Akrobatische Finesse, dämonische Schönheit
Peine Das Ballett der Staatsoper Kharkov gastierte mit Schwanensee in den Festsälen.
Vermutlich hätte es niemanden gewundert, wenn Irina Kliuyeva sich in einen Schwan verwandelt und einfach abgehoben hätte. Sie tanzte ihre Doppelrolle mit solch akrobatischer Finesse und virtuoser Schnelligkeit, dass das Publikum staunte.
Und zwar so sehr, dass es Kliuyeva mehrmals Szenenapplaus gab bei der Aufführung von Tschaikowskys Ballett Schwanensee in den Peiner Festsälen. Schließlich tanzte sie die beiden Rollen der Schwanenprinzessin Odette und ihrer schwarzen Widerstreiterin Odile gemeinsam. Und die gelten als einige der schwierigsten Ballettstücke, die das klassische Ballett zu bieten hat. Die drahtige Primaballerina vermittelte nicht nur den lyrischen Charakter des weißen Schwans Odette, sondern auch den dämonischen der Tochter Odile des bösen Zauberers Rotbart mit Bravour.
Aber nicht nur Kliuyeva, auch die anderen Mitarbeiter des Balletts der ukrainischen Staatsoper Kharkov zeigen den 350 Zuschauern in den Peiner Festsälen, wie großes Ballett aussehen kann. Sie kommen aus einem Opernhaus mit 900 Mitarbeitern; aus der zweitgrößten Stadt der Ukraine. In Peine verwandeln sie in der vorweihnachtlichen Zeit die Festsäle in einen märchenhaften Zauberwald und ein festliches Schlossambiente. Beide Bühnenbilder hängen in langen, edlen Stoffbahnen die Decke hinunter. Davor entfaltet sich Peter I. Tschaikowskys berühmtes Stück, in dem die Darsteller ihre Geschichte von der unglücklich verzauberten Prinzessin erzählen, die von einem Prinz erlöst wird – oder auch nicht.
Voller Anmut zeigt sich das Ensemble in traumhaft schönen Kleidern. Die 16 Schwäne, die um die Prinzessin tanzen, füllen – in weiße Kleider gehüllt – in immer wieder anderen Bildern die Bühne vollständig aus. Ohne Reibungen ergänzen sich die einfallsreichen Gruppenszenen mit den phantasievollen Einzelleistungen der Prinzessin, von Zauberer Rothbart, Prinz Siegfried und dem Hofnarr. In dessen Rolle reicht Andriy Kozarezov – wie auch den anderen Solisten – die Bühne gerade mal so diagonal von einem zum anderen Ende für seine Solo-Auftritte, mit denen er in die einzelnen Szenen einführt. Wie bei ihm ist das dem Publikum auch bei den anderen Solisten immer wieder Szenenapplaus wert. Anatoliy Khandazhevskiy als Siegfried versucht auf graziöse Weise, seine Odette zu gewinnen, während Olesky Abramenko als böser Rothbart neben seinem Tanz durch Kleidung von dämonischer Schönheit beeindruckt.
Lässt Schwanensee häufig auch ein böses Ende zu, bei dem Siegfried stirbt und die Schwäne verdammt werden, durfte sich das Peiner Publikum über ein gutes Ende freuen: Prinz Siegfried reißt dem Zauberer einen Flügel aus. Dadurch ist dessen Macht gebrochen und sein Zauber wirkt nicht mehr. Die Schwanenprinzessin und der Prinz heiraten, die Schwäne werden wieder zu Menschen und das Publikum geht nach viel Applaus gut gelaunt nach Hause.

