„Wir haben extra Eierlikör für Steinbrück gekauft“
Edesbüttel Wie bürgernah kann Wahlkampf sein? Peer Steinbrücks bundesweit erstes „Wohnzimmer-Gespräch“ fand am Montag in Edesbüttel im Kreis Gifhorn statt.
Der beschauliche 101-Seelen-Ort zwischen Mittelland- und Elbe-Seiten-Kanal war am Montag Schauplatz des ersten „Wohnzimmer-Gesprächs“ von Peer Steinbrück. Der SPD-Kanzlerkandidat besuchte Elisabeth Bebnowski und Thomas Mudra-Bebnowski zum zwanglosen Plausch – und brachte reichlich Kuchen mit.
Dreißig Häuser verteilen sich auf vier Straßen, das Freibad hält Winterschlaf. Kaum jemand ist unterwegs. Aber es ist durchgesickert, dass Steinbrücks Wohnzimmer-Talk hier stattfinden wird. Das ist sehr aufregend für den kleinen Ort. Aber wo genau würde Steinbrück klingeln?
Bei der Suche dient mir die Schirmmütze als Schutz vor der Kälte. Nicht als Sherlock-Holmes-Maskerade, wie ein betagter Herr mir unterstellt, der zum Spaziergang unterwegs ist. Die Frage nach Steinbrück beantwortet er mit Achselzucken. Das setzt sich fort. Erst einmal scheint keiner, den ich anspreche, etwas Genaueres zu wissen. Halten alle dicht, oder ist von der geheimen Kommandosache wirklich nichts durchgesickert?
Denn laut Bundes-SPD soll die Aktion zur ungefilterten Diskussion zwischen Kandidat und Bürgern führen. Dabei sind Journalisten und Fotografen nicht erwünscht.
Ratlos läute ich an einer Haustür – und lande einen Volltreffer. „Ja, er kommt zu unseren Nachbarn“, berichtet Klaus Grupe. Eingeladen ist er nicht. Seine Frau Monika hofft trotzdem, einen Blick auf Steinbrück zu erhaschen. „Es ist aufregend, dass er zu uns nach Edesbüttel kommt“, sagt auch sie.
Am Nachbarhaus deutet nichts auf das bevorstehende Ereignis hin. Leugnen ist zwecklos, mag sich Elisabeth Bebnowski denken, als ich sie mit meinem Wissen konfrontiere. Ich darf im Wohnzimmer Platz nehmen. Und der Tisch ist bereits gedeckt. Wo Steinbrück sitzen soll, liegt ein Gastgeschenk: Traubenzucker zur Stärkung. „Er bringt Zuckerkuchen mit“, mutmaßt Bebnowski.
Als die SPD für die Sofa-Debatte per Zeitungsanzeige Teilnehmer suchte, schrieb Elisabeth Bebnowski spontan eine E-Mail. „Ich habe nicht viele Worte gemacht, sondern nur mitgeteilt, dass wir Platz für 20 Personen haben“, sagt sie. Als vor wenigen Tagen die Zusage kam, war sie völlig platt.
„Ich hoffe, dass politische Inhalte zur Sprache kommen und er mehr über das Leben der Menschen auf dem Land erfahren möchte“, sagt Thomas Mudra-Bebnowski. Für ihn ist der schleppende Ausbau der DSL-Versorgung auf dem Land ein Thema, auf das er Steinbrück stoßen will. Das Ehepaar hat zum Polit-Talk 19 Familienangehörige, Kollegen und Nachbarn zwischen 22 und 80 Jahren eingeladen. „Wir haben extra Eierlikör für ihn gekauft“, verrät Bebnowski. Sie will Steinbrück beim Wort nehmen; der soll ja angekündigt haben, mittrinken zu wollen, sofern ihm einer angeboten wird. Tatsächlich bringt Steinbrück reichlich Zucker-und Streuselkuchen mit, als er mit fünf Begleitern und etwas Verspätung eintrifft.
Ich muss jetzt wieder verschwinden. Hinterher schildern die Gastgeber das Gespräch als locker und sympathisch. „Er ist authentisch norddeutsch“, sagt Marike Bebnowski. „Es war eine offene und konstruktive Diskussion, 90 Minuten lang. In dem kleinen Rahmen ist jeder zu Wort gekommen.“ Es soll sogar so spannend gewesen sein, dass sie ganz vergessen habe, den Eierlikör auf den Tisch zu bringen.
