Gaza-Konflikt fordert immer mehr Opfer - Israel droht mit Eskalation

Tel Aviv/Gaza  Im Gaza-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist trotz internationaler Vermittlungsbemühungen kein Ende der Gewalt in Sicht. Am fünften Tag der israelischen Militäroperation «Säule der Verteidigung» stieg die Zahl der Toten auf palästinensischer Seite auf 69.

Etwa die Hälfte davon seien Zivilisten, teilte das Hamas-Gesundheitsministerium ferner mit. Auf der israelischen Seite kamen bis Sonntagabend drei Menschen ums Leben. In Tel Aviv wurde zweimal Luftalarm ausgelöst.

Mit Rückendeckung der USA bombardierte die israelische Armee auch am Sonntag zahlreiche Ziele im Gazastreifen. Parallel gingen internationale Bemühungen um eine Waffenruhe weiter. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) will in Kürze nach Israel reisen.

Bei einem israelischen Luftangriff auf ein Haus in Gaza wurden am Sonntag nach palästinensischen Angaben elf Zivilisten getötet, darunter fünf Kinder und zwei Frauen. Militante Palästinenser feuerten mehrfach Raketen auf die israelische Küstenmetropole Tel Aviv. Die Geschosse wurden nach Angaben des Militärs aber am Himmel von der gerade erst installierten Raketenabwehr abgefangen. In Aschkelon, Beerscheva und Sderot wurden mehrere Gebäude direkt von Raketen getroffen. Ein Feuerwehrmann erlitt schwere Kopfverletzungen.

Die andauernde Gewalt nährte Sorgen vor einer israelischen Bodenoffensive in dem Palästinensergebiet. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte am Sonntag: «Die Operation im Gazastreifen geht weiter, und wir sind dazu bereit, sie noch bedeutend auszuweiten.» Tausende Reservisten werden nach Armeeangaben auf einen möglichen Bodeneinsatz vorbereitet. Bis zu 75 000 Israelis müssen mit einer Einberufung rechnen. Israels Verteidigungsminister Ehud Barak sagte am Sonntag, eine Fortsetzung der Militäroperation sei «selbstverständlich».

Netanjahu forderte vor einer Waffenruhe mit der im Gazastreifen herrschenden Hamas einen Stopp der Raketenangriffe. «Erstmal müssen die Raketenangriffe (auf Israel) aufhören, und dann können wir über den Rest reden», sagte er nach einem Treffen mit dem französischen Außenminister Laurent Fabius, der sich um eine Waffenruhe bemüht.

Fabius, der sich auch mit dem israelischen Außenminister Avigdor Lieberman traf, sagte in Jerusalem: «Wir müssen die Bedingungen für eine Waffenruhe schaffen. Wir müssen einen Krieg in Gaza verhindern.» Westerwelle warnte vor einer weiteren Eskalation der Gewalt und mahnte die Araber, mäßigend auf die radikal-islamische Hamas einzuwirken. Die Außen- und Verteidigungsminister der EU wollen an diesem Montag in Brüssel über den Gaza-Konflikt beraten.

US-Präsident Barack Obama bekräftigte das Selbstverteidigungsrecht Israels. Kein Land würde es tolerieren, dass von außerhalb seiner Grenzen immer wieder Raketen auf sein Territorium abgefeuert würden, sagte er am Sonntag. Zuvor hatte ein hochrangiger US-Sicherheitsberater gesagt, die israelische Regierung habe die Entscheidung über eine Bodenoffensive selbst in der Hand.

Seit Mittwoch hat die Hamas nach eigenen Angaben etwa 900 Raketen abgefeuert, Israel fliegt pausenlos Luftangriffe auf den Gazastreifen. In der Nacht auf Samstag zerbombte Israel die Regierungszentrale der Hamas. Seit Mittwoch sind nach Angaben des Hamas-Gesundheitsministeriums 69 Palästinenser getötet und weit über 600 verletzt worden. Wie die Weltgesundheitsorganisation WHO mitteilte, sind unter den Opfern auch viele Frauen und Kinder. Die medizinische Versorgung sei wegen der jahrelangen Blockade des Herrschaftsgebietes der Hamas völlig unzureichend.

Die israelische Armee bombardierte in der Nacht zum Sonntag nach eigenen Angaben ein Trainings- sowie ein Kommunikationszentrum der Hamas und das Büro des Al-Kuds-Fernsehens. Dabei wurden nach Krankenhausangaben sechs palästinensische Journalisten teils schwer verletzt. Zu Gesprächen über einen Waffenstillstand mit der Hamas traf ein israelischer Unterhändler in Kairo ein. Am Montag wurde UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in Kairo erwartet, um mit Ägyptens Präsident Mohammed Mursi das weitere Vorgehen zu besprechen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefonierte mit Regierungschef Netanjahu und betonte die Pflicht zum Schutz der israelischen Bevölkerung. «Sie war sich mit dem Premierminister einig, dass schnellstmöglich ein vollständiger Waffenstillstand erreicht werden müsse, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden», hieß es in einer Mitteilung von Vize-Regierungssprecher Georg Streiter.

Merkel telefonierte demnach auch mit dem ägyptischen Präsidenten Mursi. Ihn ermunterte sie, «seine wichtige Vermittlerrolle weiter auszuüben und die palästinensischen Gruppen zu einer umgehenden Einstellung der Angriffe auf Israel zu bewegen». Am Samstag hatte Mursi zudem in getrennten Gesprächen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und dem Emir von Katar Möglichkeiten zur Beendigung des Konflikts erörtert. Die Arabische Liga kündigte einen Solidaritätsbesuch im Gazastreifen an. Sie nannte die israelischen Angriffe «Verbrechen gegen die Menschlichkeit». (dpa)

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