Bollwerk ist zur Schießbude verkommen
Wolfsburg Das Defensiv-System des EHC Wolfsburg funktioniert nicht mehr. Warum, das erklären wir in Teil 3 unserer Analyse der Grizzly-Krise.
Sie war das Prunkstück der Grizzlys, die Garantie für die Erfolge der vergangenen Jahre: die Defensive. Zwei Jahre kassierte der EHC Wolfsburg die wenigsten Gegentore in der Deutschen Eishockey-Liga. Das ist nun anders. Mittlerweile ist der Vizemeister von 2011 zur Schießbude der Liga verkommen.
Das ist der Punkt, der Cheftrainer Pavel Gross am meisten stört. Sein Konzept basiert auf einem einfachen Konzept, das aber nur mit viel Einsatz umzusetzen ist: Verteidiger wie Stürmer müssen 60 Minuten viel laufen, um in der Rückwärtsbewegung immer schnell die guten Schusswege zuzustellen und so den Gegner zu zwingen, aus spitzem Winkel abzuschließen. Eigentlich simple Eishockey-Mathematik.
Angesichts von 66 Gegentoren in 20 Spielen (3,30 pro Match) geht die Rechnung aber nicht auf. Zum Vergleich: In den vorherigen Saisons lagen die Quoten bei 2,35 (2011/12) und 2,23 (2010/11). Zusammen mit dem limitierten Low-Budget-Team Düsseldorf (69 Gegentore in 21 Partien) liegt der selbst ernannte Play-off-Kandidat EHC derzeit auf dem letzten Platz in dieser Statistik. „Das ist völlig unnormal für uns“, sagt Sportdirektor Charly Fliegauf.
Los ging das Dilemma im Mai bei der WM in Schweden. Nationalverteidiger Christopher Fischer, vorgesehen für den ersten Abwehrblock, zog sich eine folgenschwere Knie-Verletzung zu. Er merkte es aber nicht sofort. Spät, erst in der Vorbereitung wurde ein schwerer Knorpelschaden entdeckt. Mittlerweile ist Fischer operiert. Ob er aber in dieser Saison überhaupt spielt, wagt keiner vorherzusagen. Fischers Wechsel nach Mannheim im Sommer steht fest. Ein Schelm, wer Böses denkt.
„Mit Christopher fehlt uns eine Persönlichkeit. Er hinterlässt ein großes Leistungsloch“, sagt Gross. Plötzlich musste ein Top-Verteidiger her. Im Spätsommer eine fast unmögliche Mission für einen Manager. Der DEL-erfahrene Sean Blanchard soll es nun richten. Eine Aufgabe, die für den Kanadier aber eine Nummer zu groß zu sein scheint. Deswegen fordert der Trainer: „Alle zusammen müssen einen besseren Job machen.“
Weil sich auch Armin Wurms Rückkehr wegen eines schlecht verheilten Fußbruchs verzögerte, hatte Fliegauf bereits Rainer Köttstorfer verpflichtet. Der absolvierte aber erst wegen eines muskulären Problems und einer Grippe nur 6 der ersten 14 Partien. Nun droht ihm wegen einer bösen Schnittwunde am Arm aus dem 15. Match das Saisonaus. Auch der wiederum nachverpflichtete Martin Walter fiel vom 3. bis zum 17. Spieltag wegen eines Fingerbruchs aus. Youngster Kilian Keller, der hauptsächlich noch für Drittligist Füssen mit Förderlizenz spielen sollte, musste deswegen früh und teilweise mit viel Eiszeit in der DEL ran. Die Stabilität dafür fehlt ihm aber noch. Deswegen ist er fest zurück in Füssen und wird nur sporadisch angefordert.
Egal, ob offensiv oder defensiv orientiert – von den Verteidigern mit regelmäßiger Eiszeit besitzt derzeit nur Wurm (+4) einen positiven Wert in der Plus-Minus-Bilanz (Differenz Tore zu Gegentoren bei gleicher Anzahl Spieler auf dem Eis). „Armin profitiert aber auch davon, dass er bei unserem schlechten Saisonstart nicht dabei war“, nimmt Fliegauf die anderen Abwehrspieler in Schutz.
Unbeeindruckt von allem zeigte sich in den ersten 20 Saisonspielen nur Robbie Bina (+/-0). Wolfsburgs Mister Zuverlässig (1 Tor/2 Assists) punktet zwar kaum, aber lässt auch wenig anbrennen. Seinen neuen Zwei-Jahres-Vertrag hat sich der US-Boy verdient. Mehr muss indes von den Nationalspielern Benedikt Kohl (20 Spiele/0 Tore, 3 Assists/-3) und Benedikt Schopper (17/1/1/-2) kommen.
Steigerungspotenzial besitzen sie – wie auch Blanchard (20/0/5/-3) – nicht nur defensiv, sondern auch in der Offensive. Von der blauen Linie, im Powerplay besonders wichtig, machen sie kaum Druck mit Schüssen. Einzig Neuzugang Aaron Brocklehurst (20/4/11/-5) tut sich hier hervor, der allerdings extra für diese Rolle geholt wurde. Seine Plus-Minus-Bilanz von -5 zeigt aber auch, dass er bei 5 gegen 5 Probleme hat.
Immerhin vertritt er den EHC als Einziger in den populärsten DEL-Statistiken an der Spitze. Mit 15 Scorerpunkten ist er zweitbester Verteidiger und liegt sogar noch einen Platz vor Krefelds NHL-Star Christian Ehrhoff (18 Spiele/14 Punkte). Aber dessen Plus-Minus-Bilanz von +6 zeigt, was den Unterschied ausmacht.
Für die Gegentor-Flut kritisiert Gross nicht nur seine Verteidiger-Paare. „Es stehen immer fünf Spieler und ein Torwart auf dem Eis. Ich schaue nicht nur auf die defensive Zone, alles ist verbunden.“ Um die Abwehrleistung zu beurteilen, zieht der Coach vor allem die Plus-Minus-Werte heran. Die beweisen, dass die Stürmer nach hinten mehr tun müssen: Norm Milley (-13), Patrick Pohl (-6), Niko Dimitrakos (-5/suspendiert), Adrian Grygiel (-5), Kai Hospelt (-4), Greg Moore (-3) …
Das lässt leicht folgenden Schluss zu: Gross’ in der Vergangenheit erfolgserprobtes Defensiv-System wird in dieser Saison nicht gut genug umgesetzt, teils auch mangels Klasse.
• Lesen Sie morgen im 4. und letzten Teil: Transferpolitik, Spielerauswahl – die Verantwortlichen üben Selbstkritik und suchen Lösungen.

