Fado ist Leidenschaft, ist Tragik in Molltönen
Wolfsburg Im fast ausverkauften Konzertsaal des Hallenbades faszinierte Carminho mit ihrer Band mit virtuosem Fado-Gesang in beeindruckender Präsentation
Portugal hat etwas. Etwas Besonderes: den Fado; diese Musik, die Leidenschaft und Tragik ausdrückt, die aus oft anrüchigen Kneipen in den Armenvierteln Lissabons kam und heute Konzertsäle in aller Welt füllt. Auch im Hallenbad. Sichtlich bewegt war Carminho, dass so weit von Portugal entfernt der Fado, noch mehr eine so junge Fadista wie sie, einen Saal fülle. Obwohl nur wenige Portugiesen da waren. Unter ihnen Daniel Martins.
Aber viele Zuhörer waren in Portugal, saßen in den Fado-Lokalen, erinnern sich an eine Altstadt, die die Ideen der Aufklärung in ihrer Architektur widerspiegelt, an Stunden unbeschwerten Beisammenseins. Des Genießens. Auch einer Musik, die zu diesem Land passt, dass immer wieder große Beiträge auf allen Gebieten geleistet hat, von Vasco da Gama bis hin zur unblutigen Nelken-Revolution und eben dem Fado.
Es ist nicht das Schicksal, wie Fado übersetzt heißt, der deutschen Touristen, aber es fasziniert sie. So saßen sie auch im Hallenbad entspannt, gut gelaunt, erwartungsvoll zunehmend begeistert, nach 90 Minuten frenetisch applaudierend, zuvor nach jedem Lied oder jedem Solo der Instrumentalisten. Das sind nicht viele: Bassgitarre, klassische und portugiesische Gitarre, alle drei akustisch gespielt.
Traditionell sind es Männer, die den Fado spielen. Luis Guerreiro ist einer der Gefragtesten an der portugiesischen Gitarre. Sein virtuoses Solo erzählte davon, seine kontinuierliche Begleitung sprach dafür. Andrï Ramos stand ihm nicht nach, trat ebenfalls mit einem virtuosen Solo hervor, herausgelockt von Luis Guerreiro. Beiden, wie auch der Fadista, gab Bassist Daniel Pinto den unverzichtbaren rhythmischen Halt.
Ausdrucksstark, schmeichelnd, klagend, erzählend, bedauernd, hoffend, leidend, verzweifelnd, tanzend, jubilierend, triumphierend sang Carminho. Kaum jemand verstand die Worte, aber mit der Kraft ihrer Stimme, mit ihrer Mimik drückte die Fadista aus, wovon sie sang. Ab und an erzählte sie auch zuvor in englischer Sprache, wovon sie singen werde. Von unglücklicher Liebe, vergangenen Zeiten, sozialen Missständen, großen Hoffnungen, von der See, den Mädchen, ihren Müttern ...
Fado ist Gefühl, für die Portugiesen jenes Gefühl, dass sie verbindet, für die anderen Nationen, die Annäherung an dieses Fühlen eines Volkes, dass auch in seinen Tonhöhen viele Molltöne kennt, in dessen Musik arabische Elemente an die maurisch-iberische Geschichte erinnern wie im andalusischen Flamenco. Nur so temperamentvoll ist Fado nicht, eher ein Tango. Aber mitnehmend.
Carmo Rebelo de Andrade, geboren am 20. August 1984, transportiert ihn ins 21. Jahrhundert. Sie gilt als die große Hoffnung dieses portugiesischen Musikstils, als „Tochter“ der legendären Amália Rodrigues, der alle Fadista ähneln möchten. Und sie ist die Tochter der Fadista Teresa Siqueira, die ihr erlaubte, schon im Alter von 12 Jahren in den kleinen oft anrüchigen Kneipen Lissabons zu singen. Werbung und Marketing studierte sie noch, bevor sie die faszinierende Carminho wurde.


