Hochspannung bis zuletzt: Obama hauchdünn vor Romney

Washington  Wahlkrimi mit ungewissem Ende: Nach einem monatelangen Wahlkampf-Marathon geht US-Präsident Barack Obama an diesem Dienstag mit hauchdünnem Vorsprung in den Tag der Entscheidung.

Weil das Rennen gegen den Republikaner Mitt Romney so knapp ist, richten sich die Amerikaner auf eine lange Wahlnacht ein. Es galt sogar als möglich, dass das Ergebnis erst Tage später feststeht. Beide Wahlkampflager bereiteten sich nach Medienberichten auf einen möglichen langwierigen Streit um Abstimmungsergebnisse vor.

Obama und sein Herausforderer kämpften bis zur letzten Minute um unentschiedene Wähler in den ausschlaggebenden Bundesstaaten. Bis zum Schluss warf der Präsident dem Republikaner Romney vor, die Lücke zwischen Arm und Reich zugunsten der Wohlhabenden vergrößern zu wollen. Romney beschuldigte den Demokraten angesichts hoher Arbeitslosigkeit und mauer Konjunktur, in der Wirtschaftspolitik völlig versagt zu haben.

Der Republikaner will sogar noch am Wahltag für sich werben. Kurzfristig setzte er eine Tour nach Philadelphia (Pennsylvania) und Cleveland (Ohio) an. Beide Staaten sind heiß umkämpft und könnten wahlentscheidend sein. Schätzungsweise drei Milliarden Dollar (knapp 2,35 Mrd Euro) dürften beide Kandidaten in die als Schicksalswahl beschworene Auseinandersetzung gesteckt haben, wenn die Wahllokale am Dienstagmorgen öffnen.

Noch am Sonntagabend (Ortszeit) sahen die Meinungsforscher nach einem Bericht der «New York Times» den Demokraten Obama mit durchschnittlich 1,3 Prozentpunkten vor Romney. Ausgewertet wurden zwölf frische nationale Umfragen. Eine am Montag veröffentlichte Umfrage des Senders CNN ergab US-weit ein Patt von 49 zu 49 Prozent. Allerdings lag Obama in der Mehrzahl der wahlentscheidenden Bundesstaaten - den sogenannten Swing States - vorn, aber meistens nur ganz knapp.

Offiziell beginnt der Wahltag um fünf Uhr morgens Ortszeit (11 Uhr MEZ) mit der Öffnung der Wahllokale im Bundesstaat Vermont. Die Bürger von Hawaii und Alaska sind die Schlusslichter. In Alaska sind die Wahllokale bis 6 Uhr MEZ (Mittwoch) geöffnet.

Gewählt wird auch ein neuer Kongress. Zur Wahl stehen das gesamte Abgeordnetenhaus und rund ein Drittel der Senatoren. Es wird erwartet, dass die Republikaner ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus behaupten, aber Sitze verlieren. Im Senat dürften die Demokraten ihre Mehrheit knapp behalten.

Alle Aufmerksamkeit konzentriert sich bei der Präsidentenwahl auf weniger als ein Dutzend Swing States. Romney steht dabei besonders unter Druck: Der 65-Jährige muss mehr dieser Staaten gewinnen als Obama, um den Demokraten aus dem Weißen Haus zu vertreiben.

Besonders wichtig ist der Schicksalsstaat Ohio: Hier lag Obama nach einer Auswertung des Portals «National Polls» in sieben von acht November-Umfragen vorn - schlecht für Romney, denn noch nie ist ein Republikaner Präsident geworden, der nicht Ohio gewonnen hat.

In Florida, das ebenfalls als absolutes Muss für Romney gilt, hatte der Herausforderer dagegen mehrheitlich die Nase vorn. Doch die Unsicherheit bei den Voraussagen ist groß. Für Komplikationen sorgte außerdem der große Andrang von Frühwählern in Florida. Teilweise kam es zu Wartezeiten von bis zu sieben Stunden, bevor dann am Samstagabend die Wahllokale bis zum Dienstag geschlossen wurden. Die Demokraten in Florida hatten deshalb am Sonntag Klage eingereicht: Sie wollten damit - bis zuletzt vergeblich - erreichen, dass die Wahllokale noch einmal für Frühwähler geöffnet werden.

Obama und Romney tourten weiter in Rekordtempo durch die Wechsel-Staaten, in denen der Wahlausgang noch völlig offen ist, um sich in letzter Minute die entscheidenden Stimmen zu sichern.

So rief Romney am Montag (Ortszeit) in Sanford (Florida) die Wähler dazu auf, ihm die Chance zu geben, «das Land in eine bessere Zukunft zu führen». Anschließend reiste der Ex-Gouverneur von Massachusetts nach Virginia und Ohio. Für den Abend war eine Kundgebung in New Hampshire geplant.

Obama hatte zum Finale am Montag Auftritte in Wisconsin, Ohio und Iowa auf dem Programm. Mit Iowa verbindet der Präsident besonders glückliche Erinnerungen: 2008 waren die dortigen Vorwahlen der Demokraten Ausgangspunkt für Obamas Triumphzug nach Washington. «Bei dieser Wahl geht es nicht nur um politische Programme. Es geht auch um Vertrauen», rief Obama in Madison (Wisconsin) Anhängern zu. «Ihr wisst, wo ich stehe, und Ihr wisst, an was sich glaube. Ihr wisst, dass ich die Wahrheit sage.»

Bereits zuvor hatte sich der Präsident via Twitter an die Wähler gewandt: «Nach allem, was wir gemeinsam bewältigt haben, können wir jetzt nicht aufhören. Wir müssen zusammenkommen und Amerika mehr Wandel bringen.» Romney will am Dienstagmorgen um 8.30 Uhr in seiner Wahlheimatstadt Boston (Massachusetts) wählen gehen. Obama hatte die Frühwahlmöglichkeit im Staat Illinois genutzt und bereits im Oktober in Chicago seine Stimme abgeben.

Sorge bereiteten weiterhin die Auswirkungen des Wirbelsturms «Sandy»: In einigen Wahllokalen im schwer betroffenen New York könnte es auch am Dienstag noch keinen Strom geben. Dann soll dort in Zelten oder in Containern gewählt werden, die die Armee bereitstellen will. (dpa)

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