Weihnachten – Die Zeit der alten Erinnerungen
Lengede Auftakt der „Weihnachtsgeschichten“: Viele der 51 Bewohner der Lengeder Seniorenresidenz teilen einen Wunsch: Am Fest der Liebe nicht alleine sein.
Weihnachten. Das ist die Zeit der Besinnlichkeit, voller Plätzchenduft und Kinderlachen. Weihnachten. Für Günter Rieger und viele andere Bewohner der Lengeder Seniorenresidenz am Kaskadenwehr ist es auch die Zeit der alten Erinnerungen.
„In der Kriegszeit habe ich zu Weihnachten ein Buch, ein paar Nüsse und Äpfel bekommen“, zählt der 82-Jährige auf. Wenn er sich daran erinnert, wie die Familie an Heiligabend gemeinsam gesungen, der Vater dazu auf der Zither gespielt hat, dann huscht ein kleines Lächeln über die tief in seinem Gesicht eingegrabenen Mundwinkel.
Doch da sind auch schmerzhafte Erinnerungen. Solche, die Günter Riegers Stimme vor unterdrückten Tränen ganz brüchig und dumpf klingen lassen: Erinnerungen daran, wie er kurz nach Kriegsende in der Weihnachtszeit von der Arbeit in Braunlage im Harz in sein Heimatdorf Altenbrak lief. „32 Kilometer, wieder und wieder“, das hat Günter Rieger bis heute nicht vergessen. Ein langer, eisiger Weg voller Angst vor den Russen, die bis tief in die Nacht in den umliegenden Dörfern feierten und tranken.
„Ich musste mich in der Dunkelheit an ihnen vorbei schleichen, damit ich ungesehen nach Hause und auch wieder zurück zu Arbeit kam“, sagt der alte Mann und seine Stimme bebt. Nicht immer habe das geklappt, „einige Male haben mich die Russen erwischt und mit anderen in einen kalten, dunklen Keller gesperrt“. Und endlich fließen Tränen.
Gerda Squarra (84) und Anneliese Simanek (88) nicken verständnisvoll. Die beiden alten Damen leben gemeinsam mit Günter Rieger in einer Wohngruppe des Altenheims, auch das Weihnachtsfest ihrer Kindheit war von der Kriegszeit geprägt.
Doch es gibt auch schöne Erinnerungen daran – an alte Traditionen, die in diesem Jahr wieder wach werden: „An Heiligabend kommt unsere ganze Familie zusammen, wir unterhalten uns und singen gemeinsam. Dann ist alles so, wie es früher war“, erzählt Gerda Squarra und ihre Augen glänzen vor Vorfreude. „Ich freue mich sehr auf Heiligabend bei den Kindern“, sagt sie. „Ich bin aber auch froh, wenn ich wieder hier bin und mich von dem Tumult erholen kann.“ Im Alter brauche man eben auch eines: Ruhe.
Die meisten der Bewohner verbringen die letzte Phase ihres Lebens in der Lengeder Seniorenresidenz. Deren Leiter Frank Horstmann weiß: „Weihnachten ist für viele Bewohner von Kindheit an ein zentrales Ereignis im Jahresablauf.“ In einem Alter, in dem die Endlichkeit des Lebens absehbar sei, setzten sich viele gerade in der Weihnachtszeit umso mehr mit religiösen Fragen auseinander: „Was kommt nach dem Tod? Und was lasse ich zurück?“
Gedrückt sei die Stimmung in den Zimmern und auf den Fluren des Altenheimes in der Weihnachtszeit aber nicht. „Viele Bewohner freuen sich wahnsinnig auf die Begegnung mit ihrer Familie“, sagt Frank Horstmann. Drei Viertel würden die Festtage zuhause im Kreise von Kindern, Enkeln und Urenkeln verbringen.
Dann gibt es aber auch Bewohner wie Irmgard Klie, die niemanden haben, der sie zu sich holt. „Es ist ein bisschen einsam an Heiligabend, die Kinder sind ja nicht hier“, sagt die 87-Jährige und zeigt auf die Porzellan-Engel auf ihrer Kommode. „Ich mache aber das Schönste daraus, wie jedes Jahr.“ Ihr Weihnachtswunsch? Wünsche habe man nicht mehr im Alter, sagt Irmgard Klie. Aber einer ist da doch: „Dass ich noch lange gesund bleibe...“



