Erstklässler trifft sich zum Schach mit 96-Jährigem
Peine Hans Wittsack (96) und Luis Stein (6) treffen sich seit vier Monaten jede Woche zum Schachspielen.
Vor der Wohnungstür von Hans Wittsack stehen drei Paar Schuhe, zwei kleine, ein großes. Draußen liegt Schnee, drinnen liegt Teppich. Luis Stein huscht in Socken auf das Sofa, seine Schwester Lisa und seine Mutter Isabelle folgen ihm. „Das ist der kleine Schachkönig“, sagt Hans Wittsack und lacht leise. Er sitzt in seinem Sessel vor dem Wohnzimmertisch und zeigt auf Luis Stein, der ihm gegenüber sitzt.
Der Sechsjährige hat das Schachbrett an sich gezogen und beginnt, die Figuren auf das Brett zu setzen – die in Windeseile bereitstehen. 90 Jahre liegen zwischen Hans Wittsack und Luis Stein. Aber trennen tut diese Zeit die beiden nicht. Im Schach haben sie eine verbindende Leidenschaft gefunden. Einmal in der Woche treffen sie sich bei Wittsack zur Partie, seit vier Monaten.
Hans Wittsack sagt: „Ich suche immer krampfhaft Leute, die mit mir Schach spielen, aber ich will nicht aus dem Haus gehen, weil ich schlecht auf den Beinen bin.“ Isabelle Stein hat das über den Peiner Schachverein erfahren, in dem Luis Mitglied ist. „Luis wollte das und die beiden haben sich gleich gut verstanden.“
Autodidakten unter sich: Beide haben früh begonnen, Schach zu spielen – wenn Luis mit drei Jahren auch ein wenig früher dran war als Wittsack, der mit zehn Jahren zum ersten Mal die Figuren über das Brett zog. Und beide haben sich das Spiel selbst beigebracht. Wittsack sagt: „Ich war ungefähr zehn Jahre alt, als meine älteste Schwester mir ein Buch geschenkt hat, in dem das Schachspiel erklärt wurde.“
Luis hat das Spiel am Computer gelernt. Isabelle Stein sagt: „Aus einer Spielsammlung haben wir dann irgendwann das Schachbrett rausgeholt, das nie jemand benutzt hat. Und jeden Morgen vor dem Kindergarten kam die Frage: ‚Darf ich Schach spielen?‘“ Dieses Spiel habe er dann auch im Kindergarten etabliert. Mit dreieinhalb Jahren kam Luis in den Schachverein Ölsburg, seit einem halben Jahr ist er im Peiner Verein. Viermal in der Woche spielt er seitdem, zweimal im Verein, einmal in der Arbeitsgemeinschaft in der Schule, Luis geht in die erste Klasse, und einmal mit Herrn Wittsack.
Dieser setzt im Wohnzimmer gerade seinen Kopf auf seine linke Hand, seine rechte schwebt über dem Schachbrett. Ruhe vor dem nächsten Zug. Luis blickt auf das Spielfeld, eine Hand in der Flips-Tüte, mit der anderen umschließt er eine kleine Wasserflasche. Er wippt auf dem Sofa auf und ab. Wittsack überlegt, setzt. Zack. Luis nimmt Wittsacks Dame. „Schach“, sagt er ruhig. Wittsack schweigt. Dann irgendwann sagt er: „Es ist sehr schwierig, gegen ihn zu gewinnen. Er ist ausgezeichnet. Er weiß immer eine Antwort.“
Zu Hause habe ihr Sohn schon keine Gegner mehr, sagt Isabelle Stein. „Mein Mann spielt ein bisschen, aber er und Luis mussten neunmal spielen, bis mein Mann einmal gewonnen hat.“
Für sie selbst, sagt Isabelle Stein, seien diese eineinhalb bis zwei Stunden bei Hans Wittsack eine Auszeit vom stressigen Alltag. Ruhe. „Wir hören klassische Musik, ich lese die Zeitung, die Herr Wittsack hat, oder wir trinken zusammen ein Glas Wein.“ Luis‘ Schwester Lisa beschäftigt sich mit Lesen. Die Neunjährige geht zuerst in die Bücherei und kommt dann mit Büchern bepackt später zu Wittsack nach.
An diesem Tag macht sie ihre Mathe-Hausaufgaben. 360 mal zwei. „720“, sagt Luis. „puppi-einfach.“ Wann Wittsack geboren sei, fragt Isabelle Stein ihren Sohn. 2012 minus 96. „Eintausendneunhundertsechzehn.“ Und Lisa entgegnet: „Man sagt neunzehnhundert.“ Für Mathe habe Luis ein Gespür, sagt Isabelle Stein. Und auch Wittsack war ein guter Schüler, erzählt er. „Ich bin in der Volksschule als bester Schüler ausgezeichnet worden. Ich war vielseitig interessiert.“ Damals lebte er in der Nähe von Eisleben. Durch seine mittlerweile verstorbene Frau ist er nach Peine gekommen, hat als Handelsvertreter gearbeitet.
Kürzlich hat er sich Schwanensee im Forum angesehen. Er liest viel und hört gerne Musik. „Vorhin habe ich eine Platte von Händel aufgelegt, das erinnert mich an meine Heimat, da Händel aus Halle kam.“ Auf dem Tisch neben seinem Lese-Sessel liegt das Buch Ben Hur – in Normaldruck. Darauf ist Wittsack stolz.
„Du räumst ja alles weg“, sagt er zu Luis. Die Partie ist vorbei. Da sei nichts mehr zu machen. „Ich habe nicht aufgepasst und zu früh meine Dame verloren“, sagt Wittsack. Und, zu Isabelle Stein: „Da ist noch Glühwein in der Küche, den kann man in der Mikrowelle warm machen.“ Prost. „Das ist erfrischend“, sagt Wittsack. Luis und Lisa spielen noch mit den Schach-Figuren. Bis sie dann wieder in das kleine hölzerne Kästchen kommen und warten – bis zur nächsten Partie.

