Beim Peiner Blitzer-Streit ist keine Lösung in Sicht
Peine Landkreis-Mitarbeiter fühlen sich bei Facebook öffentlich an den Pranger gestellt. Seitenbetreiber wünscht sich „gerechtes und transparentes“ Blitzen.
Das Thema Blitzer will im Landkreis Peine nicht zur Ruhe kommen. Vorige Woche sorgte der Betreiber der Peiner Blitzer-Seite bei Facebook für Aufsehen, als er Zeugen suchte, die einen Vorfall bei einer Geschwindigkeitskontrolle des Landkreises auf der Celler Straße in Peine bestätigen sollten: „Ich habe dort Bilder gemacht und wurde angegriffen!“ schrieb der Verantwortliche am 15. Januar auf seiner Plattform. Der Beitrag wurde bisher 17 Mal weitergegeben und 54 Mal kommentiert.
Hinter der Facebook-Seite steckt der 18-jährige Frido Brunke. Als wir ihn auf die Hintergründe dieses Beitrags ansprechen, bietet er von sich aus an, mit einem Video in der Redaktion vorbeizukommen.
Das Blitzer-Video
Brunke stellt uns zwei Ausschnitte von je 41 und 45 Sekunden zur Verfügung. Darin sieht man, wie sich Brunke mit einer Kamera einem Messfahrzeug nähert, sich vor den Wagen stellt und Kennzeichen sowie Fahrer filmt. Dieser wiederum fotografiert Brunke. Wenig später steigt der Fahrer aus, geht auf den 18-Jährigen zu und spricht ihn mit den Worten an: „Junger Freund, sollte ich auf einem Bild sein, dann wird es die Kamera gewesen sein.“ Brunke geht daraufhin zum Heck des Fahrzeugs, der Fahrer öffnet wieder die Tür. Es fällt ein Schimpfwort, das jedoch aufgrund der Perspektive und der Nebengeräusche nicht zweifellos zugeordnet werden kann.
Während des Gesprächs mit Brunke in der Redaktion räumt er ein, dass er nicht „körperlich“ angegriffen worden sei. Der Kreismitarbeiter sei bei seiner Ansprache nah an ihn herangetreten, was Brunke als „Nötigung“ bezeichnen würde. „Angegriffen“ worden sei er lediglich mit Worten – daher die Formulierung bei Facebook. „Andernfalls wäre ich sofort zur Polizei gegangen und hätte Anzeige erstattet“, versichert er.
Die Landkreis-Sicht
Wir wollen der Sache auf den Grund gehen und haken beim Landkreis nach – dieser bietet uns darauf umgehend ein Gespräch mit allen Mitarbeitern an, die bei Radarkontrollen im Einsatz sind.
Das Gespräch findet beim Straßenverkehrsamt des Kreises statt. Der aktuell auf Facebook betroffene Kreismitarbeiter beschreibt sein Verhalten wie folgt: „Ich bin einfach ein Mensch. Ich wurde provoziert, da hätte manch einer, also keiner von uns, ganz anders reagiert. Ich bin relativ ruhig gewesen. Bei der Vorgeschichte habe ich gut reagiert. Ich bereue mein Verhalten nicht. Ich bin nicht der Mülleimer für so einen.“
Der Mitarbeiter behauptet seinerseits, Brunke habe ihm vor Beginn der Aufzeichnung von der anderen Straßenseite aus die Zunge rausgestreckt und ihn beleidigt. Ein Zeuge, der mit im Messfahrzeug gesessen hat, soll das bestätigen können. Brunkes Version ist eine andere: Er sagt, er sei beschimpft worden.
Bereits zwei Stunden zuvor hatte ein aktiver Helfer der Blitzer-Seite mit einem Schild „Achtung Blitzer“ auf das Messfahrzeug an dieser Stelle hingewiesen, ehe er aus Angst vor der Polizei die Aktion abbrach – auch er war bei uns in der Redaktion.
Die Vorgeschichte
Der Vorfall scheint der bisherige Höhepunkt einer anderthalbjährigen Feindschaft zwischen dem 18-jährigen Blitzer-Gegner und dem Landkreis zu sein. Noch am Abend des Vorfalls gab es mehr als 40 Kommentare bei Facebook. Ein Kommentar weist darauf hin, dass weitere Beiträge vom Betreiber gelöscht worden seien. Ein Benutzer kommentiert den Vorfall: „Diese(r) Penner, ich würde dem so gerne Mal die Fresse polieren und der gesamten Stadt/Gemeinde Peine auch.“
Andere Benutzer zeigen Verständnis für den Kreismitarbeiter: „Was soll denn diese ständige ,Gegenfotografiererei‘ bezwecken? Das ist Provokation auf allerhöchstem Niveau! Da darf man sich nicht wundern, wenn man irgendwann mal an den Falschen gerät... wie es ja nun den Anschein hat!“ Zeugen fanden sich durch den Aufruf laut Brunke keine.
Tatsächlich fühlen sich die Mitarbeiter des Landkreises provoziert und leiden unter den Anfeindungen auf der Blitzer-Seite. „Es ist kein Gefühl von Sicherheit, wenn man auf Schritt und Tritt beobachtet wird. Wir gehen doch nur unserem Beruf nach.“ Gleichzeitig betonen sie, dass sie nichts zu verbergen hätten.
Das Problem glauben sie in Frido Brunke erkannt zu haben. „Es ist ein riesengroßes Hobby des jungen Mannes, die Messungen zu behindern“, klagt ein Mitarbeiter. Das Schlimmste sei aber, dass er auf seiner Seite andere dazu ermutige, die Arbeit der Blitzer zu stören. „Wir fühlen uns bedroht und unsicher“, beschreibt die Vorgesetzte die Situation. Im Team arbeite eine Frau, für die es besonders schwer sei. „Einer versteht den Aufruf uns ‚die Fresse zu polieren‘ falsch, und dann passiert’s“, sagt ein Kollege, ein anderer fügt hinzu: „Eines Tages fliegt uns mal ein Pflasterstein durchs Fenster, und das war‘s dann. Das macht einem Sorgen.“
Brunke werfen die Kreismitarbeiter vor, bewusst Falschmeldungen zu veröffentlichen oder stehenzulassen, um dadurch die Situation weiter aufzuschaukeln.
Frido Brunke hingegen versucht nach eigenen Angaben durch seine Seite und Aktionen, zu denen er auch das Fotografieren der Blitzer zählt, lediglich ausführlich vor den Messstellen zu warnen. Er wünsche sich, dass „das Blitzen gerechter und transparenter wird“. Die Idee einer Blitzer-Seite hatte er mit 16 im Internet aufgeschnappt. Mittlerweile hat die Plattform mehr als 5800 User.
Die Sorgen der Mitarbeiter
Tatsächlich sind Blitzerseiten ein Trend, der in den vergangenen Jahren häufig bei sozialen Netzwerken zu beobachten war. Für Hildesheim, Salzgitter und Braunschweig existieren ähnliche Seiten. „Aber nirgendwo anders werden Blitzer so aggressiv angegangen wie im Landkreis Peine“, meint ein Kreis-Mitarbeiter. „Es ist doch so: Wir haben alle in der Fahrschule gelernt, dass man sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten hat. Wenn aber jemand geblitzt wird, dann ist nicht der Fahrer oder das Schild schuld — dann sind wir schuld.“ Sie würden sich nicht einfach irgendwo hinstellen, um Geld zu verdienen, beteuern alle beteiligten Mitarbeiter des Kreises. „Unsere Arbeit dient nur der Verkehrssicherheit.“ Die Geschwindigkeitskontrolle sei ein öffentlicher Auftrag des Kreises, den es zu erfüllen gelte.
Gerüchte auf der Peiner Blitzerseite würden das ohnehin angespannte Verhältnis weiter verschlechtern. „Es gibt beispielsweise keinen Bonus, wenn wir eine bestimmte Zahl von Fahrzeugen blitzen“, versichert eine Mitarbeiterin. „Wir sind alle fest angestellt. Wir profitieren nicht davon, ob wir mehr oder weniger Autos blitzen. Je weniger wir blitzen müssen, desto besser.“ Auch jährliche „Freifotos“ bei Nutzungserlaubnis der Einfahrt seien ein „absurdes Gerücht“.
Am meisten Sorgen macht den Kreismitarbeitern jedoch, dass sie auch als Personen verunglimpft würden. Sie dokumentieren uns während des Gesprächs mit Bildschirmfotos, dass von ihnen Bilder angefertigt und anschließend, teilweise ungeschwärzt, auf die Seite gestellt wurden.
Auch den vollständigen Namen habe ein Kreis-Mitarbeiter unter einem Foto gelesen. „Wenn nur kurz und knapp vor den Blitzern gewarnt werden würde, wie es auch im Radio getan wird, dann wäre das ja noch ok. Aber warum müssen wir auch noch fotografiert und zur Schau gestellt werden?“, fragt ein Mitarbeiter. Ähnliche Seiten würden sachlich und kurz auf die Blitzer hinweisen. Die Facebook-Seite für Peine hätte eine andere Qualität. Es habe bereits Drohanrufe im Straßenverkehrsamt und bei einem Mitarbeiter gegeben.
Einige seien sogar nach Dienstschluss fotografiert worden, ohne es selber bemerkt zu haben. „Das ist doch Stalking“, schimpft einer. Jemand anderes will Brunke gesehen haben, wie er um das Straßenverkehrsamt „herumschlich“ und sogar durch die Fenster in die Räume fotografiert habe. Auf unsere Nachfrage hin bestreitet der 18-Jährige den Vorwurf: „Ich bin bestimmt nicht ,herumgeschlichen‘. Ich habe höchstens mal aus Interesse im Vorbeigehen vom Gehweg aus in die Fenster geguckt, wenn ich einen Brief einstecken musste.“
Die Aussichten
Die Fronten zwischen Blitzern und dem 18-jährigen Seitenbetreiber sind verhärtet, Lösungsvorschläge gibt es keine. „Was haben wir denn für Möglichkeiten?“, fragt die Team-Leiterin. In einem persönlichen Gespräch mit Brunke würden die Mitarbeiter aufgrund der Erfahrungen keinen Sinn sehen. „Wir gehen doch nur unserer Arbeit nach. Nach den Erfahrungen ist der Wille zu einem Gespräch auch gar nicht da.“
Ein Ende des Streites ist auch für Frido Brunke nicht in Sicht: Er will „gerade nach so einer Aktion wie auf der Celler Straße“ weitermachen – . künftig immer mit einer Videokamera ausgestattet, „um etwas in der Hand zu haben“.
