Als die Industrie anwuchs, wanderten die Menschen
Salzgitter Die SZ stellt in einer fünfteiligen Serie anschauliche Beispiele aus der 241-seitigen Konzeption der Stadt für das geplante Mobilitätsmuseum vor.
Männer und Frauen, unterm Hakenkreuz in Konzentrationslagern eingepfercht, von Schwerstarbeit, Hunger, Seuchen in den Tod getrieben, Menschen auf der Flucht vor politischer und rassistischer Verfolgung, Vertriebene, die durch Krieg und wirtschaftliche Zerrüttung daheim auf der Suche nach einer neuen Heimat sind – Zwangsarbeit, Flucht, Vertreibung und Zuwanderung haben bis heute die Geschichte der Deutschen geprägt. Für die heutige Salzgitter-Region waren es dunkle Kapitel, die die Industrialisierung des ländlichen Lebens seit der Jahrhundertwende hervorrief. Daher will Salzgitters Kultur-Chef Jörg Leuschner dem lokalen Bevölkerungswandel seit der Kaiserzeit bis heute eine eigene Dokumentation im geplanten Museum für Industrie, Technik, Arbeit und Mobilität (Mitam) widmen.
Eine der grundlegenden Fragen dürfte sein: Wie tiefgreifend haben die Nationalsozialisten das landwirtschaftlich geprägte Leben zwischen Harz und Heide hinweggefegt durch Umsiedlungen nach der Gründung des KdF-Werks in Wolfsburg und der Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring“? Innerhalb kürzester Zeit strömen tausende Menschen in die Region, historische Fotos der AG für Bergbau- und Hüttenbedarf zeigen abgehärmt wirkende Frauen an Maschinen, Zwangsarbeiterinnen in der Rüstungsindustrie in Salzgitter.
Andere Bilder zeigen, wie die Industrialisierung während der Jahrhundertwende Einzug hält draußen auf dem Land, etwa im Handwerk. Im alten Dreschschuppen in Lebenstedt wird Stroh nicht mehr per Hand gedroschen, die Arbeit erledigt eine holzgefeuerte Zylinder-Dampfmaschine. Drumherum posieren die Arbeiter, der Chef mit Hut, mittendrin auch Kinder. Wie sich moderne Technik in folgenden Jahrzehnten weiterentwickelte, zeigt die vierstöckige Schrotmühle des Herstellers Miag. Den Blick in die Zukunft erlaubt gleich nebenan ein Hybridauto von Ford – ein anschaulicher Hinweis auf zwingend erforderlichen Tribut gegenüber zunehmender Umweltbelastung des Fortschritts.
Die Alltagsgeschichte nach 1945 veranschaulicht ein hölzerner Karren, auf den Flüchtlinge ihren gesamten Besitz luden auf dem Weg in den Westen, nach Salzgitter. Seltenheitswert dürfte auch das Foto haben, das Vertriebene vor dem Lager Immendorf zeigt – langes Warten auf eine warme Mahlzeit.
Doch das ist nur die erste mehrerer Wellen neuer Bevölkerungsgruppen, die in der Region eine neue Heimat suchen – Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten, DDR-Flüchtlinge, im Ausland angeworbene „Gastarbeiter“ und Spätaussiedler. „Die Industrialisierung“, bilanziert Leuschner, „bewirkte einen ständigen Wanderungsprozess.“
