Wer sich Luxus gönnen wollte, fuhr rasant die „Heckflosse“
Salder Die SZ stellt in einer fünfteiligen Serie anschauliche Beispiele aus der 241-seitigen Konzeption der Stadt für das geplante Mobilitätsmuseum vor.
„Aus Wracks werden Autos“, titeln Zeitungsjournalisten Ende der 1940er-Jahre im Jubelbericht über die Autowerke Salzgitter (AWS). Die Gründer Heinrich Janssen und Josef Mikolajczyk, die Jeeps der Alliierten in flotte Straßenflitzer umbauen, werden bejubelt als Pioniere auf der Schwelle zu Deutschlands Wirtschaftswunderzeit. Doch nur fünf Jahre, bevor 1955 in Wolfsburg der einmillionste Volkswagen vom Band läuft, hat das findungsreiche Duo bereits alles verloren. Ihr Versuch, mit Hilfe des jungen Ingenieurs Ludwig Elsbett einen Mehrzweckwagen für acht Personen und Spitzentempo 130 als Marke Eigenbau auf den Markt zu bringen, scheitert. Allerdings nicht, weil die Idee schlecht ist, sondern weil ihnen die Alliierten keine Jeeps mehr liefern und nach 11 000 produzierten Fahrzeugen Schluss mit Erwerb ist.
Für Jörg Leuschner, den Chef des Städtischen Museums Schloss Salder, ist diese „ungemein interessante Episode“ ein anschauliches Kapitel lokaler Autobauer-Geschichte, das in der geplanten Ausstellungshalle umfassend gewürdigt werden sollte. Im derzeitigen Bestand des Museums für Industrie, Technik, Arbeit und Mobilität (Mitam) sind sind zwar viele Bilder, Quellen, Entwicklungspläne, Werbematerial, Preislisten und auch ein Werbeschild zu finden. Doch Modelle der AWS-Autos müssten erst erstellt werden, ein von den Salzgitteranern umgebauten Jeep hat der Besitzer der Stadt bereits zum Kauf angeboten.
Wer sich im Pferdestall des Museums umschaut, begegnet stattdessen der frühen Produktionswelt des VW-Konzerns in Wolfsburg und Salzgitter. Dazu gehören der VW K70, der ab 1970 in Beddingen hergestellt wurde, die VW-Modelle 411, 412, ein Passat und der Käfer – ein beispielloses Erfolgskonzept, ein Vorzeige-Auto, das in den 50er-Jahren im Westen alle fahren, die es sich leisten können – hinter sein Steuer setzen sich laut Wolfsburger Werbeslogan Direktoren genauso gern wie Studenten und Arbeiter.
Doch was zehn Jahre später wirklich Luxus ist, will Leuschner dokumentieren mit einer Sammlung von Fahrzeugen der Mercedes-S-Klasse, beginnend mit der Baureihe W 111 („Heckflosse“) von 1964 bis zum Allrad-Fahrzeug aus dem Jahr 2000 (W220). Noch augenfälliger ist wegen seiner Sammlerpracht der Ford „Essex“ von 1922 – ein seinerzeit preiswertes US-Produkt goldener Wirtschaftsjahre.
Wie sehr die Menschen in der Region schon im 19. Jahrhundert hoch hinaus wollten, zeigt Leuschner am Beispiel der Luftfahrt und der Werbeplakate des Fallschirmspringers Hermann Lattemann aus Gebhardshagen. Der Erfinder waghalsiger Sprünge aus Heißluftballons starb 1896 tragisch in Krefeld, weil sich sein Fallschirm nicht öffnete.

