Wo Spürsinn gefragt und Sonnenschein verboten ist
Meinersen Es gibt Plätze, die ihren Besuchern ans Herz wachsen. Nicht nur in fremden Ländern, sondern auch zu Hause um die Ecke in der Samtgemeinde Meinersen.
Der Lieblingsplatz von Hobby-Archivar Horst Berner ist nichts für Sonnenanbeter.
Weil Sonne und zu viel Tageslicht den Dokumenten im historischen Archiv der Samtgemeinde Meinersen schaden würden, hängen blickdichte Lamellenvorhänge vor den Fenstern der ehemaligen Lehrerwohnung im Dachgeschoss der Alten Schule.
Der 72-jährige Meinerser ist dort zur Schule gegangen. „Das hier war die gute Stube von Rektor Christian Fleig, dessen schlagkräftige Argumente wir zu spüren bekamen, wenn es unten im Schulzimmer zu laut wurde“, berichtet Berner.
Wo früher wohl des Rektors Sofa stand, befindet sich heute Berners Schreibtisch. Ein Arbeitsplatz mit moderner Technik. Der rüstige Senior verbringt mindestens 80 Stunden pro Monat dort.
Er ist gern unter Menschen, taucht aber genauso gern für sich allein in die Geschichte ab. „Wenn ich einen Ordner öffne, weiß ich nie, was mich erwartet. Denn oft ist nicht nur das zu finden, was laut Aufschrift drin sein sollte“, sagt Berner. Detektivischer Spürsinn erwacht manchmal, und dann ist Vorsicht geboten. „Wenn ich so richtig Blut geleckt habe, finde ich einfach kein Ende“, berichtet Berner.
Wenig Licht, trockene Luft, im Winter nicht wirklich mollig warm und meist große Stille. Für Berner ideale Arbeitsbedingungen, um die Schätze der Vergangenheit zu sichten und für die Nachwelt zu archivieren. Sie kommen meist aus Nachlässen.
Der Start in den freiwilligen Arbeitstag beginnt für Berner mit einer Tasse Ostfriesentee ohne Milch, Zucker oder Zitrone. „Wenn der Tee acht Minuten gezogen ist, sieht er aus wie Kaffee und beruhigt mich wunderbar“, beschreibt Berner, wie er Wohlfühl-Atmosphäre für sich schafft.
Zum Archivieren sitzt er am Schreibtisch. Zum Sichten des Materials eher am alten Ratsherrentisch. Was er dort in nächster Zeit in Augenschein nehmen wird, steht in Kartons und Ordnern auf dem Fußboden. „Wenn man sich morgens an diesen Tisch setzt, weiß man nicht, was einen erwartet“, sagt Berner. Wenn er Glück hat, ist etwas dabei, das seine Finger verdächtig kribbeln lässt. Dieser Tag ist dann gelaufen und der Lieblingsplatz wird bis zum Abend zum Ersatz für sein Wohnzimmer.



