Im Reich der noblen Schnabeltassen

Karlsbad  Das Kurzentrum des tschechischen Badeortes Karlsbad erzählt interessante Geschichten – von Kaisern, Künstlern und Kaffeehaus-Gästen.

Blick auf die Vrideni, eine der Hauptstraßen von Karlovy Vary (Karlsbad), mit Fassaden des 19. Jahrhunderts.

Foto: dpa

Blick auf die Vrideni, eine der Hauptstraßen von Karlovy Vary (Karlsbad), mit Fassaden des 19. Jahrhunderts. Foto: dpa

Simona, die mit Zylinder und schwarzem Umhang ausstaffierte Kutscherin, dreht sich nur selten zu ihren Fahrgästen um. Tut sie es dann doch mal, zeigt sie nach rechts oder links und ruft den Namen des Hotels, Theaters oder Badehauses am Wegesrand. Schnell wendet sie sich dann wieder ihren Rössern zu, um das Gefährt wohlbehalten durch Karlsbad zu lenken.

Natürlich zieht sich die Runde nicht durch die ganze Stadt. Wer will schon an Verwaltungen und Bahnanlagen, an Industriebetrieben und Wohnblocks vorbeirollen? Dann doch lieber durch das mit k.u.k.-Flair überzuckerte Kurzentrum. Es erstreckt sich in den Süden der Stadt, ins schmale Tal der Teplá.

An den Ufern des Flüsschens reihen sich die Palais der Belle Époque, nur noch selten verunziert von den Spuren weniger schöner Epochen. Zu besichtigen gibt es reichlich: die Kolonnaden, in denen die Quellen sprudeln, die barocke Maria-Magdalenen-Kirche, das Stadttheater oder das Grandhotel Pupp.

In Karlsbad taucht man nicht nur in heilende Wässer, sondern auch in inspirierende Historie. Der Legende nach hat Kaiser Karl IV. den Badespaß hier entdeckt. Genauer gesagt, einer seiner Hunde. Der arme Vierbeiner soll sich im 14. Jahrhundert bei der Hirschjagd an einer heißen Quelle verbrannt haben. Inspiriert von diesem tierischen Missgeschick gründete der Kaiser anno 1358 Karlsbad – und verordnete sich selbst die ersten Behandlungen.

Lange Zeit wurden die Mineralquellen nur zum Baden verwendet, erst ab dem 16. Jahrhundert für Trink-Kuren. Überflutungen, Brände und Kriege warfen den Kurbetrieb oft zurück. Aber ebenso oft folgte ein Aufschwung. Auf der Gästeliste tauchen viele Berühmtheiten auf: Bach, Beethoven, Brahms, Chopin, Dostojewski, Dvorák, Freud, Fontane, Kaiser Joseph II., Kaiser Karl VI., Liszt, Marx, Zar Peter der Große, Schiller, Schumann, Wagner...

Hinzu käme noch die Aufzählung jener, die in die Rubrik „steinreich“ fallen. Mag sein, dass viele von ihnen auch der Heilung wegen kamen. Aber neben dem Leib pflegte man Kontakte. Im Café Elefant, so heißt es, habe Goethe seinen 37. Geburtstag gefeiert. Ein Besuch lohnt noch immer. Besonders begehrt bei den Gästen scheinen die Tischlein in den großen Schaufenstern, die ideale Position zum Schauen und Beschaut-Werden. Was bestellt derjenige, der dem üppigen Torten-Buffet widersteht? Ein Gläschen Becher- Bitter (der gar nicht bitter ist).

Doch vor den Likör haben die Götter eigentlich das Heilwasser gesetzt. Aus zwölf heißen und einer kühlen Quelle sprudelt es empor. Man sollte hier und da kosten, behutsam, denn die Wirkung auf die Verdauung ist nicht kalkulierbar.

Es gibt allerdings auch Wohltaten, die man nach Hause tragen kann. Besagter Becher-Bitter wird in den überproportionalen flaschenförmigen „Becherovka“-Hütten angeboten. Und dann locken die Oblaten. In Schachteln verpackt werden die aus Buden am Wegesrand unter die Touristen gebracht. Weniger nahrhafte Karlsbader Souvenirs gibt es in den Sprudel-Kolonnaden auch. Schnabeltassen in jeglichem Stil: mit Karlsbader Stadtansicht und entsprechendem Schriftzug, antik oder biedermeierlich anmutend, als Elefant oder Clown verkleidet.

Und dann wären da noch Gegenstände, die durch das Liegen im Quellwasser mit einer rostroten Sprudelstein-Kruste überzogen wurden. Keine Ahnung, ob sie so salzig wie das Wasser schmecken, Geschmacksache sind sie in jedem Fall. Dann schon lieber den Granatschmuck oder das böhmische Kristall, die in zahllosen Geschäften angeboten werden.

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