Fern(e) Beziehungen – die Distanz überwinden
Peine Was passiert, wenn ein Freund plötzlich Hunderte oder gar Tausende Kilometer entfernt lebt? Die Indianer berichten heute von ihren Erfahrungen.
Selbst der Zeitunterschied ändert nichts daran
Von Lara Kuschmann
Für ein Jahr ins Ausland nach dem Abitur. Das stand für mich immer fest. Dass ich ein ganzes Jahr fern von der Familie und den Freunden aus Deutschland verbringe, habe ich erst wirklich realisiert, als ich vor knapp drei Monaten in das Flugzeug Richtung USA stieg. Jetzt nach einer gewissen Zeit, die ich schon in Florida bin, kann ich sagen: Oberflächliche Freundschaften habe ich schnell erkannt. Mit den Leuten, die mir wirklich wichtig sind und von denen ich hoffe, dass ich es ihnen auch bin, habe ich regelmäßig Kontakt. Mal ist es nur eine kurze Nachricht. Wenn etwas mehr Zeit ist, wird geskyped. Aber Fakt ist: Wenn das Kontakthalten von beiden Seiten gewollt ist, dann ist es auch möglich. Ich stehe sogar in Verbindung zu einer sehr guten Freundin, die erst in Südafrika war und jetzt in Australien ist. Selbst der Zeitunterschied ändert nichts daran. Notfalls wird halt in der Nacht geskyped. Vergangene Woche hatte ich Besuch von meinem Onkel und meiner Tante. Familie hier in Orlando zu Gast zu haben, hat sich einfach toll angefühlt – wie ein Stückchen Heimat! Der Kontakt zu meinen liebsten Freunden ist nicht abgebrochen. Ich kann nur sagen: No worries, everything will be fine (keine Sorge, alles wird gut).
„Meine Realität ist hier und jetzt“
Von Elina Göhrmann
„[...] Jeder gute Freund hinterlässt einen leeren Platz, wenn er nicht mehr da ist, und genau so einen leeren Platz hast du hinterlassen, als du nach Spanien gezogen bist. Ich erinnere mich an unsere Zeit, doch ich achte darauf, nicht in Sehnsucht danach zu greifen, denn diese Zeit kommt nie wieder. Wir können träumen, doch diese Träume sollten nicht Realität werden, denn jeder von uns hat seine eigene Wirklichkeit. Von meinem Leben hier zu schreiben würde alles für dich nur lebendiger machen und im Lebendigen verliert man sich leichter. In meinem Herzen wird es immer Momente geben, in denen ich mich fragen werde, was du mir raten würdest, wenn du noch hier wärst, und es würde mir Kraft geben, doch meine Realität ist hier – ohne deine Freundschaft. Ich weiß, dass du das auch weißt [...]“
Und sie legte den Stift weg, schaute auf das Blatt und zerknüllte es wieder. Manche Zeiten sollte man nur in Erinnerung behalten und nicht wieder aufleben lassen – sie könnten nur zerstört werden und dafür waren sie zu wichtig.
Küsschen rechts, Küsschen links
Von Anja Drewes
Liebe Corinne,
wir haben nun schon eine Weile einander nicht mehr geschrieben, und so hoffe ich, Dir und Deiner Familie geht es gut. Wir sind alle wohl auf und genießen gerade unseren wohlverdienten Urlaub in Dänemark. Hier kann ich mal so richtig die Seele baumeln und meine Gedanken fließen lassen. Und das ist auch der Grund für diesen Brief. Ich habe hier Zeit zum Nachdenken und zum Erinnern. Weißt Du eigentlich, dass unsere erste Begegnung vor fast genau 25 Jahren war? Du kamst im Dezember 1987 mit Deiner Schule aus Frankreich zum Schüleraustausch. Ich war so aufgeregt, wie Du wohl sein würdest. Hoffentlich würden wir uns vertragen. Und hoffentlich wärest Du nicht so eine aufgetakelte Zicke – solche Gedanken machte ich mir damals. Aber meine Sorgen waren völlig unbegründet. Plötzlich standest Du vor mir. Ungeschminkt, einen halben Kopf größer, etwas stärker gebaut. Küsschen rechts, Küsschen links, das ganze noch einmal und schon plappertest Du in Deinem gebrochenen Deutsch los. Höflich, aber nicht ängstlich. Ich hatte Dich vom ersten Moment an ins Herz geschlossen. Wir haben uns verstanden, auf Anhieb. Wir redeten in einem Deutsch-französisch-Mix, mit Händen und Füßen und lachten uns kaputt über uns und die verworrene Sprechweise. Das ist nach all den Jahren noch genauso. Wir müssen uns nicht regelmäßig schreiben. Wir wissen, was wir an dem Anderen haben. Und wenn wir uns in den 25 Jahren auch nur sieben Mal gesehen haben, war es doch jedes Mal, als wären wir schon immer befreundet. Du bist wirklich eine meiner besten Freundinnen. Übrigens sind wir die Einzigen, die noch Kontakt haben. Ich finde darüber können wir mächtig stolz sein. Vielleicht sollten wir uns einfach mal wieder besuchen? Gib Deiner Familie einen dicken Kuss von mir.
Bis bald, Deine Freundin Anja
Wut, Zorn, Liebe
Von Jana Pasternack
In der Menschenmenge stand sie am Bahngleis und wartete auf den Zug, in dem er sitzt. „15.41 Uhr“, liest sie laut von der Uhr ab. Nun waren es schon 20 Minuten Verspätung. Ruhig hatte sie von außen gewirkt, doch das war alles nur Fassade. In ihr wirbelten die Gefühle nur so.
Seltsam, dachte sie, dass ich mich gar nicht leer und einsam fühle. Denn das war sie ja gewesen, als er wieder einmal wegmusste für einen Monat. Allein hatte sie gegessen und alleine hatte sie nachts im Bett gelegen. Am Anfang war es kein Problem gewesen. Die Sehnsucht hatte ihre Liebe zu ihm wachsen lassen – und am Ende war die Freude beim Wiedersehen umso größer gewesen. Doch dann waren die Zweifel gekommen. Und die Wut, der Zorn. Sie hasste diesen Zorn auf den Mann, den sie doch eigentlich liebte. Doch wie, wie konnte er sie jedes Mal wieder aufs Neue allein lassen, wenn sie ihn doch brauchte? Wenn er sie lieben würde, wieso tat er ihr das immer wieder an? Auch als sie ihm ihre Befürchtungen mitgeteilt hatte, hatte er sie nur enttäuscht. Doch sie hatte nun einen Entschluss gefasst und dabei sollte es bleiben. Ihr Körper brannte innerlich noch immer, als der Zug kam. Der Zug, in dem er saß – doch sie wartete nicht mehr, sie ging einfach …
Du bist unerreichbar
Von Yasemin Rittgerott
Ich habe geschrien, ich habe geweint, ich habe falsch gelacht, ich habe versucht kühl zu tun, ich habe versucht, dich zu hassen, ich habe dich ignoriert, ich wollte dir alles geben. Nein. Ich habe dir alles gegeben. Alles, was ich hatte. Ich habe jedes Gefühl, das zwischen Liebe und Hass existiert, gefühlt. Deinetwegen. Du hast meinen Horizont erweitert – und trotzdem habe ich mich so klein gefühlt. Dabei habe ich so oft gedacht, da wäre dieser Funke, das gewisse Etwas zwischen uns. Aber heute blicke ich zurück und sehe die Distanz, die mein Herz so lange versucht hat zu überbrücken, um deines zu berühren – wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Ob es gelungen ist? Wer weiß das schon, außer dir? Du bist unerreichbar. Du bist von einem anderen Stern, von dem kein Wort zu meiner Welt gelangt, kein eindeutiges Zeichen. In meinen Gedanken spiele ich jede mögliche Wendung unserer Geschichte durch, nur um jedes Mal wieder zu bemerken, dass es eigentlich nur meine Geschichte ist, meine Geschichte mit dir. Denn für ein „uns“ hättest du dich ja auch einbringen müssen.
Bei all den Bedenken ...
Von Tassia Weimann
Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer.” Konfuzius
In 58 Tagen bin ich 714 km für insgesamt 147 Tage von dir entfernt. Im Moment scheint mir das eine schier endlose Zeit und Weite zu sein. Ich bekomme Bauchschmerzen, wenn ich daran denke. Ich frage mich, wie es sein wird, dich nur per Webcam sehen zu können. Auf dem Laptop, den ich noch nicht habe. Vielleicht geht es ja auch mit einem Smartphone. Ich weiß es nicht. Alles ist so ungewiss, wage, mit Stolpersteinen versehen.
Natürlich freue ich mich auch. Darauf neue Erfahrungen zu machen. Raus zu kommen aus meinem Alltagstrott, der sich von Monat zu Monat mehr in mein Leben schleicht. Ich freue mich darauf, wenn sich neue Menschen in meinem Herz einnisten.
Doch: Ich will dir von meinen blauen Flecken erzählen können, wenn ich Snowboard fahren lerne. Ich will dich damit überraschen, wenn du mich besuchen kommst, und ich nur noch alle paar Meter hinfalle. Ich will auf eigenen Beinen stehen und mir etwas erarbeiten. Ich stelle es mir unheimlich beruhigend vor, am Abend in deine leicht verpixelten Augen zu blicken und mir somit ein Stückchen Heimat direkt in die Schweiz zu holen. Die Weite zu überbrücken und dich fast ganz nah bei mir zu haben. Ich stelle es mir vielleicht härter vor, als es sein wird. Aber bei all den Bedenken bin ich guter Hoffnung, dass ich daran wachsen werde. Dass wir daran wachsen werden. Und dann hören die Bauchschmerzen auf – und die Vorfreude siegt.
Unüberwindbar
Von Ana Jasinski
Viereinhalb Zugstunden von dir entfernt sitze ich in meinem Zimmer. Es ist Samstagabend, aber die Leute, mit denen ich mich innerhalb des letzten Monats ernsthaft angefreundet habe, haben heute keine Zeit. Viele sind über das Wochenende nach Hause gefahren, andere müssen einfach nur ein Referat vorbereiten oder Vorlesungen nachbereiten. Ich versuche, mein Buch zu lesen, aber 250 Kilometer Luftlinie von mir entfernt feierst du mit Freunden und schreibst mir zusammenhangslose Nachrichten. Ich muss lächeln, als ich sie lese. Irgendwie vermisse ich es, dich jeden Tag in der Schule zu sehen und mit dir etwas zu unternehmen, vermisse deine Freundschaft. Auch wenn wir schon damals alles andere als nah beieinander gewohnt haben, kam mir die Entfernung nie so unüberwindbar vor wie jetzt.
Bis Weihnachten muss ich noch warten, bis du herkommst, um mich zu besuchen. Noch mehr freue ich mich aber auf das nächste Semester, wenn du hierher an die Uni wechselst. Ich weiß nicht, ob und wie sehr wir uns auf die Nerven gehen werden. Ich weiß nur, dass ich schon die Tage zähle, bis ich hier jemanden habe, der mehr mit mir teilt als den Vorlesungssaal und den Studiengang. Der mich besser kennt, als mir manchmal lieb ist. Der genauso bescheuerte Ideen hat wie ich und mich fast immer versteht. In 128 Tagen ziehst du her. Und ich freue mich schon so sehr.
Mein Leben in Schottland – einfach, sorgenfrei und schön
Von Fabian Weber
Ich vermisse sie alle so sehr. Warum nur musste ich denn zurück? Ich hatte Freunde, ich hatte eine Familie, ich hatte immer etwas zu tun. Es verging kein Tag, den ich nicht voll genoss. Jetzt sitze ich hier in Deutschland, mein Herz jedoch ist und wird immer in Schottland bleiben. Fast ein ganzes Jahr meines Lebens habe ich dort verbracht, mir ein Leben aufgebaut. Seitdem ich hier bin, habe ich kaum Kontakt mehr zu meinen Freunden, die mich aufgenommen haben wie ein Bruder, zu meiner Gastfamilie, die mich behandelt hat, wie ihren Sohn, zu meinen Tanz-Crews, die wie eine Familie zusammengehalten haben und die mich auch als ein solches „Familienmitglied“ behandelt haben. Telefonieren ist leider sehr teuer, einen Computer nutzen die wenigsten meiner Bekannten dort.
Mir fehlt mein altes Leben in Schottland: Es war einfach, sorgenfrei und schön. Ich hatte einfach sehr schnell meinen Platz gefunden. Ich wusste, was ich wollte und was zu tun war. Und jetzt? Jetzt bin ich hier und weiß nicht wohin. Was soll ich machen? Nun geht es auf die Ausbildung zu, welchen Beruf soll ich wählen? Was will ich erreichen? Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass mein Herz immer für Schottland schlagen wird!
