„Schulen müssen nach Ursachen forschen“
Salzgitter Der Bildungsausschuss will die Gründe für die hohe Durchfallerquote beim Abitur wissen. Schulleiter arbeiten derweil das Problem auf.
Nach dem Abitur-Debakel in Salzgitter haben SPD und CDU Anfragen im Bildungsausschuss gestellt. Sie wollen wissen, weshalb die Durchfallerquote 2012 so hoch war. Die Gymnasial-Schulleiter, die in einer gemeinsamen Stellungnahme, unserer Zeitung mitgeteilt hatten, die Vorgaben des Landes seien schuld, relativierten ihre Aussagen in der jüngsten Ausschusssitzung.
Wie berichtet, sind in Salzgitter 10,7 Prozent der Abiturienten durchgefallen, der Landesschnitt lag bei 5,5 Prozent. In der Region schneidet Salzgitter am schlechtesten ab. Mit 15,8 und 15,6 Prozent war die Durchfallerquote am Gymnasium Am Fredenberg sowie am Kranich-Gymnasium am höchsten. 8,8 Prozent schafften das Abitur am Gymnasium Salzgitter-Bad nicht, 7,1 Prozent waren es an der Ludwig-Erhard-Schule. An den BBS Fredenberg fiel dagegen kein Abiturient durch. Ein Jahr zuvor lag die Durchfallerquote an den drei Gymnasien im Schnitt noch bei 5,7 Prozent.
„Die Schulen müssen nach Ursachen forschen“, forderte Bildungsausschussvorsitzende Elke Streckfuß (SPD). Und: „Wie viele Schüler besuchen das Gymnasium, ohne eine entsprechende Empfehlung?“, fragte Klaus Poetsch (CDU). Die Verwaltung sieht laut Bildungsdezernentin Christa Frenzel ihre Möglichkeiten, Einfluss auf das Lehren und Lernen zu nehmen, begrenzt. „Wir unterstützen aber durch frühe Hilfen wie Elternarbeit oder Lernbegleiter“, sagte Frenzel.
Die Freigabe des Elternwillens bei der Entscheidung, auf welche Schule ihre Kinder gehen, führe zwar „zu einem Wildwuchs in den Klassen 5, 6 und 7“. „Das ruckelt sich aber im Laufe der Jahre wieder zurecht“, sagte Ulrich Leidecker (SPD). Er forderte die Schulen auf zu analysieren und zu reagieren. „So hohe Durchfallerquoten sind nicht normal“, sagte Leidecker.
Anke Ilgner, Leiterin des Kranich-Gymnasiums, sah derweil neben den Landesvorgaben auch die besondere Situation Salzgitters als Ursache, sagte sie im Bildungsausschuss. „Salzgitter ist eine Arbeiterstadt, hat einen hohen Migrantenanteil, und es gibt kritische Lebenssituationen“, sagte sie. Die Stadt sei nicht zu vergleichen mit einer Stadt wie etwa Göttingen. Dem widersprach Ausschussvorsitzende Streckfuß aufs Deutlichste: Salzgitter sei von der Struktur her sehr ähnlich wie andere Städte – zum Beispiel Wolfsburg.
Ilgner machte auch eine Rechnung auf: Von den zehn Durchfallern an ihrer Schule seien fünf mit Mühe und Not zum Abitur zugelassen worden. Von diesen wiederum seien zwei bereits zuvor durchgefallen. Das konnten mehrere Ausschussmitglieder nicht nachvollziehen. Wieso wurde nicht vorher gesiebt, fragten sie. „Man muss auch mal eine Fünf geben“, ereiferte sich Marcel Bürger (Grüne).
Die Lehrpläne, die für alle Schulen des Landes gelten, könnten nicht alleinige Ursache sein, argumentierte Andrea Bese, Leiterin des Gymnasiums Am Fredenberg, in eine andere Richtung. „Das ist zu kurz gegriffen.“
Ihre Schule habe die Situation inzwischen analysiert und viele Gründe gefunden, die zusammenspielten: So gebe es viele Kinder mit ausländischen Wurzeln. Zahlreiche Schüler seien bis zum Abitur gebracht worden, „obwohl man ihnen diese Fähigkeit nicht prognostiziert hätte“. „Viele Schüler beknien die Lehrer, ihnen noch eine Vier zu geben und sie zu versetzen“, erklärte Bese. „Und viele Lehrer kommen dem nach. Da kann man uns auch die Schuld geben.“
Außerdem sei bei vielen Lehrern noch nicht angekommen, was es heiße, nach festgelegten Lehrplänen, also nach kompetenzorientierten Kerncurricula, zu unterrichten. „Dafür hat es zu wenig Fortbildungen gegeben“, zählte Bese weitere Ursachen auf. Zudem seien die Abiturienten, die nun bereits nach zwölf Jahren die Schule verließen, ein Jahr jünger und entsprechend unreifer. Und: „Es gibt viele Schüler, die neben der Schule arbeiten müssen, um zum Familieneinkommen beizutragen.“
Bese schloss daraus: „Die Summe der Ursachen ist ausschlaggebend für die Quote.“

