Rollte der Wendeburger an, ging es auf Holzrädern weiter
Salder Die SZ stellt in einer fünfteiligen Serie anschauliche Beispiele aus der 241-seitigen Konzeption der Stadt für das geplante Mobilitätsmuseum vor.
Als der städtische Kultur-Chef Jörg Leuschner Mitte Februar im „LHB-Werksmuseum“ von Alstom den Straßenbahn-Triebwagen der Baureihe TM 33 besteigt, will er hautnah erleben, wie sie einst war, die Schienenfahrt durch die Großstadt Berlin von 1931 bis in die 60er-Jahre. Doch die Ära dieses Massenverkehrsmittels hat nicht nur Gleis-Spuren hinterlassen.
Die Exponate, die Alstom der Stadt überlassen will, zeigen deutliche Verschleißerscheinungen: Rostablagerungen, stark abblätternder Lack sind zu finden – auch am Hamburger Straßenbahnwagen aus den 60er-Jahren bröselt viel unterm teilweise undichten Dach der Werksschau. Grund genug für Betriebsratschef Bernd Eberle, den Ratsmitgliedern damals zu sagen: Die Exponate sollen in Salzgitter bleiben – und zwar in der geplanten Ausstellungshalle in Schlossnähe.
1500 Quadratmeter sind dort reserviert für zwei weitere Beispiele des Massenverkehrs, der ab der Jahrhundertwende rasant-gewichtige Mobilität auf der Straße gewährleistet. Es sind vor allem Nutzfahrzeuge aus der Produktionsschmiede des Bus- und LKW-Bauers Heinrich Büssing, der 1903 im Alter von 60 Jahren sein gesamtes Vermögen in die Gründung einer Fabrik für Motorlastwagen in Motoren steckt. Es entstehen Werkshallen und Werkstätten in Braunschweig und zuletzt in Salzgitter.
„Unsere Region hat immer Persönlichkeiten gebraucht, die aus Faszination an Technik ganz klein anfingen und Großunternehmen schufen“, sagt Leuschner und zeigt im Pferdestall des Schlosses Salder auf einmalige Beispiele der Büssing-Ära. Ganz hinten, gleich neben einer Original-„Olex“-Tanksäule aus den 1930er-Jahren steigt Werkstattleiter Karsten Guhrmann auf den Bock des ersten LKW des Pioniers von 1903: Die Nachbildung zeigt ein grasgrünes, kastenförmiges Freiluft-Gefährt, vollgummibereift, angetrieben vom Zweizylinder Motor mit 9 PS Leistung, geeignet für 60 Zentner Nutzlast, die Kraftübertragung erfolgt durch Ketten. Gleich daneben steht der „Wendeburger“, der erste Omnibus, mit dem Büssing nach der Versuchsfahrt am 3. Juni 1904 Verkehrsgeschichte schreibt: Als Antrieb für das waggonähnliche Gefährt dient zunächst der LKW-Motor von 1903, die Räder sind hölzern und vollgummibereift. Im Sitzraum dahinter können 18 Fahrgäste in zwei Klassen Platz nehmen und bei maximalem Tempo 20 etwa auf der Strecke zwischen Wendeburg und Braunschweig oder zwischen Braunschweig, Salder und Lebenstedt den Ausblick genießen.
Wie Mobilität individueller wird, zeigt sich im Museum am Beispiel der Motobécane („Motordrahtesel“) von 1924. Was noch fehlt, sind Motorroller von FAKA aus Salzgitter.


