Erste Mietshäuser sollen 2014 abgerissen werden

Watenstedt  Aufregung in Watenstedt – die Mieter der Häuser in den Straßen Am Graben sowie Am Ehrenmal müssen bis Oktober 2013 ihre Wohnungen räumen.

Die Mietshäuser der Glückauf-Immobilien-GmbH in Watenstedter sollen 2014 abgerissen werden.

Foto: Jan-Michael Schürholz

Die Mietshäuser der Glückauf-Immobilien-GmbH in Watenstedter sollen 2014 abgerissen werden. Foto: Jan-Michael Schürholz

Ein Watenstedter Bürger hatte sich besorgt in der Redaktion der Salzgitter-Zeitung gemeldet. „Etwa zehn türkisch-stämmigen Familien sind die Wohnungen gekündigt worden“, berichtete er. Als er den Ortsbürgermeister Karl-Heinz Schünemann (SPD) auf den Sachverhalt angesprochen habe, habe dieser nur auf die marode Bausubstanz verwiesen. Doch der Watenstedter vermutete mehr hinter der Angelegenheit. Während die einen in dieser Handlung die ersten Anzeichen für die Aufgabe des Stadtteils vermuten, wollen die Mieter vor allem eines: eine gesicherte Zukunft.

Denn im Januar dieses Jahres beschloss der Rat der Stadt Salzgitter die Umwandlung des Stadtteils. Dem Beschluss gingen hitzige Debatten um die Zukunft Watenstedts voraus. Die Äußerung von Oberbürgermeister Frank Klingebiel, „Watenstedt hat nur eine Zukunft als Gewerbegebiet“, stieß bei den Einwohnern des Stadtteils nur auf geringe Zustimmung. Der besorgte Watenstedter frage sich, was nun aus den Häusern und den Familien werde. „Schließlich sind es vor allem ausländische Familien, die hier wohnen“, sagt er.

Die Gebäude seien marode

Familie Muratoglu ist eine der betroffenen Familien. Seit 1999 lebt sie in einem der Häuser, und wie Gülden Muratoglu sagt, gerne. Schon im September hatte die Familie das Kündungsschreiben erhalten. Darin teilt die Glückauf Immobiliengesellschaft (Gig), ein Tochterunternehmen der Salzgitter AG, mit, dass sie „aus wirtschaftlichen Überlegungen die genannten Wohnhäuser im Frühjahr 2014 abreißen“ werde, und den Mietern deshalb fristgerecht gekündigt werde.

„Die Gebäude stammen aus den Jahren 1954 bis 1956. Sie sind in einem Zustand, der umfangreiche Investitionen notwendig machen würde“, teilt Bernhard Kleinermann, Konzernsprecher der Salzgitter AG, auf Anfrage mit. Angesichts der in Salzgitter herrschenden Situation auf dem Wohnungsmarkt seien solche Aufwendungen für eine umfangreiche Sanierung nicht vertretbar, sagt der Konzernsprecher.

„Der anhaltende Bevölkerungsrückgang hat zu erheblichen Leerständen geführt“, sagt Kleinermann. Das Gebäude Am Ehrenmal 22 wirkt vollständig unbewohnt. Im Nachbarhaus sind noch zwei Wohnungen vermietet. Auch in der Straße Am Graben zeigt sich in den drei Häusern ein ähnliches Bild. In vielen Fenstern hängen keine Gardinen mehr. „Ein Rückbau von Wohngebäuden ist deshalb unvermeidlich“, sagt Kleinermann und verweist auf den Rückbau von Hochhäusern in der Siedlung Fredenberg und am Salzgittersee.

„Die Glückauf Immobilien will ebenso verfahren und hat deshalb seit fünf Jahren keine neuen Mieter mehr aufgenommen und nun den verbliebenen neun Mietparteien fristgerecht gekündigt“, erläutert Kleinermann.

Gülden Muratoglu weiß, dass irgendwann der Tag kommt, an dem sie ihre Wohnung in Watenstedt für immer verlassen muss. „Für uns wird es etwas leichter“, sagt sie, denn: „Wir sind Mieter. Wir packen einfach unsere Koffer und sind dann weg. Anderen Einwohnern wird es schwerer fallen. Sie haben hier Grund und Boden.“ Doch was bei Gülden Muratoglu so leicht klingt, wird auch ihr schwerfallen, gesteht sie. „Meine Kinder sind hier im Dorf geboren und aufgewachsen“, sagt sie. Wegziehen komme für sie eigentlich nicht infrage.

Mieter beklagen Kosten

Muratoglu versteht nicht, warum ihre Familie nicht in eines der Nachbarhäuser ziehen kann. „Unseres mag aus den 1950er-Jahren stammen. Die anderen drei Häuser sind doch aber aus den 80ern. Die müssen doch noch in Ordnung sein“, sagt sie. Konzernsprecher Kleinermann widerspricht dieser Darstellung. „Auch diese Häuser sind Baujahr 1956“, sagt er.

Ein Umzug in eine neue Wohnung werde ihre Familie vor einige Herausforderungen stellen, sagt Muratoglu. „Wir sind auf Sozialhilfe angewiesen. Da müssen wir sehr auf die Größe der Wohnung achten“, sagt sie. Außerdem sei es mit dem Umzug alleine nicht getan. „Wir werden ja auch renovieren müssen.“ Doch auf Nachfrage beim Amt habe die Bearbeiterin nur gemeint, sie solle sich eine renovierte Wohnung suchen.

Die Glückauf Immobilien hatte derweil im Kündigungsschreiben bereits angekündigt, den Mietern bei der Suche nach einer neuen Wohnung behilflich zu sein. Der Kontakt zu einem Wohnungsunternehmen in Salzgitter sei bereits hergestellt worden. Konzernsprecher Kleinermann teilt mit: „Die Mieter werden selbstverständlich vom Gig-Team in allen organisatorischen Fragen beraten und begleitet.“

Bislang sei allerdings noch niemand aus dem Gig-Team auf ihre Familie zugekommen, sagt Gülden Muratoglu. „Ich würde hier gerne wohnen bleiben“, sagt sie. Wenn sie jedoch umziehen müssten, dann wünsche sie sich eine Umgebung, in der ihre restliche Familie in der Nähe wohnt. „Diese Nähe ist mir sehr wichtig, damit wir uns gegenseitig unterstützen können“, sagt Muratoglu.

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