Braunschweiger Pegida: „Wir wollen die Nazis nicht“

Braunschweig  Die Organisatorinnen der Braunschweiger Kundgebung von Pegida distanzieren sich im Interview von rechts. Sie wollen erneut demonstrieren.

„Sharia oder Grundgesetz?“ – Im Interview mit unserer Zeitung begründete die „Bragida“-Bewegung ihre Motive für die Demonstrationen.

Foto: dpa

„Sharia oder Grundgesetz?“ – Im Interview mit unserer Zeitung begründete die „Bragida“-Bewegung ihre Motive für die Demonstrationen. Foto: dpa

Die islamkritische Pegida-Bewegung in Braunschweig möchte nichts mit Rechtsextremisten zu tun haben. Die „Bragida“-Gründerin Tina Müller sagte im Interview: „Bei unserer nächsten Kundgebung am Montag sind unsere Ordner gehalten, erkennbar Rechtsextreme und Gewaltbereite abzuweisen.“

Am Montag werden „Bragida“ und Gegendemonstranten erneut auf dem Schlossplatz aufeinandertreffen. Die „Bragida“ hatte am Freitag im Rathaus noch einen anderen Standort für ihre Kundgebung anmelden wollen, sei aber von der Behörde überzeugt worden, dass dies aus logistischen Gründen nicht sinnvoll sei. „Wir hätten gern eine Konfrontation vermieden“, sagte Tina Müller.

Die Kundgebung beginnt um 18 Uhr wie am vergangenen Montag auf dem Schlossplatz in Höhe der Bibliothek. „Unser Ziel ist es, nicht nur auf dem Platz zu stehen. Wir wollen unbedingt auch einen Spaziergang durch die Innenstadt machen.“ Am Montag hatte die Polizei aus Sicherheitsgründen von einem Demo-Zug abgeraten.

Die Gegendemonstranten unter dem Dach des „Bündnisses gegen Rechts“ wollen diesmal nicht durch die Stadt laufen. Sie werden sich zu zwei Kundgebungen auf der anderen Seite des Schlossplatzes versammeln. Der Bohlweg wird von 16.30 bis 21.30 Uhr großräumig gesperrt. Bündnis-Sprecher David Janzen kündigte an, dass die Versammlung kürzer ausfallen solle als am Montag. Vertreter des Stadtschülerrates und Gewerkschafter sollen Reden halten.

"Bragida"-Organisatoren stellen sich im Interview mit unserer Zeitung

Vor dem zweiten Protest-Montag in Braunschweig stellte sie sich Tina Müller (38) erstmals im Interview unserer Zeitung. Sie hat den Braunschweiger Pegida-Ableger „Bragida“ bereits im November gegründet, gibt sich aber jetzt erst als Kopf der islamkritischen Bewegung in der Stadt zu erkennen. Im Foto erscheinen möchte die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin nicht. Sie habe bereits unangenehme Erfahrungen mit Linksextremen machen müssen, die vermummt vor ihrer Haustür gestanden hätten.

Tina Müller kam in Begleitung von Annegret Hamecher (56), die sich nach eigenen Angaben erst am Montag der „Bragida“ angeschlossen hat. Die freiberufliche Trauerrednerin habe, so sagt sie, umgehend die Rolle der Pressesprecherin übernommen. Die beiden Braunschweigerinnen betonen, parteilos zu sein.

Wie stehen Sie dazu, dass sich bei Ihrer Kundgebung am Montag bundesweit bekannte Rechtsextreme, Neonazis und Hooligans eingereiht haben? 300 sollen es laut Polizei gewesen sein bei nur 450 Kundgebungsteilnehmern unter dem Dach der Bragida.

Tina Müller: Wir wollen diese Leute nicht dabei haben. Wir lehnen das eindeutig ab. Sie sind nicht erwünscht. Aber sie kommen eben erst einmal. Mehr als abwarten, wer da kommt, kann ich eben nicht. Wir sind noch im Aufbau, wir lernen dazu. Wir haben aber bereits am vergangenen Montag mit verschiedenen auffälligen Leuten gesprochen und sie aufgefordert, unsere Kundgebung zu verlassen. Das hätten sie auch getan, hätte die Polizei sie aus dem abgesperrten Bereich herausgelassen. Da aber so viele Antifa-Leute vor dem Gitter standen, haben die sich nicht getraut, überhaupt jemanden aus den Reihen der Bragida gehen zu lassen. Sie haben es verboten.

Aber es muss Ihnen doch aus der Erfahrung anderer Pegida-Demonstrationen vorher klar gewesen sein, dass Sie eine Bühne für die Rechtsextremen bieten.

Müller: Wir haben auf unserer Facebook-Seite ganz deutlich gemacht, dass wir diese Gruppen nicht bei uns haben wollen. Wir sind für absolute Gewaltfreiheit. Wir konnten aber auf dem Schlossplatz nicht erkennen, wer alles zu den Extremen gehört. Für den kommenden Montag sind wir besser vorbereitet. Wir haben jetzt Gesichter vor Augen. Unsere Ordner sind angehalten, diese Leute nicht mehr unter die Bragida-Demonstranten zu lassen. Mir ist Qualität lieber als Quantität.

Wir sprechen über 300 Leute. Und die wollen Sie also alle mit netten Worten überreden, wieder nach Hause zu gehen?

Müller: Wir werden auf unserer Facebook-Seite noch deutlicher machen, dass wir diese Klientel nicht haben wollen. Wir haben Sprecher von Hooligan-Organisationen angesprochen und angeschrieben und ihnen ganz klar gemacht, dass sie ihre gewaltbereiten Leute zu Hause lassen sollen. Sie sind nicht erwünscht, wenn sie Theater machen wollen. Wer sich an die Regeln der Bragida hält und unauffällig seine Meinung kundtun will, ist willkommen. Das muss man jedem zugestehen. Wir können aber nicht ganz verhindern, dass Unerwünschte kommen, wie es die andere Seite mit der Antifa auch nicht verhindern kann.

Unser Leser Peter Alt-Bartross sagt, die „Saargida“ plane keine weiteren Veranstaltungen, um einer Vereinnahmung durch Rechtsextreme vorzubeugen. Für Sie auch ein Weg?

Müller: Es ist nicht angestrebt, die Flinte ins Korn zu werfen. Auf die Demonstrationen zu verzichten, ist keine Lösung. Im Übrigen ist die Saargida auch kein offizieller Ableger der Pegida. Wir fordern einfach unser Recht auf Meinungsfreiheit. Es kann nicht sein, dass man angegriffen wird, nur weil man eine andere Meinung hat.

Annegret Hamecher: Mir ist daran gelegen, dass Extreme zu vertreiben – sowohl von links als auch von rechts. Hier sind Menschen, die spüren, dass das Gleichgewicht in unserer Gesellschaft gefährdet ist. Sie haben das Gefühl, hier läuft was aus dem Ruder. Es muss doch möglich sein, seine Meinung zu sagen, ohne dass es einem an die Wäsche geht, ohne Gefahr für Leib und Leben.

Müller: Es würden viele normale Leute zu unserer Kundgebung kommen, aber sie haben Angst vor der Antifa. Am Montag waren bei uns auch Leute im Rollstuhl und mit Gehhilfen dabei, es wurde sehr bedrohlich, als die Linksextremen aufmarschierten und „Deutschland verrecke!“ brüllten. Das will mir nicht in den Kopf gehen, wie man auf die Idee kommen kann, solche deutschlandfeindlichen Parolen zu grölen.

Viele normale Leute haben aber auch Angst, dass Sie im Dunstkreis Ihrer Kundgebung einen braunen Stempel auf die Stirn bekommen.

Müller: Ja, das ist wohl so. Aber dafür können wir nichts, wir wollen diese Leute ja auch gar nicht.

Vielleicht ist die Straße dann nicht das richtige Mittel, um Ihre Ziele zu erreichen. Was haben Sie denn ansonsten unternommen, um sich Gehör bei der Politik zu verschaffen?

Müller: Nein, die Straße ist wichtig, damit die Leute die Problematik auch wahrnehmen. Wir werden so lange auf die Straße gehen, bis wir keine Polizei mehr zum Schutz der Sicherheit brauchen. Wir kämpfen um die Demonstrations-Freiheit. Wenn wir Briefe verschicken, nimmt das in der Politik doch sowieso keiner zur Kenntnis.

Hamecher: Ich habe doch einen offenen Brief an den Oberbürgermeister geschrieben. Mehr kann man nicht tun, um seine Dialogbereitschaft zu zeigen, aber er hat nicht reagiert.

Mit wem außer dem Oberbürgermeister würden Sie sich denn gern an einen runden Tisch setzen?

Hamecher: Außer mit dem Oberbürgermeister auf jeden Fall auch mit den Herren vom „Bündnis gegen Rechts“. Und auch mit Kirchenvertretern.

Welche Probleme haben Sie denn konkret in Braunschweig ausgemacht? Zum Beispiel mit dem Islam? Das will auch unsere Leserin Laura Altona wissen.

Hamecher: Ich beziehe mich auf das grundsätzliche Pegida-Positionspapier, nicht speziell auf Braunschweig. Ich arbeite zum Beispiel auch in Kralenriede (Standort der Landesaufnahmebehörde für Flüchtlinge, d. Red.) und sehe immer wieder junge nordafrikanische Männer, die in ihrer Heimat dringend gebraucht werden. Das weiß ich aus Bibel-TV. Da geht praktisch die Zukunft des Landes weg. Sie kommen hierher, nur um besser zu leben.

Wir sind nicht ausländerfeindlich. Wer wirklich verfolgt ist, der ist willkommen bei uns. Das ist ja auch der erste Satz des Pegida-Papiers. Alle Pegida-Positionen sind demokratisch, die kann doch jeder unterschreiben. Ich bin zum Beispiel CDU-Wählerin.

Pegida wird in den Medien als islamkritisch bezeichnet, ist das eine falsche Einordnung?

Müller: Nein auf keinen Fall. Islamkritisch kommt der Sache schon nahe. Wir haben nur was gegen den radikalen Islamismus.

Die große Überschrift der Pegida lautet: Bewahrung der christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur. Was verstehen Sie darunter?, fragt Leserin Laura Altona.

Hamecher: Ich selbst habe auch ein Problem mit diesem Punkt. Im Prinzip ist Deutschland ja säkular. Was aber Fakt ist, dass unser Grundgesetz, unsere allgemeinen Lebensvorstellungen sich an den zehn Geboten orientieren. Und die sind ja nun mal nützlich. Von daher haben wir diesen Hintergrund. Und manche Leute sehen das bedroht.

Lesen Sie hierzu auch den Leitartikel "Der Kampf um jeden Einzelnen" von unserem Chefredakteur Armin Maus.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Captcha
Leserkommentare (371)
    Weitere Artikel aus diesem Ressort