geht ihr Flug zurück in die Heimat. 37 wird Blake Sloan zu Beginn der nächsten Saison sein. Ans Aufhören denkt er nicht. „Ich will meine Karriere nicht mit einer Verletzung und einem frühen Play-off-Aus beenden“, sagt er.
Sloan geht im Guten. „Ich war nicht der talentierteste, schnellste oder torgefährlichste EHC-Spieler. Aber ich hoffe, dass sich die Fans erinnern, dass ich in jedem Spiel immer alles gegeben habe“, sagt er.
Eineinhalb Stunden Plaudern vergingen wie im Flug. Bei der Verabschiedung an der Wohnungstür hält Sloan Söhnchen Kale, einen waschechten Wolfsburger, auf dem Arm. „Einen Wunsch habe ich noch. Falls ich in der nächsten Saison gegen die Grizzlys spielen sollte, wünsche ich mir, dass mich die EHC-Fans trotzdem freundlich empfangen.“
Der auf dem Eis knallharte Profi klingt wehmütig. Vielleicht tröstet ihn: Sein Wunsch wird in Erfüllung gehen, denn: Einmal Wolfsburger, immer Wolfsburger. Mach’s gut, Blake, und danke für drei Jahre 100 Prozent Einsatz für den EHC!

