Nur Fluchtwege gab es nicht

Kassel  Das Kasseler „Knast-Hotel“ vor der Eröffnung – Besondere Übernachtungs-Atmosphäre bei der documenta

Eine Einzelzelle des ehemaligen Kasseler Untersuchungsgefängnisses Elwe, verziert mit einem Graffito.

Foto: Uwe Zucchi dpa/lhe

Eine Einzelzelle des ehemaligen Kasseler Untersuchungsgefängnisses Elwe, verziert mit einem Graffito. Foto: Uwe Zucchi dpa/lhe

„Willkommen im Knast“ mag eine ungewöhnliche Begrüßung sein beim Einchecken in einem Hotel. In Kassel gehört sie während der Mega-Kunstschau documenta vom 9. Juni bis zum 16. September zum guten Ton.

Denn in der „Elwe“, einem ausrangierten Untersuchungsgefängnis, ist das erste „Knast-Hotel“ des Landes untergebracht. Eine Woche vor der offiziellen Eröffnung am 8. Juni ist der Betreiber zufrieden mit den Buchungen. „An einigen Tagen sind wir ausgebucht, sicherlich kommen in den nächsten Tage noch viele Anfragen“, sagte Kristoffer Mathauser gestern.

Zusammen mit seinem Geschäftspartner Christopher Posch – Strafverteidiger, Fernsehanwalt und Sohn des hessischen Wirtschaftsministers Dieter Posch (FDP) – hat er das denkmalgeschützte Gebäude bis Ende 2012 vom Land gemietet. Bis zu 200 000 Euro hat das Duo in das Projekt investiert.

Den Gefängnis-Charakter wollen sie erhalten. „Schon die Hölle besucht?“, hat ein Häftling mit Kugelschreiber an seine Zellenwand geschrieben. „Dann schau dich mal um.“ Der rote Klinkerbau mit seinen 72 Zellen hat eine bewegte Geschichte. Errichtet wurde er 1876 als Landgerichtsgefängnis. Im Nationalsozialismus, als die Gestapo in der „Elwe“ residierte, wurden hier Regimegegner misshandelt.

1994 sorgte das Gefängnis europaweit für Schlagzeilen, als Flüchtlinge aus Nordafrika gegen ihre monatelange Abschiebehaft revoltierten und einen Justizbeamten als Geisel nahmen. Erst nach 22 Stunden wurde der Aufstand von der Grenzschutztruppe GSG 9 beendet. Vor gut anderthalb Jahren wurde die Haftanstalt stillgelegt, weil die überfällige Sanierung des maroden Gebäudes zu teuer gewesen wäre. Am 18. Dezember 2009 verließen die letzten Häftlinge die „Elwe“.

Genutzt wird der Bau mit seinen Gäste-Zellen bereits an diesem
Wochenende auf ebenfalls ungewöhnliche Weise: Die Tattoo Convention ist zu Gast in Kassel. Veranstalterin Jennifer Franke erwartet nach eigenen Angaben rund 120 Tätowierer und etwa 30 Händler sowie einige tausend Besucher in der „Elwe“.

Das Gefängnis ist für nur 100 Tage geöffnet, ein längerer Betrieb sei kaum zu bezahlen, erklärt Mathauser. „Es ist ja nicht jedes Jahr documenta.“ Außerdem gebe es viele Fragen des Baurechts, wenn ein Hotel dauerhaft betrieben wird. „Solche Dinge wie Fluchtwege mussten erst geschaffen werden, sie sind in einem Knast ja nicht vorgesehen.“

Das bisherige Interesse an dem „temporären Projekt“ sei groß, sagen die Betreiber. „Die Leute mögen das Konzept, sie nehmen die Idee dankbar an.“ Außerdem kämen viele auch in größeren Gruppen, sagt Mathauser.

Eine Werbegruppe aus Berlin könne in der „Elwe“ 100 Menschen unterbringen. „Das ist schon ungewöhnlich während der documenta“. Es gebe aber auch Buchungen aus Afrika, den USA und Japan.

Die Ausstattung der Zimmer oder Zellen in dem um 1875 erbauten Backsteingebäude ist karg und zweckmäßig: Ein Bett, ein Waschbecken, eine Toilette und zentrale Duschräume, es gibt aber auch Doppel- und Mehrbettzimmer.

Bereits jetzt bringen Graffiti Farbe in einige der Zellen. An diesem Wochenende werden es sicherlich noch mehr. Nach Angaben der Veranstalter der Tattoo Convention nutzen die eingeladenen Tätowierer die Zellen als Arbeitsräume – und dürfen die tristen grauen Wände ebenso ausschmücken wie die Körper ihrer Kunden.

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