Gasthof schloss nach mehr als 200 Jahren
Ringelheim Es war der älteste Gasthof in Ringelheim. Seine Familie führte ihn 166 Jahre lang. Nun schloss der letzte Gastwirt Josef Wiedel seinen Betrieb.
Der Ringelheimer Gasthof Wiedel war unter anderem Zollstube und Quartier für amerikanische Soldaten. Sein großer Saal diente darüber hinaus als Turnhalle, Schießstand und Festsaal. Nach mehr als 200 Jahren – 166 Jahre im Besitz der Familie Wiedel – ist nun Schluss. Zu Weihnachten hat Josef Wiedel seinen Betrieb geschlossen.
„Es war nicht immer leicht – aber es hat Spaß gemacht“, sagt der 73-jährige Gastwirt. Er und seine Frau Waltraud wirken zufrieden, nur eines bereitet dem Ehepaar Sorgen. „Wir würden gerne jemanden finden, der unseren Gasthof fortführt“, sagt Josef Wiedel. Interessenten gebe es. Doch oft genug würden die Banken nicht die notwendigen Kredite finanzieren, sagt er.
Der Gasthof war das älteste Ringelheimer Gasthaus. „1765 wurde es von Mainholph Schrader als Gasthof mit Hofstelle und Ausspann eröffnet“, berichtet der Wirt. Reisende konnten hier ihre Pferde einstellen und übernachten. Mit dem Bau der Chaussee von Hildesheim nach Goslar (alte B6) wurde in dem Gasthaus auch das Wegegeld zur Refinanzierung der Straße erhoben. „In die Familie gelangte das Wirtshaus 1846“, berichtet Josef Wiedel. Damals heiratete sein Urgroßvater die Witwe des Gastwirtes. „Seit 166 Jahren ist der Betrieb nun in unserer Familie“, rechnet Wiedel vor.
1966 übernahm er als ältester Sohn die Wirtschaft seines Vaters. „Nebenberuflich führte ich das Wirtshaus aber schon seit 1962“, sagt Wiedel. „Viele konnten nicht verstehen, wie ich nach der Arbeit bei der Hütte auch noch unser Gasthaus führen konnte.“ Doch gerade diese viele Arbeit habe ihm Spaß gemacht. „Alles, was wir einnahmen, steckten wir wieder in den Betrieb“, sagt Wiedel. 1980 ließ er zum Beispiel eine neue Kegelbahn errichten. „Das war damals sehr angesagt“, erinnert er sich. Bis heute hielten ihm einige Kegler die Treue.
Die Wirtschaft habe in der gesamten Zeit Höhen und Tiefen erfahren. „Nach dem Krieg beschlagnahmten die Amerikaner unser Gasthaus“, erinnert sich der Wirt. Innerhalb von 24 Stunden mussten sie ihr Heim verlassen. Später konnten sie dann den Betrieb wieder aufnehmen. Der Gasthof war aber immer noch mehr als nur ein Gasthaus. „Der Saal diente zeitweise auch als Turnhalle“, berichtet Wiedel. Außerdem schossen hier die Schützen bis in die 1980er-Jahre zweimal die Woche, die Feuerwehr bot hier Blutspende-Termine an. „Der Saal war halt ein moderner Mehrzweckraum“, sagt er.
Es gab aber auch zahlreiche Feste und Bälle. „Neben dem Königsball gab es früher noch den Ball des Gesangvereins“, sagt Wiedel. Dieser sei immer besonders vornehm gewesen. Den vermutlich letzten Ball werden wohl die Schützen im Januar im Gasthaus Wiedel geben. „Allerdings vermiete ich den Saal nur noch – ohne zu organisieren“, sagt Wiedel.
Langweilig werde ihnen wohl nicht werden, stellt Wiedel fest. „Endlich habe ich Zeit für meine Hobbys“, sagt er. Außerdem haben sie nun Zeit alte Kontakte zu pflegen. „Und in den Vereinen bin ich auch noch aktiv“, sagt Wiedel.



