In der Heimat von Skipionier Schneider

Arlberg  Pünktlich zum Saisonbeginn gibt es nicht nur am Arlberg reichlich Schnee – Beste Bedingungen in den Alpen.

Wintersportorte brauchen ihre Idole. Was Flachau im Salzburger Land sein „Herminator“ Hermann Maier ist, ist für den Arlberg der berühmte Hannes Schneider. Der Pionier war kein Rennfahrer, ihn kennen heute nur noch wenige außerhalb Österreichs, dabei prägte er die moderne Technik von Otto-Normal-Skifahrer enorm – vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts an.

Die Legende aus Vorarlberg stellt die andere Seite des mondänen Schneeorts St. Anton dar. Gerade zu Saisonbeginn lohnt außer dem Fahren in herrlichem Pulverschnee – wie es jetzt Mitte Dezember am Arlberg möglich ist – der Blick in die Geschichte der Tourismusregion, die zu fast 90 Prozent vom Wintersport lebt.

Sogar ausschließlich von den Gästen zwischen Dezember und Mitte April verdienen sich die 100 echten Stubener, einem Ort ganz in der Nähe des bekannteren St. Anton, ihren Lebensunterhalt. Und der Skipionier Hannes Schneider ist genau in diesem verträumten, schneesicheren Dörfchen geboren.

Er war ab 1907 der erste Skilehrer am Arlberg, revolutionierte mit der innovativen „Arlbergschule“ die Technik des Skifahrens und trug den Namen seiner Heimat in alle Welt. Im wahrsten Sinne des Wortes – wenn auch aus einem traurigen Grund. Der Stubener musste in den 30er Jahren aus politischen Gründen emigrieren. Ihn zog es in die USA nach New Hampshire. Schneider spielte in 15 der damals sehr populären Skifilme mit, unter anderem in „Der weiße Rausch“. Im Museum in St. Anton ist seine Vita anschaulich nachgezeichnet. In seiner Wahlheimat USA starb er 1955.

Die Einheimischen huldigen ihm mehr denn je. Direkt am Dorfrand errichteten sie ihm zu Ehren ein Denkmal. Mit Holzskiern auf dem Rücken und Stöcken in der Hand scheint er auf dem Weg in sein Geburtshaus.

Rudi Pichler, seit mehr als 30 Jahren Tourismuschef in Stuben, erzählt beim Rotwein im Mondschein-Restaurant, was nicht in den Prospekten steht, er sich aber nicht scheut zu verraten: „Hannes Schneider hat nur ganz wenige Kindheitsjahre in Stuben verbracht“, erwähnt er mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht.

Auf den Spuren des Skienthusiasten wandeln weiterhin einige Einheimische, die die Liebe zur Natur mit dem Skifahren verbinden — Mittvierziger Hermann Gutwenger, Winterskilehrer und im Hauptberuf Kunstschlosser, der so gar nicht zum mondänen St. Anton passen mag, giert nach Schnee, der frisch gefallen ist, um die ersten Spuren zu ziehen.

Als ambitionierter Gast darf man es als großes Glück betrachten, diese Kombination geboten zu bekommen. Ausgestattet mit sämtlichem Sicherheitsequipment wie Lawinensuchgeräten und Airbag-Rucksäcken durchpflügen wir den ersten Schnee dieser Saison. Ein Erlebnis, was selbst eingefleischten Brettlfreunden selten vergönnt ist: Variantenfahren in unberührtem Gelände. An einem wunderschönen Vormittag, an dem die Niederschläge für zwei Stunden blauem Himmel und Sonnenschein Platz machen, erobern wir den Senderhang in Richtung St. Christoph, dem zweiten Ort im Skigebiet um St. Anton — ein Traum.

Nachdem Ende November das Ski-Opening mangels weißer Pracht um eine Woche verschoben werden musste, wird der Arlberg seinem Ruf großer Schneemassen mittlerweile wieder gerecht. Darum braucht man sich als Flachländer nichts vorzumachen – ein Terrain für jedermann sind und werden die Pisten unterhalb der Schindler-Spitze, Vallugagrat, Rendl oder Kapall nimmer mehr.

Es fehlt hauptsächlich die Breite, auf die sich Dauerkonkurrent Ischgl oder andere mehr auf Kinder- und Familienskilauf ausgerichtete Gebiete wie Serfaus/Fiss/Ladis oder auch das Zillertal spezialisiert haben.

Wenn man Wilma Himmelfreundpoitner, engagierte wie kundige Vorzeige-Marketingfrau aus St. Anton glauben mag, so will man sich diese Besonderheit bewahren. „Wir sind unvergleichlich“, sagt sie mit einem Zwinkern im Auge. Aber recht hat sie schon.

Im Preis für Skipässe, Hotellerie und Essen nehmen sich die großen Skigebiete am Vorarlberg und Tirol nichts, mit Ausnahme vielleicht des nahe gelegenen Lech/Zürs, wo Bier, Prosecco, Cappuccino oder Apfelstrudel noch einige Euro mehr kosten.

Die Problematik am Arlberg – die Gemeinde ist nicht Eigentümer der Liftanlagen – führte noch vor einigen Jahren dazu, dass die Sessellifte und Gondeln nicht auf dem neuesten Stand der Technik waren.

Ein Wettbewerbsnachteil? Offensichtlich nicht. Denn St. Anton und anliegende Dörfer sind gut gebucht. Auch zu Saisonbeginn braucht sich das neu eröffnete Hotel Anthony’s über mangelnde Resonanz nicht zu beklagen. Die Lage direkt an der Galzigbahn schwemmt viele Kunden in die American-Bar und die Pizzeria. Die ersten Hotelgäste schwärmen über den famosen Blick aus der Sauna und dem Außen-Whirlpool in die bizarre Bergwelt.

Während dieser Aufenthalt selbstverständlich seinen hohen Preis hat, bekommt der sparsamere Besucher selbst in der Nähe des berühmten Après-Ski-Schuppens Moserwirt eine Pension mit Frühstück zum akzeptablen Kurs. Preiswerter wohnt man auch in den vorgelagerten Dörfern wie Pettneu, aus denen per Postbus gute Verbindungen bis in die Nacht hinein angeboten werden.

Mit der Bahn kommt man übrigens aus Braunschweig unter zehn Stunden Fahrzeit direkt an den Arlberg. Wenn denn die Züge pünktlich abfahren. Bei kalter Witterung treten bisweilen Verzögerungen auf. Immerhin entschädigt die Bahn durch freundlichen Service und Preisnachlässe manch geplagten Kunden.

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