Szenenapplaus für Helga Hamann – immer wieder
Groß Gleidingen Die Damentheatergruppe des SV Rot-Weiß Groß Gleidingen spielte im Vereinsheim „Mein Mann, der fährt zur See“.
Manchmal gerät auch das beschaulichste Leben gründlich aus den Fugen. Dass es noch schlimmer kommen kann, zeigte die Frauentheatergruppe aus Groß Gleidingen im Stück „Mein Mann, der fährt zur See“.Tief in die Auswahlkiste griff in diesem Jahr die Theatergruppe des SV Rot-Weiß und zauberte einen Schwank aus dem Jahre 1953 hervor. Mary Brammer, gespielt von Birgit Schreiber, und ihr Mann Karl, liebevoll „min Knurrhahn“ genannt (Gundula Jeffe), betreiben seit einigen Jahren die kleine Hafenpinte „Blauer Peter“ in Hamburg. Alles schön und gut – wäre Karl, der bis vor kurzer Zeit als Schiffskoch arbeitete, nur nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Ausgerechnet in Marys Geburtstagspost findet sich ein Brief der Staatsanwaltschaft – der Gatte soll drei Monate eingesperrt werden. Und das unverzüglich. Nachdem Mary den ersten Schock überwunden hat, drängt sich die Frage auf, was es nun der buckligen Verwandtschaft zu erzählen gilt, wenn Karl für ein Vierteljahr verschwunden ist. Kurzerhand wird den Verwandten die Story aufgebunden, dass Karl wieder zur See fahre. Eilig verschwindet er mit dem Taxi nach Fuhlsbüttel, offiziell zum Flughafen, weil sein Schiff ja ab Rotterdam fährt. Einige Tage später erreicht die kleine Hafenkneipe die Nachricht, Karls Schiff sei im Sturm gesunken. Überlebende gäbe es keine. Schon stehen die Verwandten wieder auf Matte, um nach sorgsam dosierter Trauer ihren Erbteil einzustreichen und Mary gehörig über den Tisch zu ziehen.
In Groß Gleidingen brauchte es keinen Henry Vahl, der im Original zusammen mit Heidi Kabel in einer Fernsehaufzeichnung aus den 1970er-Jahren auftritt und den Schwager des vermeintlich Ertrunkenen spielt. Die Rolle des Schwagers Amandus, der bei seiner Frau Malwine (Ingelore Tischler) nichts zu lachen hat, übernahm Helga Hamann: Ihr Auftreten, ihr Sprechen und das gezielte Pointieren in den unterschiedlichsten Zuständen nach dem Genuss von Hochprozentigem brachte Helga Hamann überzeugend rüber. Sie war - trotz Nebenrolle – der Star des Abends. Mit Abstand spielte sie den meisten Szenenapplaus ein.
Bemerkenswert auch, dass einige der Darsteller einen glaubhaften, nicht aufgesetzt wirkenden Hamburger Slang sprachen. Neben „Knurrhahn Karl“ ist hier vor allem Karoline Kuschnik zu nennen, die im Stück das Hausmädchen Ulli Stichling verkörperte. Durch ihr Minenspiel und ihre Körpersprache schaffte sie es, dass durch den Saal des Vereinsheims des SV Rot-Weiß ein Hauch vom Hamburger Ohnsorg Theater wehte.
Mit strikter Kühnheit und dem überlegenen Wissen, dass ihr „Knurrhahn“ nicht in den Fluten der Nordsee sein Leben lassen musste, agierte Mary in fast jeder Szene auf der Bühne. Geschmeichelt von Beileidsbekundungen und Liebesgeständnissen der Herren Menk und Alldag (Karin Retter und Heike Richter), behielt die Witwe auf Zeit einen kühlen Kopf, trickste die raffgierige Verwandtschaft aus. Und so ganz nebenbei gewann sie noch 50 000 Mark, womit sie sogar alle Schulden bezahlt konnte – und somit sind am Ende des Stücks die Wogen ihres beschaulichen Lebens wieder geglättet.
