Analyse: Göring-Eckardt und Trittin führen Grüne in die Wahl

Berlin  Bei den Grünen haben Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin gewonnen - jetzt geht es um den Kampf um die Macht in Deutschland. Die Frau der Stunde bei den Grünen ist Katrin Göring-Eckardt.

Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt haben von ihrer Partei den Auftrag erhalten, den Regierungswechsel einzuleiten.

Foto: Maurizio Gambarini

Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt haben von ihrer Partei den Auftrag erhalten, den Regierungswechsel einzuleiten. Foto: Maurizio Gambarini

Sie steht vor einem riesigen Plakat mit dem Schriftzug «Starke Basis für den Wechsel» und lobt die Urwahl, die sie in die erste Reihe der Politik katapultiert hat. Diese Art von Beteiligung habe gezeigt, «dass es mitunter die eine oder andere kleine oder große Überraschung geben kann - je nach den Erwartungen», sagt sie. Ihre Wahl ist für viele Grüne eine Riesenüberraschung.

Dass Jürgen Trittin gewählt werden würde, schien klar. Aber auch führende Parteivertreter sahen die besten Chancen, den weiblichen Part des Spitzen-Duos zu übernehmen, eher bei Renate Künast oder Claudia Roth.

Doch jetzt kommt an den Zahlen keiner in der Partei mehr vorbei: Die Basis sicherte Trittins Führungsrolle mit 71,9 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen klar ab. Göring-Eckardt bezwang mit 47,3 Prozent deutlich Künast mit 38,6 Prozent. Und vor allem Parteichefin Roth, die nur auf 26,2 Prozent kam.

«Es geht jetzt um Grün oder Merkel» - diesen Satz ruft Göring-Eckardt zu einem Leitmotto aus. Möglicherweise können die Grünen ja mit ihr am ehesten bei Merkel-Fans punkten. Zumindest haben die beiden Frauen aus dem Osten eine eher ruhige Art gemein, ohne Schaum vor dem Mund. Und Trittin proklamiert: «Wir wollen einen demokratiekonformen Markt und keine marktkonforme Demokratie.» Solche Parolen richten sich wohl eher an rot-grüne Wechselwähler, die mit SPD-Kandidat Peer Steinbrück fremdeln.

Mit der Thüringerin steht nun eine Frau an vorderster Stelle bei den Grünen, der Erfolge bei der umkämpften bürgerlichen Mitte zugetraut werden. Will sie die Siegesserie der Grünen-Realos von Baden-Württemberg im Bund fortsetzten, also von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und dem neuen Stuttgarter OB Fritz Kuhn? Göring-Eckardt ist bemüht, ihr Image nicht einzuengen, doch sie sagt: «Die Wahlen in Baden-Württemberg haben deutlich gemacht, dass die bürgerliche Mitte in Deutschland eine bessere Gesellschaft will.»

Aber auch die kommunistischen Zeiten von Trittin liegen lange zurück. «Wir lassen nicht zu, dass der Citoyen usurpiert wird von der politischen Rechten», gibt er zu Protokoll, will das Bürgertum also nicht den Konservativen überlassen. Und Trittin fügt hinzu: Wenn manche meinten, dass nun der Darth Vader und die Mutter Teresa der Grünen gewonnen hätten, stimme dieses Bild nicht so ganz. Damit macht Trittin klar: Er will sich selbst nicht mehr nur als wilden Kämpfer und Göring-Eckardt nicht nur als sanften Gutmenschen betrachtet wissen.

Führenden Realos fällt nach der Urwahl ein Stein vom Herzen. Das befürchtete Debakel des Reformerflügels mit einem Sieg der Parteilinken Trittin und Roth fiel aus. Göring-Eckardts Triumph freut vor allem viele junge Realos, die auf einen Generationenwechsel nach 2013 setzen. «Die vielen neuen Mitglieder interessieren sich bannig wenig dafür, welche Flügel es eigentlich gibt», meint die 46-Jährige. Brechen nun auch weitere Verkrustungen bei den Grünen auf? Zumindest 2013 setzt die Partei weiter voll auf Rot-Grün, wenn Schwarz-Grün auch nicht kategorisch ausgeschlossen wird.

Künast bleibt das endgültige Comeback zunächst verwehrt. Nach ihrem gescheiterten Anlauf auf das Amt des Berliner Regierungschefs vor gut einem Jahr wollten starke Kräfte ihres Realoflügels Künast als Spitzenkandidatin verhindern - doch die Fraktionschefin berappelte sich wieder. Nun macht sie erstmal weiter.

Und Claudia Roth? Wenn sie trotz ihrer Schlappe kommende Woche in Hannover auf dem Parteitag erneut als Parteichefin antritt, kann sie durchaus auf ein gutes Ergebnis hoffen. Allein aus Solidarität, aber auch wegen ihrer Fähigkeiten als scharfzüngige Wahlkämpferin. An Appellen aus der Partei an Roth, jetzt nicht aufzugeben, fehlte es am Samstag nicht, wie es hieß. Doch dürften ihr die vergleichsweise wenigen Prozente in den Knochen stecken.

Die einen in der Partei sprechen von einem Erdrutsch - andere sehen das pragmatischer. Der Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour meint: «Es ist selbstverständlich, dass alle vier Beteiligten bei einer grünen Regierungsbeteiligung eine tragende Rolle in der Regierung spielen werden.» (dpa)

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