Routen für Rumtreiber

Die Reise-Reportage: Mehr Wasser, das kein Meerwasser ist, findet man selten

Wer Freizeitkapitän eines Hausboots werden will, braucht nur einen Charterschein.   

Foto: Thomas Steuer/GEO Special

Wer Freizeitkapitän eines Hausboots werden will, braucht nur einen Charterschein.    Foto: Thomas Steuer/GEO Special

Zwischen Elbe und Oder erstreckt es sich: das größte zusammenhängende Wassersportrevier Europas. Es bedeckt weite Teile Mecklenburg-Vorpommerns, überwindet fließend die Landesgrenzen zu Brandenburg und Berlin. Drei bis vier Wochen würde man mindestens brauchen, um dieses Geflecht aus Seen, Flüssen und Kanälen per Motorboot zu erkunden: auf 1600 Kilometern. Kanuten und Segler wären noch weit länger unterwegs, denn ihre Freiheit ist deutlich größer: Sie dürfen auf 6500 Kilometern paddeln, segeln, die Welt umarmen. Zwei Tourbeispiele.

Kanutour Peene

Route: von Aalbude am Kummerower See bis Anklam. Dauer: 5 Tage. Strecke: 80 km. Etappen von 10 bis 22 km. Schleusen: keine. Übernachtung: Ob einfach (Trittelwitz, Sophienhof) oder gut ausgestattet (Pensin, Alt Plestlin, Gützkow), die vielen Wasserwanderrastplätze an der Strecke warten stets mit Bade-, Grill- und Lagerfeuermöglichkeiten auf. Veranstalter: Abenteuer Flusslandschaft, Tel. (03971) 24 28 39, www.abenteuer-flusslandschaft.de.

Wer auf ihr unterwegs ist, wird schon nach wenigen Paddelschlägen die Uhr abnehmen und die Zeit getrost Zeit sein lassen. Denn hier scheint nur sie zu fließen, die Peene, und alles andere stillzustehen. Ruhe dominiert. Auf weiten Strecken ist man ganz allein unterwegs; mehr als fünf anderen Booten pro Tag wird man auch zur Hochsaison in dieser dünn besiedelten Gegend – anders als im Müritz-Nationalpark – nicht begegnen. Stattdessen: Kühe, die das Gras weiter Wiesen kauen.

Entsprungen in der Mecklenburgischen Schweiz südlich von Gnoien, schlängelt sich die Peene auf 143 Kilometern in Richtung Ostsee. Dabei weitet sie sich vom schmalen Flüsschen bis zum 100 Meter breiten Strom und zum größten zusammenhängenden Flusstalmoor Mitteleuropas. Die rund 80 Kilometer lange Strecke zwischen Aalbude und Anklam ist dabei das wohl Schönste vom Schönsten. Nur wenige Hausboote stören hier mit ihrem Wellenschlag, das Paddeln ist weniger kräftezehrend als anderswo – dank des geringen Gefälles und einer nur sanften Strömung. Großes Plus zudem: Auf der gesamten Tour unterbricht keine einzige Schleuse die Fahrt.

Hier unterwegs zu sein, ist besser als jeder Naturfilm. Im Wasser tummeln sich Aale, Hechte, Welse und Brassen. Man kann beobachten, wie Rehe am Ufer äsen, Fischotter abtauchen, ein Seeadler samt Beute sich in die Lüfte erhebt. 156 Brutvogelarten sind gezählt worden. Dazu Orchideen, Seerosen und mehr als 800 weitere Pflanzenarten, von denen nicht wenige einen festen Platz auf der Roten Liste haben.

Ausgangspunkt der fünftägigen Tour ist der Überlauf im Norden des Kummerower Sees, über die Seestraße in Verchen zu erreichen. Das Boot ins Wasser gesetzt und die Paddel ein paar Mal durchs Peene-Wasser gezogen, schon steht man vor einer Wahl: dem Hauptfluss folgen oder doch lieber in einen der vielen Altarme einbiegen? Sie markieren den ursprünglichen Verlauf der Peene, trennen sich bis hinauf nach Trittelwitz immer wieder vom hier begradigten Flussbett und münden, einen weiten Bogen schlagend, dort später wieder ein. Umwege, die sich lohnen, denn es warten brütende Schwäne und durchs Wasser watende Störche – Naturerlebnisse, die man vielfach ganz für sich allein hat.

Baumstümpfe mit typischen Nagespuren säumen die Ufer, nicht selten werden Kanus in den Abendstunden von deren Urhebern eskortiert: Bibern. Dann Abwechslung – die alte Hansestadt Demmin. Ihre backsteinernen Türme, der Hafen, die einst für den Handel so wichtigen Getreidespeicher, alles von Bord aus zu sehen.

Weiter gen Liepen, auf dem Amazonas des Nordens, wie die Peene auch genannt wird. In diesem Flussabschnitt versteht man, warum: Erlenbruchwälder umrahmen den Fluss, deren Wurzeln – ähnlich den von Mangroven – markant verzweigt aus dem Wasser ragen. Auf der letzten Etappe folgt noch eine Wikingersiedlung, Menzlin, bevor die Fahrt an der Kanustation Anklam zu Ende ist.

Hausboot-Tour

Route: von Fürstenberg/Havel bis zum Fleesensee über Röblinsee – Ziernsee – Ellbogensee – Großer Pälitzsee – Kleiner Pälitzsee – Tietzowsee – Schlabornsee – Rheinsberger See – Grienericksee – Zootzensee – Großer Zechliner See – Schwarzer See – Canower See – Labussee – Vilzsee – Zotzensee – Kleine Müritz – Müritz – Kölpinsee. Dauer: 5 bis 6 Tage. Strecke: 135 km, Etappen von 22 bis 27 km. Schleusen: 7. Schleusenzeiten in der Regel 8–20 Uhr. Marinas: alle 1 bis 15 km, Hafengebühr ca. 1,50 Euro/Bootsmeter. Charterfirmen: Cardinal Boating Holidays, Tel. (033093) 602 58, www.cardinalboating.com

Frühstücken an Deck, umgeben von schnatternden Enten und rauschendem Schilf. Dabei die Wasserkarte studieren, eine Route und ein Tagesziel festlegen, um nach nur wenigen Flusskilometern den Plan wieder über Bord zu werfen. Denn linkerhand zweigt ein Kanal ab, verwunschen, mit tief hängenden Baumkronen und Wasser so klar, dass man Fischschwärme vor dem Bug auseinanderstieben sieht. Unmöglich, nicht einzubiegen!

Später dann in einer Bucht ankern. Faulenzen, sonnen, die Angel auswerfen, zum Baden direkt vom Boot ins Wasser springen. Erst in der Dämmerung den nächstgelegenen Hafen ansteuern, während der selbst gefangene Fisch schon auf dem Herd brutzelt: Urlaub per Hausboot kommt einer kleinen, nach eigenen Regeln gestalteten Kreuzfahrt gleich. Die große Freiheit auf dem Wasser.

Das Angebot reicht vom kleinen, rund neun Meter langen Boot für zwei bis hin zur seegängigen Zwölf-Meter-Yacht. Eine komplett ausgestattete Pantry plus Badezimmer und Sonnendeck gehören dabei zum Standard fast jeder schwimmenden Ferienwohnung.

Um Freizeitkapitän zu werden, ist keine seemännische Erfahrung nötig, denn Deutschlands wohl beliebtestes Hausbootrevier lässt sich bis zum Havelkanal ohne Führerschein befahren. Ein Charterschein ist alles, was man braucht.

Eine Tour, die sämtliche Vorzüge der Seenplatte vereint, führt von Fürstenberg/Havel bis an den Fleesensee. Inklusive Abstecher reihen sich hier bis zu 20 Seen aneinander.

Dazwischen schmale Wasserwege wie die Steinhavel, die in weiten Bögen durch Schatten spendenden Buchenwald fließt. Aufregend, vor allem für Fahranfänger, ist das Passieren der vielen Schleusen. Denn: Breites Boot muss durch enge Schleusenkammer, ganz nach dem Kamel-durch-Nadelöhr-Prinzip. Schaltet die Ampel auf Grün, heißt es Konzentration. Gern hilft auch der Schleusenwärter beim langsamen Einfädeln.

Ein Muss auf dem Kleinen Pälitzsee: Backbord in Richtung Süden abzweigen. Hier trifft Natur nach wenigen Flusskilometern auf Kultur. Denn am Ende der Sackgasse erhebt sich Rheinsberg am Ufer des Grienericksees, die ehemalige Hohenzollern-Residenz mit hell getünchtem Schloss, Park und Kurt-Tucholsky-Museum. Anleger gleich neben dem Schloss. Nach dem kulturellen lohnt ein kulinarischer Abstecher zu Fischer Gehrt in Flecken Zechlin, Telefon (033923) 705 30. Ähnlich wie bei einem Drive-in kann man hier direkt vor dem Imbiss anlegen und frische Fischbrötchen, geräucherten Hecht, Zander oder Aal laden.

Wie Winzlinge wirken Labus-, Vilz- oder Zotzensee, verglichen mit dem, was Sie hinter Rechlin erwartet. Weit öffnet sich die Wasserfläche, Ufer rücken in die Ferne. Nicht umsonst heißt Müritz aus dem Slawischen übersetzt "kleines Meer". Großer Fahrspaß! Doch auch Vorsicht: Die Müritz ist nicht ohne. Manchmal liegt ihr Wasser flach wie ein gespanntes Tischtuch, ab 4 Beaufort Windstärke bauen sich jedoch kurze spitze Wellen auf, und das Boot gerät leicht ins Rollen. Vielerorts lauern Steinhaufen und Flachstellen – daher stets auf die Bojen achten, die die vorgeschriebene Fahrrinne markieren.

Die Gelegenheiten für Zwischenstopps bleiben zahlreich. Besonderer Tipp: der Anleger in Ludorf. Vom Müritz-Ufer führt eine 600 Meter lange Kastanienallee bis zum Gutshaus und zum Restaurant Morizaner, Telefon (039931) 84 00. Frisch gefangene Kleine Maränen und Müritz-Krebse von den Röbeler Fischern stehen hier auf der Karte. Die Spezialität von Küchenchef Thomas Köpke: Morizanerbraten, ein gefüllter Nackenbraten mecklenburgischer Art.

Ausgedehnte Wasserflächen erstrecken sich auch jenseits der Müritz im Bereich der Oberseen.

Auf dem Fleesensee schließlich das Steuerrad scharf links einschlagen. Land Fleesensee, und damit das Ziel der Reise, kommt in Sicht.

Zum Abschied: ein Sonnenuntergangs-Barbecue auf der Terrasse des Iberotels, mit wehmütigem Blick hinüber zum Hafen.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Captcha
    Weitere Artikel aus diesem Ressort