In einem Land vor unserer Zeit

Nahezu unberührte Natur – in Ecuador ist sie noch zu erleben

Im ostecuadorianischen Hola-Vida-Reservat rufen die Papageien und Sittiche. Der Urwald lebt. "Schon seit Jahrhunderten haben wir eine enge Verbindung zur Natur", sagt der Schamane Tzama Naychapi. Er steht mit Touristen vor herabstürzenden Wassermassen.

In den nächsten Stunden macht er den Gästen seines Landes immer wieder klar, wie wichtig doch die Natur für unsere Zukunft ist. Ein richtiger Umweltschützer und irgendwie auch ein guter Tourismusvertreter Ecuadors.

Wir stehen mit ihm mitten im Dickicht von tief hängenden Lianen. Der Schamane und Medizinmann trägt ein Jaguarfell um die Hüfte, auf dem Kopf die schönsten Tukanfedern seines Dorfes Tawasap und um den Hals ein Amulett aus Anakonda-Leder. Der Sohn des Dorf-Chefs ist nicht nur ein bedeutender Heiler, sondern auch immer noch der Jäger mit Blasrohr und Speer. Mit dem zwei Meter langen Serbatanas-Rohr jagt er Vögel und anderes Kleintier. Stolz stampft er es in den Boden.

Sein Volk – die Shuar – lebt im ärmsten Gebiet des Landes, Amazonien, und ist für die Schrumpfköpfe der Feinde aus dem Peru-Krieg bekannt. Ecuador ist eines der Länder Lateinamerikas mit dem höchsten Anteil indigener Bevölkerung – 36Prozent – bei gleichzeitig niedrigstem Anteil Weißer an der Gesamtbevölkerung.

Die zweitgrößte Gruppe aller Indigenas sind dabei die Shuar: Sie haben es vielleicht als einzige verstanden, ihre Unabhängigkeit und Kultur seit der spanischen Kolonisation weitgehend zu erhalten.

Mit Hilfe von Mixturen aus Dschungelkräutern heilt der Naturarzt körperliche Gebrechen oder Grippeerkrankungen. Schon als kleiner Junge lernte er von seinem Vater alles über Heilpflanzen und Rituale. Doch er ist bei Konflikten auch Vermittler zwischen 27 Shuar-Gemeinden. So predigt der 42-Jährige auf Shuar, der gleichnamigen Sprache seines Volkes, von gegenseitigem Respekt und Akzeptanz der Andersartigkeit.

Nachdem er uns Gästen einen seiner Kräutersäfte zum Trank gereicht hat, fordert er uns auf, laut zu schreien: "Das ganze Universum kann dich hören, wenn du unter einem Wasserfall schreist. Das gibt Kraft." Eine magische Stimmung liegt über der Zeremonie. Mit dem schwarzen Saft der Suwa-Frucht werden die Gesichter mit Tierzeichen verschönert. "Damit wir uns eines Tages wiedersehen", schmunzelt der Schamane.

Ganz in der Nähe des Naturreservats Hola Vida liegt inmitten einer Bananen-Plantage das winzige Dorf Vencedores – die "siegreichen Menschen". Doch die Quechua-Gemeinde ist nicht reich: Ein paar Erdnuss- und Zitronenbäume und Selleriestauden wachsen in ihrem Garten. Die Großfamilie lebt in Holzhütten mit Dächern aus Chontapalmen und Plumpsklo, das Trinkwasser kommt aus Quellen. Und doch ist Mutter Madeleine glücklich mit neun Kindern und 20 Enkeln.

Geheiratet habe sie schon sehr früh, mit zwölf Jahren, erzählt die kleine, schüchterne Frau. Und dann kam bald der Nachwuchs. Doch im Gegensatz zu Tsama – er lebt mit vier Frauen in vier Häusern und ist überzeugt, dass das Leben so einfacher ist – sind Madeleine und ihr Mann monogam. Alle neun Kinder hat sie allein auf die Welt gebracht. Ganz ohne medizinische Hilfe aus dem zu Fuß mehrere Stunden entferntem Puyo.

Auch Madeleine weiß alles über die heilende Kraft gewisser Pflanzen und Wurzeln: Barfuß geht sie von Baum zu Baum hinter ihrer Hütte und erklärt die Medikation. Bei einer Lianenart stoppt sie: "Ich verkoche ein Stück von der Rinde der Katzenkralle zu einem Tee. Das hilft gegen Gastritis." Und eine andere Pflanze ist der Grund, warum die Medizinfrau "nur" neun Kinder hat, verrät die 45-Jährige: Der Chiricaspi-Baum funktioniert, als Getränk zubereitet, wie die Antibabypille.

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In einer anderen Region Ecuadors, die sich auch sehr stark mit der Natur beschäftigt, aber schon weit stärker vom Tourismus beeinflusst wird als Oriente, lebt Teppy Angermeyer. Selbstkritisch sagt der Deutsch-Ecuadorianer: "Wir sind in ihre Welt gekommen, wir sollten nicht versuchen, die Ecuadorianer zu ändern." Angermeyers Familie war eine der ersten Siedler, die sich in den Dreißigern auf den Galapagos - Inseln niederließ. Sein Vater, ein Hamburger, kaufte ein Segelboot und segelte mit Kind und Kegel über den Ozean – und fand sein Paradies Santa Cruz.

Der Chef des charmanten Hotels "Angermeyer Waterfront Inn" bekommt feuchte Augen, wenn er an damals denkt. "Wir Kinder schwammen mit Seelöwen, unsere Eltern unterrichteten uns. Wir hatten monatelang keine Seife, wuschen uns im Meer. Wir lebten von Luft, Liebe und Sonnenschein." In Puerto Ayorta gab es nur kleine Fischerboote und ein paar Auswanderer. Erst in den Siebzigern begann der Tourismus. Heute leben in dem Hafenort bereits 16 000 Einwohner.

Ins Unesco-Weltnaturerbe kommen jährlich sogar bis zu 160 000 Besucher: Aufgrund der isolierten Lage im Pazifik sind die Galapagos-Inseln noch immer ein einzigartiges Schaubild der Evolution – und doch bedroht. Rund 83 lizenzierte Boote fahren mit den Touristen raus zu den Naturschutzgebieten, um die Riesenschildkröten und Meerechsen zu beobachten.

Aber in abgegrenzten Gebieten, in kleinen Gruppen und nur zu reglementierten Zeiten. Fischerboote sind in dem 133 000 Quadratkilometer großen Marine Reservat verboten und werden überwacht.

Volker Koch ist Direktor für Meereswissenschaften in der Charles Darwin Forschungsstation und untersucht die Verletzlichkeit dieses weltweit einzigartigen Ökosystems hinsichtlich des Tourismus. "Eine große Gefahr sind zum Beispiel eingewanderte Arten: Insekten, Samen, Früchte haben schon große Schäden verursacht", erklärt der Bonner Meeresbiologe.

So wird mittlerweile auf Kreuzfahrtschiffen, Flughäfen und in Flugzeugen stark kontrolliert. "Wir müssen auf unsere Natur acht geben", wiederholt auch Tzama und erzählt von Insektenschwärmen in seinem Dorf bei der Kartoffelernte und von neuen Krankheiten, die es in seiner Kindheit nie gegeben hat.

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