Wald trifft Moor trifft Meer

Graal-Müritz  Die seltene landschaftliche Dreieinigkeit lockt im Herbst nach Graal-Müritz an die Ostsee.

Im Herbst sind die Chancen am größten, Bernstein am Ostseestrand zu finden.

Foto: Tom Hiller

Im Herbst sind die Chancen am größten, Bernstein am Ostseestrand zu finden. Foto: Tom Hiller

Goldbraun schimmert das Tröpfchen auf dem Kopfkissen – Bernstein! Ein netter Gruß vom Hotel. Dazu die Empfehlung: „Suchen Sie doch auch einmal am Strand nach einem Exemplar.“

Schließlich ist der Herbst die beste Zeit, um solch ein Stückchen Gold der Ostsee zu finden. Die Herbstwinde sind dabei die besten Verbündeten der Schatzsucher, denn sie spülen die Urzeit-Harztropfen an den Strand.

Den fast menschenleeren Endlos-Strand von Graal-Müritz entlangzuwandern: Das ist Erholung pur.

Die Sonne strahlt vom klarblauen Himmel, die Wellen rauschen herbstwindbewegt, und dann noch diese Luft... Dass die an der See gesund ist, weiß man ja. Aber in Graal-Müritz kommt noch ein Extra dazu: Wald trifft Moor trifft Meer. Zur Landseite ist Graal-Müritz von der Rostocker Heide umgeben.

Der Küstenwald ist das größte geschlossene Waldgebiet in Norddeutschland. Und direkt an den Ort grenzt ein ausgedehntes Hochmoor mit vielen seltenen Tieren und Pflanzen. Dass die auch landschaftlich so reizvolle Dreieinigkeit ein ganz besonderes Heilklima erzeugt, entdeckte schon 1877 der Leibarzt der Schweriner Herzöge Carl von Mettenheimer. Was prompt den Bade- und Kurbetrieb florieren ließ. Bis heute ist der beschauliche 4000-Einwohner-Ort geprägt von Hotels und Pensionen im Bäderstil der vorigen Jahrhundertwende und lauschigen Reetdachhäusern.

Die einst von Mettenheiner gegründete Kinderklinik gibt es noch, zu ihr gesellen sich inzwischen zahlreiche Kureinrichtungen. Kein Wunder, dass der Ort auch viele Promis anzog. Der Schriftsteller Erich Kästner verbrachte hier so manchen Sommer und hielt seine Ferienabenteuer in der Erzählung „Emil und die drei Zwillinge“ fest. Franz Kafka lernte hier 1923 seine große Liebe Dora Diamant kennen, und Kurt Tucholsky verlebte in einer Pension, die heute Heimatmuseum ist, seine Flitterwochen. Auch Hans Fallada schwärmt in seinem Buch „Damals bei uns daheim“ von unbeschwerter Sommerfrische in Graal-Müritz.

Doch jetzt ist Herbst. Wir wandern am Strand, Augen am Boden. Die Schatzsuchertricks hat man uns in unserem Hotel „Zum Deichgraf“ mit auf den Weg gegeben. Das Vier-Sterne-Haus liegt direkt am Strand, näher geht es gar nicht. Da ist man natürlich auf Bernsteinsucher eingerichtet. Doch heute, leider, geizt das Meer mit seinem Gold.

Süßen Trost gibt es bei den Kuchen und Torten nach alten Hausrezepten im Kaffeestübchen Witt. Eine Institution voller Verführungen. Spezialität: der Riesenkirschwindbeutel, ein fluffiger Sahnetraum. Vor dem gemütlichen Reetdach-Café trifft man sich immer dienstags und freitags zu geführten Moorwanderungen. Und kann auf der rund zwei Stunden langen Tour im Wechsel der Jahreszeiten seltene Tiere und Pflanzen aus nächster Nähe erleben. Orchideen, den fleischfressenden Sonnentau oder gar den seltenen Gagelstrauch, dem Zauberkräfte nachgesagt werden.

Passend zum abendlichen Nebel, in dem man sich schon mal bei leichtem Grusel wie in einem Hitchcock-Film fühlt. Und der Bernstein? Den kann man auch ohne eigenes Finderglück erleben. Etwa in der Natur-Schatzkammer in Neuheide, wenige Kilometer östlich von Graal-Müritz oder im Deutschen Bernsteinmuseum in Ribnitz-Damgarten.

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