Die Hoffnung stirbt zuletzt
Wolfsburg Im Wolfsburger Hospiz liegt ein junger Mann mit einem Hirntumor. Er versucht, der Krankheit nicht die Kontrolle über sein Leben zu überlassen.
Noch einmal Fahrrad fahren. Noch einmal reintreten, so dass es die Lunge zerreißt, der Schweiß läuft und irgendwann alles gut ist. Der Fahrtwind durch die Haare streicht und die Fliehkräfte ihn in die Kurve drücken. Wenn irgendwann die Erschöpfung kommt, diese gute Erschöpfung, bei der nichts anderes als pures Leben durch die Adern pumpt. Noch einmal Fahrradfahren, das wär´s.
Sebastian kann gerade nicht Fahrrad fahren. Vielleicht wird er es nie wieder können. Früher, da hat er 9000 Kilometer pro Jahr abgespult. Touren unter 100 Kilometern gab es für ihn selten. Jetzt hat er einen Hirntumor. Stufe 4, inoperabel. Fachleute sprechen in solchen Fällen von einer „ungünstigen Prognose“. Sebastian macht sich da wenig Illusionen. „Der Tumor frisst mein Gehirn auf“, so sieht er das.
Dieses Weihnachten könnte sein letztes Fest sein, vielleicht geht es auch noch länger gut, wer weiß das schon. 17 Monate – das ist die durchschnittliche Lebenserwartung mit dieser Diagnose. Sebastian hat die Statistik schon um elf Monate geschlagen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Es begann mit Kopfschmerzen. Sie kamen schleichend, „wann das losging, kann ich gar nicht mehr sagen“. Die Schmerzen wurden schlimmer. Als er seine Freundin in Bremen besuchte, lag er eine Woche nur im Bett, vor Schmerzen wie gelähmt. Migränetabletten halfen anfangs, später half nichts mehr. Er ging zum Arzt. „Der hat mir dann unterstellt, dass ich Drogen nehmen würde, Anabolika oder sowas.“ Er erzählt das mit einem Lächeln. Aber es nagt an ihm, es ist ungerecht.
Sebastian ist 26 Jahre alt. Und doch ist das hier schon das zweite Leben, das er führt. Das erste endete am 21. August 2010. Über dieses Datum muss er nicht lange nachdenken. „Das hat sich eingebrannt.“ Es ist der Tag der Diagnose. Sie hatten ihn in ein MRT geschoben, eine lange Röhre, die mit starken Magnetfeldern zeigen sollte was los ist in seinem Kopf. Die Tage zuvor erlebte Sebastian im Delirium. Er konnte vor Schmerzen nicht mehr denken. Der Radiologe riss plötzlich die Augen auf. „Gesagt hat er nichts. Ich habe nur noch gesehen, wie er losrannte.“ Es fällt Sebastian schwer, sich an das zu erinnern, was danach passierte. Über den Tagen nach der Diagnose liegt ein Schleier aus Morphium. Endlich glaubten sie ihm das mit den Schmerzen. Sie hatten es schwarz auf weiß, die Bilder des MRT ließen keine Zweifel. Ein Tumor, sechs Zentimeter groß. Sie gaben ihm soviel Schmerzmittel, dass es Sebastian den Boden unter den Füßen wegzog. „Das war nicht so toll“, sagt er leise.
Sein erstes Leben war ein anderes. Sebastian wuchs in Weyhausen auf. Die Eltern früh geschieden, das war nicht leicht, ansonsten eine normale, glückliche Kindheit. Zwei Brüder hat er, einen jüngeren, einen älteren. Er ging in Weyhausen zur Schule, wechselte dann auf die Realschule in Fallersleben.
Danach begann er mit seiner Lehre als Feinwerkmechaniker beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Braunschweig. Nach der Lehre stand ein Maschinenbau-Studium an. Das Abi musste her. Sebastian ging ans Wolfsburg Kolleg.
Er war clever, er war gesund, sportlich, er hatte Pläne – wäre er ein Unternehmen, hätte man seine Aktien gekauft.
Inzwischen wiegt Sebastian nur noch 60 Kilo. Er wirkt zerbrechlich, er kommt gerade aus einer anstrengenden Behandlung in Magdeburg zurück. Sie haben seinen Tumor bestrahlt, indem sie ihm zwei Stifte durch die Schädeldecke gebohrt und ins Gehirn geschoben haben. „Ich habe da jetzt so eine Kante“, sagt er und zeigt auf seine Stirn. Er klingt locker dabei. Er ist Patient, hauptberuflich, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Er ist Behandlungen gewohnt. Daran gewöhnt hat er sich nicht. Die Therapien bei Tumorpatienten sind ähnlich aggressiv wie die Krankheit, die sie bezwingen möchten. Tumore sind lebendes Gewebe, keine Fremdkörper. Egal mit welcher Methode man es versucht: Der Krebs muss weg. Also muss Gewebe weg.
Sebastian hat alle Therapien durch. Erst versuchten sie es mit dem Skalpell. Kurz nach der Diagnose nahmen sie den Tumor heraus. Sechs Monate später war er wieder da, sie legten ihn wieder auf den OP. Als der Krebs dann wiederkam, gaben sie es auf. Der Tumor sitzt jetzt knapp neben dem Sprachzentrum. Operieren kann man da nicht mehr.
Bei der Chemotherapie geht es darum, die Krebszellen mit Medikamenten zu zerstören. Die Wirkstoffe sind aggressiv. „Nach einer Chemo bist du durch, da ist der Tag gelaufen.“ Er bekommt sie regelmäßig. Und regelmäßig machen sie ihn fertig. Es gibt die Bestrahlung. Diese Behandlungen sind für ihn vor allem langweilig.
Dazu kommen andere Probleme. Sein Körper ist angegriffen. Vor kurzem hatte ihn eine Lungenentzündung erwischt. Drei Wochen lag er im Koma. Jedes Mal, wenn es ihn schwer erwischt, muss er wieder von vorne anfangen. Physiotherapie. „Immer wieder laufen lernen“, sagt er. Auch die Hirnoperationen haben Spuren hinterlassen. Manchmal ringt er nach Worten, die er eigentlich kennt, die ihm aber nicht über die Lippen kommen wollen. Lesen fällt ihm immer schwerer, er macht es trotzdem, dann eben langsamer. Seine Motorik hat gelitten. „Meine Handschrift ist so unglaublich hässlich geworden.“ Das ärgert ihn.
Wenn man mit Sebastian spricht, hat man nicht das Gefühl, mit einem Todkranken zu sprechen. Klar, die Krankheit nimmt ihn ein. Sie ist immer da, in jeder Sekunde. Behandlungen, Arzttermine, das Zimmer im Hospiz, in dem er gerade liegt, um sich von der vergangenen Behandlung zu erholen. Aber ihr Ende, ihre wohl unausweichliche Konsequenz, beherrscht ihn nicht. Er ist nicht in Depressionen versunken. Er ist nicht zynisch geworden, aggressiv. Neben seinem Bett im Wolfsburger Hospiz liegen keine Bücher über das Sterben. Wer sich in den großen Fragen verliert, der vergisst zu leben. „Ich leben einfach zu gerne.“
So war es nicht immer, ein halbes Jahr lang ist er versunken in Lethargie. Er lag auf dem Sofa, schaute sich Filme an und tötete seine Zeit. Bis ihm klar wurde, dass Zeit das ist, was er am wenigsten hat. Es mag morgen vorbei sein – warum dann das Heute verschwenden? Er plant jetzt wieder für die Zukunft, will vielleicht sogar ein Studium aufnehmen.
„Wenn man die Tage totschlägt, könnte man es auch gleich sein lassen“, sagt Caroline. Sie sitzt schon eine ganze Weile hier an seinem Bett. Eigentlich wollte Caroline in diesem Text nicht vorkommen. Sie hat zugestimmt, weil Sebastian es wollte. Ohne sie kann diese Geschichte nicht erzählt werden.
Sie haben sich in einer Braunschweiger Diskothek kennengelernt. Er Typ gut aussehender Sportler, smart, charmant. Sie: eine hübsche junge Frau, kurz vor Beginn ihres Studiums. Junge trifft Mädchen, sie verlieben sich, werden ein Paar. Nicht ungewöhnlich – ungewöhnlich ist, dass sie noch immer zusammen sind. Auch für Caroline war die Diagnose ein Schock. Aber es erklärte auch einiges. Seine Gereiztheit, seine Launen, wenn der Kopfschmerz ihn zerreißen wollte. Vor der Diagnose hatten sie sich kurz beinahe getrennt. Seitdem ist sie ihm nicht mehr von der Seite gewichen. Sie baut ihn auf. Sie spricht von Plänen, wenn seine Gedanken im Gespräch düster werden. „Sie ist alles, was ich habe“, sagt Sebastian, als sie kurz aus dem Zimmer geht, um einen Kaffee zu holen. Er wisse gar nicht, wie sie es schafft. Das alles.
Viele Menschen, die ihm wichtig waren, sind nicht mehr da. Nicht seine Familie, die hält zu ihm. An den Feiertagen wird er sie besuchen, gemeinsam mit ihr feiern. Bei seinen Freunden ist das etwas anderes. Nicht jeder erträgt Krankheit, wenn sie ihm zu nahe kommt. Wie damit umgehen, was darf man sagen, was nicht? Die meisten seiner Freunde haben das nicht gekonnt. Sebastian kann das sogar verstehen. Zornig ist er deswegen nicht. Nur einer, sein bester Freund, der hat ihn enttäuscht. Viel haben sie zusammen durchgemacht. Inzwischen geht er nicht einmal mehr ans Telefon, wenn Sebastian anruft. „Willst du’s mal mit meinem Handy versuchen?“, fragt Caroline. „Da würde er sogar rangehen, von wegen Beerdigung oder so“, sagt Sebastian.
Caroline ist Studentin, sie lebt ihn Berlin. Sie ist umgeben von jungen Menschen, die gerade mit ihren Partnern ins Leben aufbrechen. Sie sieht, wie ihre Kommilitonen mit ihren Freundinnen und Freunden in den Urlaub fahren. „Klar, da denkst du dir manchmal schon: Urlaub zu zweit wäre jetzt schön.“
Nein, es ist keine normale Beziehung, die sie führen. Dafür ist der Tumor zu präsent. Caroline streitet sich nicht mehr mit Sebastian. Sie hat es das letzte Mal vor einigen Monaten getan. Dann bekam Sebastian die Lungenentzündung. Er lag im Koma – „ich hatte Angst, dass ich mich nicht mehr mit ihm vertragen kann“. Seitdem sorgt sie dafür, dass zwischen ihnen immer alles im Reinen ist, wenn sie sich verabschieden. Es dreht sich jetzt um Sebastian.
Caroline lächelt, während sie spricht. Sie wirkt kontrolliert. Sie weiß, wie es enden wird. Sie lässt den Gedanken nicht zu. „Ich drück‘ das weg.“ Sie will nicht darüber sprechen, nicht zu viel darüber nachdenken. Der Tumor ist die Variable in der Gleichung, die sie nicht verändern können. Und die Hoffnung stirbt zuletzt. Caroline streichelt Sebastian über den Fuß, sie lächeln sich an. Lange.
Es gibt Menschen, die suchen ihr Leben lang verzweifelt nach einer solchen Liebe. Sebastian hat sie gefunden, hier und jetzt. Wer gedacht hat, dass diese Geschichte kein Happy End haben könnte: Hier ist es.
