Austauschschüler: In Deutschland ist vieles ganz anders
Wolfenbüttel 13 junge Leute erzählen von ihren Erfahrungen während ihres Auslandsaufenthalts und den Unterschieden zu ihren Heimatländern.
Eine neue Kultur erleben, eine andere Sprache erlernen – das sind die Hauptgründe für einen Schüleraustausch. Eine kostengünstige Alternative zu Unternehmen, die Auslandsaufenthalte organisieren, bietet das Gymnasium im Schloss (GiS) an, allen voran Lehrer Wolfgang Bothe.
Das GiS hat Partnerschulen in Brasilien, Frankreich, Russland, Polen, Litauen, England und den USA. Diese Partnerschaften ermöglichen sowohl deutschen Schülern ins jeweilige Land zu reisen als auch ausländischen Schülern, Deutschland zu besuchen. Was als mehrwöchiger Ausflug begann, wurde zu langfristigen Aufenthalten erweitert – Schüler können für ein paar Monate oder sogar ein Jahr im Land ihrer Wahl leben. Bezahlen müssen sie nur den Flug.
Die Organisation läuft über Wolfgang Bothe, er ist Ansprechpartner für Austauschschüler und die, die es werden wollen. Außerdem sucht er Gastfamilien. Dies sei „das Schwierigste“, so Bothe. „Es muss passen. Ansonsten müssen Gastschüler die Familien wechseln.“ Für Bothe sei die Arbeit mit den Gastschülern eine Herzensangelegenheit: „Es ist sehr zeitaufwendig. Man muss mit dem Herzen dabei sein, sonst geht’s nicht.“
Viele Gastschüler kommen von allein oder durch ihre Eltern auf die Idee, ein Auslandsjahr zu machen. Auch Angebote von der Schule oder einer Organisation können Schüler dazu ermutigen, den Schritt zu wagen. Ebenso können bereits vorhandene soziale Kontakte zu verschiedenen Ländern Schüler dazu bringen, für eine Zeit in einem anderen Land zu leben.
Die Großeltern des Argentiniers Guido Agustin Bof sind beispielsweise aus Deutschland und deshalb wollte er unbedingt für eine Zeit hier leben. Nico Böttcher hatte sogar das Glück, einen bolivianischen Austauschschüler kennenzulernen. Die beiden freundeten sich an und dadurch entschied Böttcher sich, nach Bolivien zu reisen.
Zurzeit besuchen drei Brasilianerinnen das GiS: Maria Herzer Corrêa, Isabel Mossato und Iara Comunello Martins. Sie sprühen vor Lebensfreude, erzählen von den Unterschieden zwischen Brasilien und Deutschland. „Hier bin ich unabhängiger“, sagt Maria Herzer Corrêa. Für Isabel Mossato sei das Wetter ungewohnt: „Wir haben in Brasilien fast immer Sommer.“
Das Wetter ist wohl eine der größten Umstellungen für die Gastschüler. Maria Herzer Corrêa erzählt: „Als es geschneit hat, hatte ich erst Angst, weil es in Brasilien nie schneit, aber es war nicht schlecht.“
Auch die deutsche Küche ist für viele Austauschschüler anfangs ungewohnt. „In den USA essen wir mittags etwas Kaltes und abends etwas Warmes“, sagt Summer Hunter-Kysor aus den USA. Sie entschied sich für einen Austausch nach Deutschland, nachdem ihr Bruder ihr von seinem Auslandsaufenthalt in Chile erzählt hatte.
Für die Deutschen sei Brot das gleiche wie Reis für die Taiwanesen, so Ben Chen aus Taiwan. Auch Isabel Mossato und Guido Agustin fällt auf, dass eher Brot als Reis und Bohnen gegessen wird. „Ich esse Brot und Gemüse – die ganze Zeit!“, so Agustin. „Außerdem ist es ungewohnt, dass Deutsche warmen Rotkohl essen. In Argentinien essen wir Rotkohl nur kalt.“ Dagegen findet Iara Comunello Martins es eher komisch, dass nur zum Frühstück Marmelade gegessen wird. „Daheim essen wir den ganzen Tag Marmelade.“
Auch deutschen Austauschschülern fiel der Unterschied beim Essen auf. So bestätigt Matties Neuschulz, der für zehn Monate in den USA lebte, dass es in den Vereinigten Staaten kein Brot zum Frühstück oder Abendbrot gibt, sondern „früh meist Cornflakes und abends warmes Essen. Was mir ebenfalls gefehlt hat – so banal es klingen mag – war Mineralwasser mit Kohlensäure.“ Auf ein spätes Abendessen musste sich Stefan Wald einstellen: „In Südfrankreich gab es das Abendessen erst ab 20.30 Uhr.“
Leo Michels verbrachte seinen Auslandsaufenthalt in einem Dorf in England, „viel kleiner als Salzdahlum, in dem es mehr Schafe als Einwohner gibt.“ Besonders gefallen habe ihm die englische Einstellung, die Tea-Time und der Tagesablauf mit viel Sport. Für ihn habe es in England oft zu früh Abendbrot gegeben. Das „Supper“ fand um 17 Uhr statt – dadurch habe man abends häufig noch Hunger gehabt.
Natürlich gibt es auch Unterschiede zwischen den Ländern, die den Gastschülern zugute kommen: So gefällt Ben Chen beispielsweise, dass man in Deutschland Discos schon unter 18 Jahren besuchen darf. Maria Herzer Corrêa hingegen fällt auf, dass es auf deutschen Autobahnen im Gegensatz zu Brasilien kaum Geschwindigkeitsbegrenzung gibt.
Valentin Burdet gefällt die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern, diese sei viel ausgeprägter als die in der Schweiz.
Michelle Deutsch verbrachte ein Jahr in den Vereinigten Staaten. Ihr fiel auf, dass in den USA das Angebot von Freizeit- und Sportaktivitäten sehr groß sei. „Zu meinem Alltag gehörten sehr viel mehr Freizeitaktivitäten, die von der Schule organisiert waren. Man geht nach der Schule auch nicht in einen Verein, um Sport zu betreiben, sondern spielt in der Schulmannschaft.“
Auch im außerschulischen Alltag bemerkte sie Unterschiede zu Deutschland: So werden einem Kunden die Einkaufstaschen an der Kasse eingepackt und in Restaurants darf der Gast sein Getränk beliebig oft nachfüllen.
Durch einen Austausch lernt man natürlich nicht nur die Stadt, in der man für eine kurze Zeit lebt, näher kennen. Auch andere Städte werden erkundet.
Iara Comunello Martins besuchte bis jetzt unter anderem Berlin, Hamburg, Dresden und Paris. Die Amerikanerin Summer Hunter-Kysor plant eine Europatour, bei der sie 16 Städte und acht Länder kennenlernen will. Besonders gefallen habe ihr bis jetzt das Oktoberfest und der Karneval.
Robin Geibel, der für fünf Monate in Neuseeland lebte, besuchte mit Jugendgruppen die Südinsel Neuseelands und Australien. Sein beeindruckendstes Erlebnis war Fallschirmspringen.
Aufgefallen sei Summer an den Deutschen, dass diese verschlossener seien als in ihrer Heimat. Es sei ihr anfangs schwergefallen, gute Freunde zu finden. „Aber wenn man jemanden gefunden hat, dann ist man für immer befreundet.“
Matties Neuschulz erlebte selbst, wie offen Amerikaner gegenüber Fremden auftreten: „Die meisten waren mir gegenüber sehr freundlich und aufgeschlossen.“
Den Kontrast zwischen Arm und Reich konnte Nico Böttcher in Bolivien erleben. Er lebte für ein Jahr in einem bewachten Haus mit Dienstangestellten – sah jedoch auch die Armut des Schwellenlandes.
An die anderen Bräuche und Sitten, so Böttcher, müsse man sich gewöhnen. Besonderes Glück habe er mit seiner Gastfamilie gehabt: „Dadurch, dass meine Gastfamilie so offen und nett war, würde ich Bolivien als meine zweite Heimat bezeichnen.“
Stefan Wald hatte in Südfrankreich das Glück, bei einem eher seltenen Ereignis dabei zu sein: Beim sogenannten „Blocus“ streikte seine Schule gegen ein neues Gesetz, indem die Schüler für zwei Wochen das Schulgebäude mit Mülltonnen verbarrikadierten. „Es war beeindruckend, weil es so etwas in Deutschland niemals geben würde, unsere Mentalität ist ganz anders.“
Nicht nur das Erlernen einer Sprache spricht für einen Auslandsaufenthalt. Valentin Burdet findet die Erfahrung empfehlenswert, eine Zeit lang ohne seine Eltern zu leben, ins kalte Wasser zu springen. Auch Robin Geibel empfiehlt einen Auslandsaufenthalt zur Förderung der Selbstständigkeit.
Eine „positive Erfahrung“ war das Auslandsjahr in den USA auch für Michelle Deutsch: „Ich werde dieses Jahr nie vergessen, ich habe viele interessante und prägende Menschen kennengelernt.“
