In der Strandkorb-Klinik

Wangerooge: 1350 Körbe, zwei Akkuschrauber und hundert Meter Tuch – ein Besuch bei "Chefarzt" Wilfried Kummer.

Strandkörbe sind die begehrtesten Mietobjekt an deutschen Küsten.   

Foto: Archivfoto: David Hecker/ddp

Strandkörbe sind die begehrtesten Mietobjekt an deutschen Küsten.    Foto: Archivfoto: David Hecker/ddp

Der Wille ist die Seele zur Tat, steht auf der Tafel am Eingang zu Kummers Klinik auf Wangerooge. Das klingt entschlossen. Hier wird nicht gekleckert. Zwei Hobelbänke liegen voller Werkzeug. Darüber blickt Wilfried Kummer (59), der schon 35 Jahre für die Kurverwaltung der ostfriesischen Insel arbeitet, hinaus in die Brandung. Der Tischler, Polsterer und Zimmerer in einer Person lächelt. Dann legt er Hand an - beseelt, einfühlsam. Den Winter über hat Wilfried Kummer, der "Chefarzt", die 1350 Strandkörbe für den hellen Uferstreifen an der Nordsee in besten Zustand versetzt. Jetzt strahlen sie in der Strandkorbklinik um die Wette. Sie wollen besetzt und besessen werden. Sie wollen Schaufeln Schutz bieten und Beinen eine Auflage. Vor allem sollen sie windigen Zeiten trotzen. 30 000 Strandkörbe hat er sicher schon verarztet in seinem Leben. Wie ein Arzt oder Therapeut, der seine Spieler für die entscheidende Schlacht fit macht, hat er die Strandkörbe die letzten Monate über aufgepäppelt. Er kennt ihre Macken. Er weiß, was sie für die Bestform brauchen. Er zog ihnen schwache oder gespaltene Tischbrettchen weg. Dafür haben sie jetzt schicke, schwarze. Kummer hat die mit Stift verschmierten Bezüge gelöst und sie durch neue ersetzt. Alles unter ständigem Kopfschütteln über soviel Rowdytum. "Die Rückwand kriege ich in zwei Sekunden los", erzählt er, während er mit dem Fuß auf ein liegendes Exemplar steigt und stöhnend den Akkuschrauber startet. "Aber die Seitenwände sind das Problem, da muss ich alles losnehmen." Manche Gäste gehen einfach rüde mit dem begehrtesten Mietobjekt deutscher Küsten um. Der ausgebildete Rettungsschwimmer Kummer kennt die Schwach- und Soll-Bruchstellen im rund 20-jährigen Leben eines Strandkorbs. Die Fußstützen klemmen. Die Schrauben rosten in der Seeluft. Das Sitzmöbel aus Korbgeflecht wurde schon 1882 vom Rostocker Korbmachermeister Wilhelm Bartelmann erdacht. Die rheumakranke Elfriede von Maltzahn hatte sich etwas zum Sitzen am Strand gewünscht - windsicher.

Mit Strandkörben wird

kein Gewinn gemacht

Als Strandstuhl ging das Produkt Bartelmanns in Serie. Die heutigen Zweisitzer mit Klapptischen, Schattenmarkise, ausziehbaren Fußbänken, Armlehnen und Griffen zum Tragen sind sogar regendicht.

Auf Wangerooge herrscht weißes Kunststoffgeflecht vor. "Das sieht schön aus, so edel, und verrottet nicht", erzählt Kummer und blickt wieder aus seinem Nordseefenster. Vier Tucharten mit Streifen werden verwendet. Hunderte Meter hat Kummer auf der Rolle. "Da muss ich ganz schön was abwickeln", stöhnt er. Die Jammerbilder vom Oktober, wenn der "ganze Schrott" bei ihm in die Halle gekarrt wird, hat er verdrängt.

Die Kosten der Kurverwaltung für den Korb sind oft höher, als durch die Miete herein fließt. "Das wissen die meisten nicht", beklagt sich Kummer. "Die denken, hier wird abgesahnt. Alles Blödsinn." Die "Tageskörbe" kosten auf Wangerooge in dieser Saison acht Euro am Tag. Sie sind für Kurzzeitgäste am Tagesstrand unterhalb des Gesundheitszentrums gedacht. Ab einer Woche kostet der Korb 6,50 Euro am Tag. "Wir haben auch ganz neue, die werden gern gekauft, für Zuhause", sagt Kummer und zeigt eines der blauweiß gestreiften Exemplare mit dem Schriftzug der Insel in der Rückwand. 850 Euro kostet das Schmuckstück, das bis zum Gast nach Hause geliefert wird.

Wieder ist ein verletzter Korb geheilt. Jetzt muss er hinaus aus der warmen Stube. Mit einer selbst konstruierten einachsigen Karre bugsiert Kummer den 75 Kilogramm schweren Korb zu einem flachen Anhänger. Der kann acht Körbe aufnehmen. Ein Traktor zieht ihn auf den Strand. Dann verteilen die Mitarbeiter die Körbe.

Kummer räumt langsam auf in seiner Nordseeklinik. Da liegen ein paar Münzen auf dem Boden. "Seit es den Euro gibt, finde ich nicht mehr viele Münzen", beklagt sich Kummer und lächelt. Das Geld sitze halt nicht mehr so locker. Dafür sind manchmal Schippen, Kinderspielzeug und alte Drachen unter den Fußbänken zu entdecken.

Nach dem langen Winter im Norden hat der Chefchirurg bald frei. Doch bald schon werden wieder Tageskörbe eingeliefert werden. Waren sie erst einmal von Wellen umspült, kann das ein Mann kaum allein schultern. "Die wiegen dann 100 Kilogramm", erläutert Kummer. Dann müssen wieder Brettchen auf Vorrat gesägt werden. Das Lager mit Einzelteilen wird aufgefüllt. Die Schraubenbestände liegen unter dem zulässigen Minimum.

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