„Die vielen lebenswerten Dörfer dürfen nicht sterben“

Baddeckenstedt  Die Samtgemeinden Baddeckenstedt und Lutter wollen gemeinsam dem Bevölkerungsschwund entgegenwirken.

Menschenfiguren auf dem Gebäude des Bundesfamilienministeriums in Berlin. Gerade im ländlichen Raum droht eine Überalterung.

Foto: Jens Kalaene/ dpa

Menschenfiguren auf dem Gebäude des Bundesfamilienministeriums in Berlin. Gerade im ländlichen Raum droht eine Überalterung. Foto: Jens Kalaene/ dpa

Geschäfte finden keine Nachfolger und müssen schließen. Gewerbe- und Wohnräume stehen leer, Schulen sind nicht mehr ausgelastet, Vereine verlieren Mitglieder, und viele Kommunen blicken auf eine prekäre Finanzlage. Die Samtgemeinde Baddeckenstedt und Lutter versuchen, gemeinsam diese Entwicklung aufzuhalten.

Die Politiker und Verwaltungen beider Samtgemeinden wollen nicht warten, bis sich die Abwärtsspirale nicht mehr auszuhalten ist, sondern ihre Entwicklung aktiv mit gegenseitiger Unterstützung – den aktuellen und künftigen Gegebenheiten anpassen.

„Der demografische Wandel hat uns kalt erwischt. Noch vor zehn Jahren sah die offizielle Bevölkerungsprognose 11 500 Einwohner für die Samtgemeinde Baddeckenstedt vor“, klagt deren Bürgermeister Jens Range. Stattdessen sagen neuere Prognosen einen deutlichen Bevölkerungsrückgang bis 2030 auf rund 9000 Bürger zwischen Berel und Sehlde voraus. Dies gelte für ganz Südostniedersachsen und führe zu nachhaltigen Veränderungen in unserer Gesellschaft, nennt Range eine seiner Kernaussagen zum Thema.

Wurden bis vor kurzem noch rund 120 Kinder jedes Jahr in der Samtgemeinde Baddeckenstedt geboren, sank diese Zahl auf derzeit rund 80 und dürfte sich bis 2030 mit 55 bis 60 Kindern halbiert haben. Bereits heute seien 27 Prozent der Einwohner in der Samtgemeinde 60 Jahre und älter. Die Tendenz sei steigend, besonders bei der Generation 85 plus. Aufgrund dieser Veränderungen sahen sich Politik und Verwaltung gezwungen, den demografischen Wandel positiv zu beeinflussen. Zusätzlich zu diesem Aufruf mehr Kinder in die Welt zu setzen, fordert Range mutige Entscheidungen mit Weitblick.

Der Baddeckenstedter Verwaltungschef erteilt allerdings publikumswirksamen Einzelaktionen eine Absage. Range: „Unser Ziel muss sein, dass wir Kitas, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, Arztpraxen sowie Feuerwehren und die Polizei dauerhaft erhalten und sichern.

Trotz der Horrorszenarien, die im Extremfall einen Bevölkerungsrückgang von mehr als 40 Prozent bis ins Jahr 2050 prognostizieren, sieht Range nicht schwarz. Er sagt: „Unsere Dörfer sind lebens- und erhaltenswert. Recht schnell werden hingegen die Trabantensiedlungen von der Landkarte verschwinden.“ Deshalb müssten verfallene Häuser wie ein hohler Zahn aus den Dörfern herausgerissen werden, ehe dadurch nebenstehende Gebäude an Wert verlieren würden. Range: „Dann ist eine Lücke im Gebiss oder richtiger im Dorfbild, die bessere Lösung.“

Zu diesem Zweck haben sich beide Samtgemeinden mit ihren Mitgliedsgemeinden gemeinsam um die Aufnahme in das Städtebauförderprogramm des Bundes „Kleinere Städte und Gemeinden – überörtliche Zusammenarbeit und Netzwerke“ beworben. Mit Erfolg!

Das Städtebauförderprogramm hilft dabei, Kommunen im ländlichen Raum zukunftsfähig zu machen, indem diese mit Nachbarkommunen zusammenarbeiten und dadurch Synergieeffekte erzielen. Hierzu erhalten die Samtgemeinden Fördergeld zur Aufstellung eines interkommunalen Entwicklungskonzeptes. Das Konzept soll alle Themenbereiche der Ortsentwicklung in jeder einzelnen Kommune vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung beleuchten und letzten Endes Ziele und geeignete Maßnahmen formulieren, wie den Herausforderungen gemeinsam begegnet werden kann.

Ein wesentlicher Bestandteil bei der Konzepterarbeitung ist die Beteiligung der Bürger. Voraussichtlich am Donnerstag, 21. Februar, soll ab 18 Uhr in der Samtgemeinde Baddeckenstedt ein erster Infoabend stattfinden. Ergebnisoffen solle diskutiert werden und in Arbeitsgruppen Ideen aus dem Kreise der Bürger umgesetzt werden, sagt Peter Kühlewindt. Der Bürgermeister der Samtgemeinde Lutter nennt die Verbesserung der medizinischen Versorgung, der Betreuung von Senioren und der Infrastruktur als Schwerpunkte für den Erhalt des ländlichen Raumes.

Kühlewindt: „Auch in den Kitas auf den Dörfern muss eine Betreuung der Kinder von 7 bis mindestens 17 Uhr gewährleistet werden.“ Oft müssten beide Partner vollerwerbstätig sein, zudem steige auch auf dem Land die Zahl der Alleinerziehenden.

Die von den Samtgemeindeverwaltungen beauftragten Planungsbüros Grontmij und Baubecon würden in den nächsten Wochen Bürger anrufen, um bereits erste Meinungen einzuholen, setzt Kühlewindt auf Unterstützung aus der Bevölkerung. Wer in Zukunftsworkshops sein Wissen und seine Ideen einfließen lassen wolle, der könne sich hierfür in den beiden Rathäusern anmelden. Im nächsten Herbst soll das samtgemeindeübergreifende Entwicklungskonzept abgeschlossen werden.

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