Und es ward Licht in Lobmachtersen
Salzgitter Der Strom für viele Dörfer in der Region kam aus Ringelheim.
5. Dezember 2012. Unterwegs im dunklen Lobmachtersen. Ach, was heißt hier dunkel? Straßenlaternen spenden in sicheren Abständen Licht. Durch die Fenster dringt der Schein von Stubenlampen. Und manche Hausfassade kommt bunt blinkend daher – schließlich ist Weihnachten nicht mehr fern.
Schauen wir 100 Jahre zurück. Da war es wirklich finster im Dorf, wenn die Sonne untergegangen war. Petroleum- und Karbidlampen gab es und Bienenwachskerzen – das war’s. Am 5. Dezember 1912 aber ging den Lobmachtersenern im wahrsten Sinn des Wortes ein Licht auf. Der Ort wurde an das Stromnetz angeschlossen.
In den Wochen davor waren bereits Liebenburg und Groß Mahner ans Netz gegangen; Ohlendorf, Groß und Klein Flöthe, Heerte und Barum folgten in den Tagen danach. Bis April 1913 folgten Immendorf, Watenstedt, Beinum, Cramme, Leinde, Fümmelse, Gebhardshagen, Salder, Lichtenberg, Bruchmachtersen, Lebenstedt, Reppner, Broistedt, Woltwiesche und Klein Lafferde.
Zurück nach Lobmachtersen. „Bereits im April hatte Ortsvorsteher Otto Probst mit den Bergmann-Electricitäts-Unternehmungen Berlin, kurz BEU, einen Stromliefervertrag über 20 Jahre Laufzeit abgeschlossen“, berichtet Ortsheimatpfleger Peter Stübig. Wer bis zu 300 Kilowattstunden im Jahr abnahm, musste 45 Pfennige pro Kilowattstunde berappen. Für die Beleuchtung von Wegen und Gebäuden waren 30 Pfennige fällig. „Im Vergleich zu heute sind die Strompreise ähnlich hoch wie heute“, hat Stübig ausgerechnet. Wenn man die damaligen Löhne zugrunde lege – ein Industriearbeiter verdiente 80 bis 100 Mark monatlich, ein Knecht 56 bei freier Wohnung – erscheine der Preis sehr hoch. Jedoch sei, so Stübig, die private Stromabnahme gering gewesen. Nur in wenigen Räumen habe es Glühlampen gegeben. „Und der Siegeszug elektrischer Haushaltsgeräte und Radios sollte erst später beginnen.“ Daher dürfte der Jahresverbrauch eines Wohnhauses nicht über 300 Kilowattstunden gelegen mit 135 Mark sowie 30 Mark Zählermiete gelegen haben, mutmaßt Stübig. Und dies hätten sich meist mehrere Haushalte geteilt. „Abgerechnet wurde nach Lampen- und Steckdosenzahl.“
Auch in Landwirtschaft und Handwerk lösten bald elektrisch betriebene Geräte Dampfmaschinen ab. Die Verbrauchspreise waren hier niedriger angesetzt.
Die Geschichte der elektrischen Stromversorgung hat, nach Stübigs Recherchen bereits Weihnachten 1898 begonnen – und zwar mit dem Erleuchtung des Ringelheimer Schlosses. Der dortige Gutsbesitzer Graf Georg von der Decken hatte in der alten Klostermühle eine Wasserturbine mit 60 PS Leistung einbauen lassen. Die Wasserzufuhr erfolgte über einen Graben der Innerste. Die Turbine trieb einen Drehstromgenerator an, der eine Spannung von 110 Volt erzeugte. Stübig: „Nach dem Schloss wurden das Gut und das Dorf Ringelheim angeschlossen und per Hochspannungsleitung wurden Söderhof, Haverlah und Alt Wallmoden versorgt.“
Das Elektrizitätswerk Ringelheim wurde im Zuge des weiteren Netzausbaus 1910 von den BEU übernommen. Drei Jahre später trat die Überlandzentrale Helmstedt auf den Plan. Sie errichtete in Ringelheim zusätzlich ein neues Kraftwerk mit einer 750-kW-Turbine. Trotz allem sei das Werk auf lange Sicht unrentabel gewesen. Man baute von Helmstedt aus eine Überlandleitung zum Ringelheimer Netz. 1914 erfolgte in Fümmelse der Anschluss. In Ringelheim blieb eine technische Abteilung, die nach längerem Leerstand 2011 abgerissen wurde.



