Bestatter zahlen Klinikum einen Obolus für Leichen
Wolfenbüttel Kalt, düster und fast unheimlich still ist es in der Prosektur des Städtischen Klinikums.
Dabei ist der Name für diesen Teil des Hauses im Keller irreführend, denn eine Prosektur ist mit Leichenöffnungen verbunden, so genannten Sektionen. Diese aber finden in Wolfenbüttel nur noch äußerst selten statt, wie Pflegedirektor Ralf Harmel sagt.
Müssen Leichen obduziert werden, so geschehe dies meist in der Pathologie des Braunschweiger Klinikums. Mit dem habe das Wolfenbütteler Haus einen Kooperationsvertrag.
Dennoch steht in den gekachelten Räumen nach wie vor ein Seziertisch, doch die Instrumentenschränke sind leer. Gleich nebenan befindet sich ein Kühlraum, in dem bis zu acht Leichen aufbewahrt werden können. Etwa 400 von jährlich rund 14 000 Patienten sterben laut Statistik im Klinikum.
Den Tod muss ein Arzt feststellen. Dann werden umgehend die Angehörigen benachrichtigt. Zwei Stunden später erfolgt laut Harmel eine zweite Leichenschau. Bis dahin bleibe der Patient in seinem Zimmer, wo Hinterbliebene Abschied nehmen können. Schaffen sie es in dieser Zeit nicht, ins Klinikum zu kommen, wird die Leiche in einem Extra-Raum im Erdgeschoss des Klinikums aufgebahrt.
In diesem normalen Krankenzimmer stehen ein paar künstliche Pflanzen, Stühle, Kerzenleuchter und ein kleiner Tisch mit Wasser und Taschentüchern. An der Wand hängt ein Kreuz aus hellem Holz. „Wenn wir die Baumaßnahmen endgültig abgeschlossen haben, möchte ich diesen Raum gern neu gestalten lassen“, sagt Harmel.
Sobald sich die Angehörigen von dem Toten verabschiedet haben, kommt dieser in die Kühlkammer der Prosektur. „Ab hier wird der Mensch juristisch zu einer Sache“, erklärt der Pflegedirektor. Hier liegen die Leichen in Metallsärgen, bis sie vom Bestattungsunternehmen, das die Angehörigen auswählen, abgeholt werden.
Die Bestatter zahlen dem Klinikum einen Betrag von knapp 100 Euro – für das Ausstellen des Totenscheins und die Aufbewahrung im Kühlraum. Erst dann und nach erfolgter Unterschrift geht die Leiche in ihren Besitz über.
Für den korrekten Ablauf ist Dennis Jabs zuständig, der eigentlich Angestellter im technischen Teil des Hauses ist. Ihm obliegt auch die Endkontrolle, ob es sich bei der Leiche, die herausgegeben wird, auch wirklich um den richtigen Toten handelt. Erst wenn dies feststeht, wird dem ehemaligen Patienten das Identifikationsband mit den entsprechenden Daten vom Handgelenk abgeschnitten.
Die Temperatur im Kühlraum übrigens muss genau zwischen 2 und 4 Grad Celsius liegen. Eine externe Kühltechnikfirma kontrolliert dies nach Angaben Harmels einmal im Jahr. Zudem sei ein Warnsystem eingebaut. Bestatter können Leichen im Keller des Klinikums auch zwischenlagern. Allerdings müssen sie dafür entsprechend zahlen: für den ersten Tag knapp 14 Euro, für den zweiten schon 28 Euro und so weiter. Beerdigt werden müssen Menschen in Deutschland, so Harmel, spätestens acht Tage nach Eintritt des Todes.
Im Klinikum, betont der Pflegedirektor, seien alle geschult im Umgang mit Leichen. Aber: „Sterben hat selbst für Profis keinen normalen Stellenwert mehr in unserer Gesellschaft. Es hat etwas mit Versagen zu tun, das man lieber wegschieben möchte.“

