Gefahr durch Atom-Transporte zum Endlager Schacht Konrad?

Salzgitter  Im Endlager Schacht Konrad sollen ab 2019 radioaktive Abfälle gelagert werden – unter anderem aus Zwischenlagern wie diesem in Karlsruhe. Ein Gutachter weist auf Transportrisiken hin.

Frühestens im Jahr 2019 werden im Schacht Konrad in Salzgitter die ersten schwach- und mittelradioaktiven Abfälle endgelagert. Viele Anwohner haben Angst vor unkalkulierbaren Folgen. Derzeit wird die Frage diskutiert: Wie gefährlich werden die Atommüll-Transporte sein? Laut einer Studie aus dem Jahr 2009 wird es kein relevantes Risiko geben – ein Gutachter bemängelt nun aber einige Ergebnisse dieser Studie. Darum geht es:

Schacht Konrad

Das einstige Erzbergwerk ist das erste nach Atomgesetz genehmigte Endlager in Deutschland. Es ist für maximal 303.000 Kubikmeter an radioaktiven Abfällen mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung genehmigt. Die Abfälle stammen zum Beispiel aus Atomkraftwerken, aus der Forschung und der Medizin. Es handelt sich unter anderem um kontaminierte Werkzeuge, Schutzkleidung und Schlämme.

Vor der Endlagerung wird der Abfall speziell behandelt: eingedampft, zerkleinert, verbrannt oder zementiert. Danach kommt er in standardisierte Behälter, die mit Beton ausgegossen werden. Fast 100.000 Kubikmeter dieses Abfalls lagern bereits verarbeitet und verpackt über Tage in Zwischenlagern.

Die Transportstudie der GRS

Vor drei Jahren hatte die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) untersucht, welche radiologischen Auswirkungen die Transporte zum Schacht Konrad haben werden – und zwar für die Bevölkerung, für das Transportpersonal wie Lokführer und LKW-Fahrer sowie für die Umwelt. Die Wissenschaftler bewerteten sowohl den unfallfreien Transport als auch einen Transportunfall. Sie kamen in beiden Szenarien zu dem Ergebnis, dass die potenzielle Strahlung unter den gesetzlichen Grenz- und Richtwerten liegt.

Die GRS ist eine gemeinnützige technisch-wissenschaftliche Forschungs- und Sachverständigenorganisation, die vor allem von Bundes- und Landesbehörden beauftragt wird – in diesem Fall war es das Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter. Der Hauptsitz der GRS befindet sich in Köln, eine Außenstelle in Braunschweig.

Die Überprüfung der GRS-Studie

Der Rat der Stadt Salzgitter hatte vor einigen Monaten beschlossen, dass die Transportstudie der GRS von anderen Gutachtern geprüft werden soll. Den Auftrag bekam die Intac GmbH aus Hannover – das Unternehmen befasst sich seit vielen Jahren mit der Bewertung des Transports, der Behandlung sowie der Zwischen- und Endlagerung radioaktiver Abfälle. Zu den Auftraggebern gehören unter anderem Bund und Land sowie Kommunen, Umweltschutzorganisationen und Bürgerinitiativen.

Der Zwischenbericht der Intac

Seit dem Frühjahr liegt ein Zwischenbericht der Intac vor. Autor ist der Physiker Wolfgang Neumann, er ist derzeit nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Neumann hat einige Aspekte herausgearbeitet, die aus seiner Sicht kritisch sein könnten und die er nun vertieft bearbeitet. Seine abschließende Bewertung wird noch in diesem Jahr erwartet.

Den Wissenschaftlern der GRS liegt der Zwischenbericht vor – sie halten die Kritik für ungerechtfertigt. GRS-Sprecher Sven Dokter hat am Donnerstag zu den einzelnen Punkten Stellung genommen, wir greifen drei davon beispielhaft heraus:

Kritikpunkt: Inhalt der Behälter

Die GRS hat für ihre Studie bei allen Abfallproduzenten Daten erhoben – etwa zur Art des schon vorhandenen Abfalls, zu seiner Herkunft, zur Form der Verpackung und zur Radioaktivität. Wolfgang Neumann hält diese Angaben jedoch teilweise für mangelhaft beziehungsweise für überholt. Der Grund: Bislang sind die Abfallerzeuger aus technischen Gründen noch nicht in der Lage, die zulässigen Grenzwerte für die Radioaktivität in den Behältern voll auszunutzen. Neumann geht aber davon aus, dass sich das durch neue Methoden der Bearbeitung und Verpackung ändern wird. „Die von der GRS erhobene Datenbasis wird damit in weiten Teilen nicht mehr zutreffend sein“, schreibt er. Man müsse daher die zulässigen Maximalwerte als Grundlage der Berechnungen nehmen, nicht die von den Abfallerzeugern angegebenen Werte.

GRS-Sprecher Sven Dokter erklärt hingegen, dass die Studie den Anspruch hatte, realistisch abzubilden, was transportiert wird. „Es entspricht keineswegs der Realität, dass alle Behälter bis zu den erlaubten Grenzwerten gefüllt sind“, sagt er. Die Entwicklung werde aber genau verfolgt, und falls sich wesentliche Rahmenbedingungen ändern sollten, würden die Wissenschaftler auch neu rechnen, so Dokter.

Kritikpunkt: Terroranschläge

In Neumanns Zwischenbericht heißt es: „Die GRS betrachtet kein Schadensausmaß nach terroristischen Akten. Dies ist vor dem Hintergrund der Tätigkeiten von Terrorgruppen in Europa und der Bedrohungssituation auch für die Bundesrepublik Deutschland ein Versäumnis.“

Sven Dokter kontert, dass solche Fragen generell untersucht werden. „Die Ergebnisse dürfen aber nie veröffentlicht werden, da sie der Geheimhaltung unterliegen“, erklärt er. Die Transportstudie sei hingegen ausdrücklich mit dem Ziel der Veröffentlichung erstellt worden, damit alle Bürger Einsicht haben.

Kritikpunkt: Seltene Ereignisse

Neumann erläutert, dass die GRS für die Bewertung der Strahlenbelastung nach Transportunfällen den Ablauf eines möglichen Unfalls in mehrere Schritte zerlegt und angibt, mit welcher Wahrscheinlichkeit bestimmte Ereignisse eintreten. Um die komplexen Datensätze handhabbar zu halten, seien die Daten auf ein überschaubares Maß reduziert worden. Seine Kritik: „Durch Mittelwertbildung für die weitere Verarbeitung besteht die Gefahr, seltene Ereignisse auszublenden. Deshalb kann durch diese Methodik eine Unterschätzung der möglichen Strahlenbelastung nach Transportunfällen erfolgen.“

Sven Doktor erklärt dazu: „Mittelwerte beziehen die Extreme immer mit ein. Selbstverständlich haben wir auch gravierende Szenarien berücksichtigt – aber bei jeder Risikobetrachtung muss man irgendwann einen Punkt setzen.“

Er nennt ein Beispiel: Ein Transportunfall, bei dem am Schacht Konrad Radioaktivität in die Umwelt gelangt, wird nach den Berechnungen im statistischen Mittel einmal in 260 Jahren erwartet. In 99 von 100 Fällen liege die Strahlendosis dann unter 0,3 Millisievert. Eine Strahlendosis von maximal 8 Millisievert werde statistisch einmal in 10 Millionen Jahren erreicht. „Das ist ernstzunehmen, aber es handelt sich um eine vergleichsweise geringe Dosis“, sagt Dokter.

Zum Vergleich: In Deutschland empfängt jeder Mensch pro Jahr durch natürliche und medizinische Strahlung im Schnitt eine Dosis von rund 4 Millisievert. „Erst bei etwa 100 Millisievert lässt sich mit statistischen Mitteln eine Erhöhung des allgemeinen Krebsrisikos gerade noch nachweisen“, sagt Dokter.

Das sagt die Stadt Salzgitter

In Salzgitter befassen sich jetzt die politischen Gremien mit dem Zwischenbericht. Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU) sagte am Donnerstag: „Aus unserer Sicht zeigt der Bericht, dass es in Bezug auf die Transporte Nachbesserungsbedarf gibt. Wenn wir die Endlagerung schon nicht verhindern können, fordern wir zumindest größtmögliche Sicherheit. Das haben die Menschen, die hier leben, verdient.“

Klingebiel hält die im Zwischenbericht aufgeführten Kritikpunkte für sehr relevant. Er hofft, dass das Gutachten der GRS nachgebessert wird, falls sich die Kritikpunkte als stichhaltig erweisen sollten.

Das sagt der Endlager-Betreiber

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter machte am Donnerstag deutlich, dass es die Transporte zum Schacht Konrad weder genehmigen noch beaufsichtigen wird – dies sei Sache der Abfallanlieferer und der jeweils betroffenen Bundesländer. Sprecher Florian Emrich betonte aber: „Als Betreiber des Endlagers sehen wir uns selbstverständlich in der Pflicht, allen Fragen der Sicherheit nachzugehen. Das BfS wird die Stellungnahme der Stadt Salzgitter deshalb sorgfältig prüfen, sobald diese vorliegt. Bisher haben wir keine Erkenntnisse, wonach die Transporte unsicher sein könnten.“

Service

Die Transportstudie der GRS finden Sie hier.

Den Zwischenbericht der Intac GmbH finden Sie hier.

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