Wenn der Neue in der Klasse ein ungewöhnliches Kind ist
Salzgitter Inklusion – In vielen Lehrerkollegien herrscht große Unsicherheit mit dem Umgang psychisch kranker Kinder.
Alle lernen gemeinsam, behindert oder nicht. So einfach klingt die Theorie der Inklusion, die im Alltag nicht selten alle an ihre Grenzen bringt: Schulen, Lehrer, Betreuer, Eltern und nicht zuletzt die Kinder.
S – das ist der Buchstabe der Woche. Antonia Strohschneider hat ihn an die Tafel gemalt. „Ssssss, so summt eine Biene. Wer hat denn ein S in seinem Namen?“, fragt die Lehrerin ihre 1. Klasse. Arme schnellen hoch. Auch Niklas meldet sich.
Niklas, der Neue. Nach den Herbstferien ist er gekommen, der große dunkelhaarige Junge. In der Schule, in die er eingeschult war, fühlte er sich nicht wohl. Aber vielleicht lag es auch gar nicht an ihm. Vielleicht lag es an den Umständen. Daran, dass es von vornherein atmosphärische Störungen gab – zwischen seinen Eltern und Lehrern.
Niklas ist ein besonderes Kind. Auf den ersten Blick ist ihm nichts anzumerken. Wer allerdings genauer hinschaut, merkt, dass etwas anders ist mit ihm. Er meidet körperliche Nähe, seine fast stoische Ruhe und seine langsamen Bewegungen stechen heraus in diesem quirligen Häuflein Erstklässler. Niklas nimmt starke Medikamente. Sonst könnte er den Schulvormittag mit all den Eindrücken nicht überstehen. Der Sturm in seinem Kopf würde ihn wegfegen. Niklas leidet unter einem besonders ausgeprägten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom.
Nach seinem Scheitern in einem Regelkindergarten hatte der aufgeweckte Junge zwei relativ unbeschwerte Jahre im heilpädagogischen Arche-Noah-Kindergarten verbracht. „Ohne Medikamente“, betont seine Mutter Anne M.. Eine Förderschule für sozial-emotional gestörte Kinder gebe es in Salzgitter nicht. Um Niklas lange Fahrten zu ersparen und in der Freizeit ein gut erreichbares soziales Umfeld zu bewahren, sei nur der Weg in die Regelschule geblieben. Anne und Justus M. suchten für ihren Sohn eine Schule mit kleinen Klassen. „Wir dachten, das sei besser für ihn.“ Doch es kam anders. Zu den Herbstferien meldeten die M.’s ihren Sohn wieder ab. Zuviel war vorgefallen.
Das Zauberwort Inklusion hatte im Hause M. schnell seinen Glanz verloren. Gespräche und Mailwechsel mit Schulbehörde und Jugendamt brachten vor allem in Sachen der geforderten Schulbegleitung anfangs nicht die erwünschten Ergebnisse. Man fühlte sich alleingelassen.
Vom nächsten Schuljahr an beginnt landesweit die Einführung der inklusiven Schule in den Jahrgängen 1 und 5. In Salzgitter werden zunächst drei Grundschulen (Kranichdamm, Dürerring, Wiesenstraße), die Hauptschule Fredenberg, die Realschule Gottfried-Linke und das Gymnasium am Fredenberg als Inklusionsschulen ausgewiesen. Was nicht heißen soll, dass Schulen, die bereits inklusiv arbeiten, dies nun nicht mehr tun sollen. Michael Cramme vom Fachdienst Bildung: „Bei der Ausweisung der Schwerpunktschulen geht es hauptsächlich um die Barrierefreiheit, also um bauliche Veränderungen.“ Bis 2018 soll Inklusion an allen Schulen Normalität werden. Die Förderschulen Salzgitters blieben bis auf die Schule am Steinberg, die 2016 geschlossen werde, bestehen, ergänzt Sozialdezernentin Christa Frenzel. Es werde diese Schulform weiterhin geben müssen, weiß auch Roswitha Krum, Fachdienstleiterin Jugend. Denn es werde immer Fälle geben, „in denen eine rein sonderpädagogische Förderung bessere Ergebnisse erzielt“.
Es besteht also eine Wahlmöglichkeit. Dass sich Eltern von Kindern mit äußerlich nicht sofort erkennbaren Handicaps mit ihrer Entscheidung besonders schwertun, ist den Verantwortlichen durchaus bewusst. Das Gesundheitsamt bemühe sich, die betreffenden Schulanfänger möglichst früh zu untersuchen. Auch sei man, so Krum, dabei, Checklisten für Eltern und eine Konzeption für den Übergang von Kindertagesstätten zu Schulen zu entwickeln. Ferner würden in den Familienzentren (Kitas St. Elisabeth, St. Bernward, Christ-König, Purzelbaum und Wilhelm-Kunze-Ring) Bildungsbegleiter installiert, die offene Fragen mit Eltern klären können.
Um den Regelschul-Alltag meistern zu können, brauchen viele Inklusionskinder Schulbegleiter. Für diese gebe es aber bislang keine spezielle Ausbildung. Angesichts der vielen unterschiedlichen Behinderungen stehe man da vor einer Herausforderung, wird Krum deutlich. Ebenfalls die Frage der Kostenübernahme müsse dringend neu geregelt werden. An den Schnittstellen zwischen den Systemen dürfe es nicht zu Reibungsverlusten zuungunsten der Kinder kommen.
In der Klasse von Frau Strohschneider herrscht inzwischen Gewusel. Gruppenarbeit ist angesagt. Niklas schwimmt munter mit. Assistiert von Lara schreibt er „Josef“ an die Tafel – einen Namen mit S. „So heißt mein Opa“, sagt er und strahlt. Ob sie Bedenken gehabt habe, als der Junge ihrer Klasse zugewiesen wurde? „Nein“, sagt die junge Lehrerin. „Nur einen ganz kurzen Moment am Anfang, weil ich fürchtete, nicht kompetent genug zu sein, um Niklas gerecht werden zu können“, schiebt sie nach und spricht damit ein Thema an, das viele ihrer Kollegen umtreibt. Inklusion stand nicht auf ihrem Studienplan. Trotz Fortbildungsangeboten herrsche an vielen Schulen Unsicherheit.
Petra Binder, Leiterin der Lichtenberger Grundschule, sieht ihr engagiertes, junges Kollegium jedoch auf einem guten Weg. „Wir haben unter anderem durch ein einheitliches Regelsystem klare Strukturen geschaffen, die nicht nur Kindern wie Niklas Halt geben.“ Nachbesserungsbedarf sieht Binder allerdings noch im System Schule. Hier sei das Kultusministerium gefordert.
Sausepause in Klasse 1. Die Kinder toben über den Schulhof. Niklas hat mit dem Anziehen etwas länger gebraucht, aber nun ist er dabei – auch ohne Schulbegleitung. 15 Stunden pro Woche hat das Jugendamt für ihn bewilligt. Bisher hat sich jedoch noch niemand gefunden, der diesen Job übernehmen will.
Die Namen der Familie sind geändert.
