Der zähe Kampf um Laura
Thiede Die schwer behinderte Laura aus Thiede muss besonders gefördert werden, doch eine neue Eingruppierung erschwert dies.
Christine Gahren kämpft für ihre Tochter. Laura, 19 Jahre alt, ist schwer behindert und braucht eine Betreuung, die nur für sie da ist. Zum einen hat sie eine Knochenmarkserkrankung, so dass ständig darauf Acht gegeben werden muss, dass sie nicht vielleicht im Nassen sitzt oder ihr zu kalt wird. Sie ist auch hyperaktiv, kann nicht stillsitzen. Zum anderen reagiert sie bei Freude oder Wut überschwänglich und kann dann andere oder sich verletzen. Man kann sie nicht alleine lassen.
Laura ist seit September in einer Tagesbetreuung untergebracht, die sie gerne besucht. Dort gibt es eine persönliche Betreuerin, eine Fachkraft. Sie holt sie von Zuhause ab, Laura fährt mit ihr in die Gruppe, und nachmittags bringt die Betreuerin sie wieder zurück. Laura bekommt eine sogenannte Einzelfallhilfe. „Das wird von der Stadt im Rahmen der Eingliederungshilfe bezahlt“, sagt Christine Gahren.
Laura kommt im Schneeanzug in die Küche. Sie setzt sich und greift mit einer schnellen Bewegung nach der Hand der unbekannten Reporterin, gleichzeitig nach der der Mutter. Während sie vom Weihnachtsmarkt erzählt, den sie besuchen will, sitzt sie händchenhaltend da.
Christine Gahren hat drei Töchter. Wenn Laura den ganzen Tag zuhause wäre, hätte sie weniger Zeit für die anderen Töchter. Und es würde sie überfordern, glaubt sie. „Das könnte ich nicht leisten“, sagt sie, „ich könnte sie auch nicht so fördern, wie es in der Einrichtung geschieht.“
Laura hat eine Menge Krankheiten, alle tragen lateinische Namen, die lang sind und beeindruckend. Sie wurde oft im Krankenhaus behandelt. Wer behindert ist, wird nach seinem Hilfebedarf eingruppiert. „Laura ist Gruppe 5“, sagt Christine Gahren, das ist die höchste Gruppe, „und zwar mit plus plus plus.“ Der für diese Gruppe ab Januar zugesagte Schlüssel von einer Betreuungsperson auf drei Betreute reicht ihr aber nicht – auch die mit der Betreuung betraute Institution habe der Stadt dies bereits mitgeteilt, sagt Christine Gahren. Mit der Bitte um Ausnahmeregelung.
Doch die Finanzierung wurde bisher nur bis 31. Dezember gewährt, der Vertrag lief dann aus. Und es sah so aus, als ob durch die Gesetzesänderung eine 1-zu-1-Betreuung nicht mehr möglich wäre.
Doch Christine Gahren hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, sie will eine Ausnahmeregelung durchsetzen. Die Stadt ist dabei nicht das Problem. „Die Stadt zahlt, was das Landesamt in Rücksprache mit dm Träger verhandelt“, sagt Salzgitters Stadtsprecher Norbert Uhde – und dazu zähle auch eine Ausnahmeregelung. Bisher zahlt die Stadt laut Uhde 25 Prozent, den Rest bekommt sie vom Land erstattet.
Am Freitag kam zunächst die erlösende Nachricht vom Landes-Sozialministerium. Bis 31. März bleibt Laura in der Gruppe, sagt der Sprecher. Und: „Das Landes-Sozialministerium bleibt mit dem Einrichtungsträger im Kontakt und wird die sachgerechte Dauerlösung auch in Bezug auf die Finanzierungsgrundlagen weiter verfolgen.“ Für Christine Gahren aber bleibt das Grundproblem erhalten, sagt sie: die Eingruppierung. Laura braucht mehr als 5. Sie ist eine Ausnahme. Und Christine Gahren will weiter dafür kämpfen.



