Asse – Ein ehemals Krebskranker kämpft weiter

Wolfenbüttel  Der frühere Asse-Arbeiter Eckbert Duranowitsch sieht einen Zusammenhang zwischen seinem Krebs und dem früheren Job. Der Justiz wirft er vor, die Verantwortlichen geschont zu haben.

Eckbert Duranowitsch hat den Krebs besiegt, aber ausgestanden ist die Krankheit nicht. „Die Angst kommt immer wieder hoch“, sagt er. Dass es einen Zusammenhang zwischen seiner ehemaligen Arbeit in der Asse und seiner Leukämie gibt – davon ist er nach wie vor überzeugt. Doch solange die Verantwortlichen von damals nicht zur Verantwortung gezogen werden, wird er keine Ruhe finden. „Die konnten schalten und walten, wie sie wollten und wurden nie belangt.“

Der ehemalige Maschinenschlosser sitzt in seinem Wohnzimmer in Wolfenbüttel, auf dem Tisch liegen Aktenordner mit Unterlagen, die von einem zähen Kampf zeugen. 2009 hatte Duranowitsch Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen die ehemaligen Asse-Betreiber gestellt, wegen schwerer Körperverletzung. Unzählige Dokumente und Schreiben sind seitdem hin- und hergegangen. Die Staatsanwaltschaft hat ermittelt, das Verfahren aber zwei Jahre später eingestellt. Es gibt bis heute keine Beweise, dass Duranowitschs Krankheit auf seine Arbeit im Atommülllager zurückzuführen ist, das ist das Problem.

Duranowitsch ist 52 Jahre alt und arbeitsunfähig. Drei Jahre hatte er in der Asse gearbeitet, von 1987 bis 1990. Seine Gruppe betreute rund hundert Messpunkte im Bergwerk, um die Bewegungen im Gestein zu dokumentieren. Auch in noch offene Kammern mit Atommüll mussten die Mitarbeiter, erinnert er sich. „Wir haben unsere Taschen einfach auf die Fässer gestellt.“

Selbst als 1988 vermehrt Laugen in das Bergwerk flossen, war das für die Kumpel kein großes Thema. Duranowitsch weiß noch, wie er mit dem Schlauchboot über den Laugensumpf paddelte, um an eine Messstelle heranzukommen. Gedanken über mögliche Gefahren hat er sich nicht gemacht – auch als er 1999 die Diagnose „Leukämie“ bekam, sah er keinen Zusammenhang.

Erst im Sommer 2008 wurde er stutzig, damals machten erstmals Nachrichten die Runde, dass radioaktiv teilweise hoch über dem Grenzwert strahlende Laugen als „Laugensümpfe“ im Bergwerk stehen. Er begann zu recherchieren und stellte fest, dass auch andere Asse-Mitarbeiter an Krebs erkrankt waren. Zufall? Daran will er bis heute nicht glauben.

„Ich bin regelmäßig mit Lauge in Berührung gekommen, die möglicherweise radioaktiv belastet war“, sagt Duranowitsch. Er kennt die Dokumente, wonach die Lauge stellenweise mit bis zu drei Millionen Becquerel Tritium pro Liter kontaminiert war. Ein Zusammenhang mit seiner Erkrankung sei naheliegend. Aussagen eines Arztes der Medizinischen Hochschule Hannover hätten ihm deutlich gemacht, dass es für seine Vermutung handfeste Indizien gibt. Der Abstand zwischen seiner Arbeit in der Asse und der Erkrankung, sein damals noch junges Alter und andere fehlende Risikofaktoren deuteten darauf hin.

Duranowitschs Geschichte zeigt das ganze Dilemma: Heute weiß man, wie leichtfertig Behörden und Betreiber mit dem Atommüll in dem maroden Salzbergwerk umgegangen sind, wie viel vertuscht und verharmlost wurde – obwohl die Risiken schon lange bekannt waren. Mehrere Klagen hat es im Laufe der Zeit gegeben, 2007 etwa setzte sich die Tischlermeisterin Irmela Wrede aus Mönchevahlberg dafür ein, dass für den weiteren Umgang mit der Asse das Atomrecht – und nicht wie bis dahin das Bergrecht zu gelten habe. Im selben Jahr stellte auch der Grünen-Fraktionschef im Landtag, Stefan Wenzel, Strafanzeige gegen mehrere Asse-Verantwortliche wegen unerlaubten Umgangs mit radioaktiven Stoffen. Duranowitsch war jedoch der erste persönlich Betroffene, der auf eine juristische Aufarbeitung des Asse-Debakels pochte. Doch die habe es nie gegeben, sagt er. So viele Fragen seien ungeklärt.

Sofort hat er ein Blatt parat – ein Protokoll, das seiner Ansicht nach gut belegt, wie fahrlässig mit der Asse und den Beschäftigten umgegangen wurde. Darauf sind die Daten der Geräte aufgelistet, die alle Mitarbeiter bekommen haben und die die Strahlendosen unter Tage messen. 0,0 steht immer in der Liste, null Strahlung. Eckbert Duranowitsch schüttelt den Kopf. „Dabei habe ich kein Dosimeter getragen.“ Pflicht sei das nie gewesen. „Mir wurde immer wieder gesagt, dass meine Arbeit völlig ungefährlich ist.“

Duranowitsch hat seinem Arbeitgeber vertraut. Dass es kaum Schutzvorkehrungen gab, dass die Mitarbeiter früher überall in der Asse frei rummarschiert sind und auch die nicht getragenen Dosimeter zur amtlichen Auswertungsstelle geschickt und somit nicht aussagekräftige Daten weitergegeben wurden – das blieb ohne Folgen. „Ich vermute, dass nie richtig ermittelt worden ist.“

Die Staatsanwaltschaft weist solche Vorwürfe zurück: Es sei sehr wohl gründlich ermittelt worden. Tatsächlich konnte aber ein Zusammenhang zwischen den Krebserkrankungen ehemaliger Mitarbeiter und ihrer Arbeit in der Asse nie nachgewiesen werden. Das Bundesamt für Strahlenschutz kam 2011 in einem wissenschaftlichen Gesundheitsmonitoring zu dem Schluss, dass die abgeschätzte Strahlenbelastung im Endlager Asse zu gering gewesen sei. „Man hätte eine Kausalität zwischen Strahlenbelastung und Krebserkrankung mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit nachweisen müssen“, erklärt Birgit Seel, Sprecherin der Braunschweiger Staatsanwaltschaft. „Das war nicht möglich – insbesondere aufgrund der im Monitoring errechneten Strahlenbelastung.“

Duranowitsch hofft nun wenigstens auf eine Entschädigung. Seine Berufsgenossenschaft hat es abgelehnt, seine Erkrankung als Berufskrankheit anzuerkennen – obwohl sich ein Gutachter dafür ausgesprochen hat, er bekommt nur eine schmale Erwerbsunfähigkeitsrente. Doch er will weiter kämpfen, hat auch gegen diesen Widerspruch Klage beim Sozialgericht eingereicht. „Ich kann nicht abschließen“, sagt er. Ein Gefühl der Bitterkeit bleibt.

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