Analyse: Auch China hätte Obama gewählt

Peking  Der Wahlsieg von Obama löst in China Erleichterung aus. Trotz aller Spannungen können die beiden größten Wirtschaftsmächte der Welt ihre Beziehungen ohne Unterbrechung fortsetzen. Aber in Peking treten bald neue Führer an - allerdings nicht frei gewählt.

Obama bei einem Besuch in China: Dort löst die Wiederwahl des US-Präsidenten Erleichterung aus.

Foto: Diego Azubel/ Archiv

Obama bei einem Besuch in China: Dort löst die Wiederwahl des US-Präsidenten Erleichterung aus. Foto: Diego Azubel/ Archiv

Die Chinesen hätten auch Barack Obama gewählt. Der alte und neue Präsident der USA war nicht nur der Favorit des Milliardenvolkes, sondern auch der chinesischen Führung. Die Drohungen von Mitt Romney, in Handelsfragen einen härteren Kurs gegenüber China fahren zu wollen, sind zwar in Peking nicht ganz so ernst genommen worden. Doch bleiben dem ohnehin schwierigen Verhältnis der beiden größten Volkswirtschaften neue Irritationen schon allein durch die Eingewöhnungsphase erspart.

In Umfragen in China war Obama eindeutig populärer als Romney. Vor dem Parteitag der Kommunisten, der am Donnerstag in Peking beginnt und einen Generationswechsel in der Parteispitze einleitet, wünschen sich nicht wenige Chinesen, ihre künftigen Führer auch einmal selbst wählen zu können. Zwar wurde der Wahlkampf in den USA häufig als zu laut und konfrontativ empfunden. Doch in Kommentaren oder Cartoons wurde auch der Gegensatz zur intransparenten und rätselhaften Auswahl der eigenen neuen Führer aufgespießt.

Nach dem Wahlsieg Obamas rechnen chinesische Experten mit einer reibungslosen Weiterentwicklung der «zweigleisig kooperativen und konkurrenzbetonten Beziehungen», wie sie Liu Xuecheng, der frühere Präsident des USA-Zentrums am China Institut für internationale Studien nannte. Trotzdem werde es Probleme geben. «Die Streitigkeiten zwischen beiden Seiten sind wie Zank zwischen Ehepartnern», sagte Liu Xuecheng. «Sie streiten ständig, aber leben trotzdem zusammen.»

Kritisch äußerte sich der Experte über die neue strategische Ausrichtung der USA im Asien-Pazifik-Raum, die sich zu stark auf das Militär stütze und nicht genug auf die Wirtschaft. Eine Eskalation der Spannungen wegen der Territorialstreitigkeiten Chinas mit seinen Nachbarn um Inseln im Ostchinesischen und Südchinesischen Meer erwartet Liu Xuecheng aber nicht. «Erst haben sie einen Brand entfacht, aber jetzt spielen sie Feuerwehrleute.»

«Obamas China-Politik war nicht wirklich konstruktiv, aber Romney wäre noch weniger konstruktiv gewesen», findet der renommierte Professor Shi Yinhong von der Volksuniversität in Peking. Er rechnet damit, dass Obama in seiner zweiten Amtszeit mehr Druck in Handelsfragen auf China ausüben wird. «Die drängendste Aufgabe ist jetzt, die Rhetorik hinter sich zu lassen und festzustellen, was die wichtigsten und angemessenen Interessen für beide Seiten sind, um die Wirtschaftsbeziehungen stabil und gesund weiterzuentwickeln.» (dpa)

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