Obama hatte Schmetterlinge im Bauch

Washington  Der Wahltag ist schon angebrochen, als die Präsidentenmaschine Air Force One am frühen Dienstagmorgen (Ortszeit) in Chicago aufsetzt. Müde, aber gewohnt strahlend und winkend gehen Präsident Barack Obama und First Lady Michelle die Gangway herunter.

Umarmung nach dem Wahlkampffinale: Barack Obama nimmt seine Frau Michelle in die Arme.

Foto: Steve Pope

Umarmung nach dem Wahlkampffinale: Barack Obama nimmt seine Frau Michelle in die Arme. Foto: Steve Pope

Für das Ehepaar ist in diesen nächtlichen Minuten der Wahlkampfmarathon der vergangenen 17 Monate zu Ende. Fast.

Ausschlafen wollten sich die beiden im eigenen Haus erst einmal, wie es aus der Präsidenten-Delegation hieß. Und dann wolle Obama ein paar Körbe werfen, sich beim Basketball entspannen, um dann am Abend mit Beratern und Freunden auf die Wahlergebnisse zu warten. Aber ganz ohne Wahlwerbung ging es auch an diesem Tag der Entscheidung nicht - wenn auch eher indirekt. Obama gab gleich mehreren örtlichen US-Sendern Interviews, bis auf eine Ausnahme alle in den als möglicherweise wahlentscheidenden Swing States wie Ohio und Florida.

Dabei gab er auch zu, dass er Schmetterlinge im Bauch habe. Jedem, der sich um ein Amt bewerbe, gehe es so, sagte er: «Denn alles kann passieren.»

Dass das Warten am Dienstagabend ein Nervenkitzel werden könnte, hatte zuvor auch Obamas stellvertretende Wahlkampfmanagerin Stephanie Cutter offen eingeräumt - und die Obama-Gefolgschaft aufgerufen, cool zu bleiben. Ihre Devise: Nicht die Nerven verlieren, auch wenn das Fernsehen Bilder langer Schlangen vor Wahllokalen in republikanischen Hochburgen zeige, oder erste Ergebnisse Obamas Herausforderer Mitt Romney in Führung sehen sollten. «Bleibt ruhig und twittert.» Auch die Bloggerin der «Huffington Post», Denise Scarbro, riet den Lesern: «Lesen, Sport und tiefes Durchatmen.»

Durchatmen oder Basketball spielen - das kam für Romney nicht infrage. Der 65-Jährige ging am Morgen zunächst in seiner Wahlheimat Boston in Massachusetts wählen. Dann jettete er noch einmal nach Ohio und Pennsylvania, um sich bei Helfern zu bedanken - und zur regen Wahlbeteiligung aufzurufen. Von der profitieren am Wahltag traditionell die Republikaner, während die Frühwähler stärker zu den Demokraten neigten.

«Das ist ein Akt der Verzweiflung. Er weiß, was ihm in der Wahlnacht blüht», meinte Obamas Wahlkampfberater Robert Gibbs zu Romneys Blitzreisen noch in letzter Minute. Aber es klang ein bisschen wie das Pfeifen im Walde, so, als wolle sich Gibbs selbst Mut machen. Schließlich deuteten bis zuletzt Umfragen auf eine der knappsten Wahlen der Geschichte hin.

Der Präsident selbst sagte natürlich trotz Schmetterlingen, dass er optimistisch sei. «Es wird eine gute Nacht für die Demokraten.» Auch Romney beschrieb nach dem Wählen in Boston am Morgen seine Gefühle als «sehr gut, sehr gut». Ehefrau Ann hatte schien ohnehin ihre Augen schon ganz klar auf das Weiße Haus geworfen zu haben. «Werden wir bald Nachbarn sein?», rief sie am Montag (Ortszeit) einer Menschenmenge in Virginia zu, das an die Bundeshauptstadt Washington angrenzt.

Auch Virginia gehört zu den sogenannten Swing States, den besonders heiß umkämpften Wechsel-Staaten, auf die am Dienstag alle blickten. Margarita Rodriguez gehörte zu den ersten, die dort in einem Wahllokal in Arlington ihre Stimme abgab - für Obama. «Dies ist ein sehr wichtiger Tag für mich. Ich liebe die USA. Ich liebe mein Land. Es steht für Immigranten offen.» Lewis Hofman votierte hingegen für Romney - und zeigte sich überzeugt, dass dies auch die Mehrheit seiner Mitbürger tut. «Es ist sehr schön, den friedlichen Machtwechsel heute zu sehen», sagte Hofman.

Aber schon die erste Abstimmung des Tages zeigte, wie knapp es zuging. Traditionell wählten die Bürger des Dorfes Dixville Notch in New Hampshire gleich nach Mitternacht. Hatte Obama hier 2008 eine 40-jährige republikanische Vorherrschaft gebrochen, gab es diesmal ein Patt - für viele ein Omen. Vor allem für das, was den Kandidaten in Ohio blühen könnte - dem wohl wichtigsten Schlüsselstaat dieser Wahl. Hier stand schon ein Heer von Rechtsanwälten bereit, um Klagen anzugehen, sollte das Ergebnis angefochten werden.

Obama hatte am Montagabend in Iowa so etwas wie Abschied genommen. Nicht von seinem Job als Präsident, aber von seiner Rolle als Wahlkämpfer. Er wischte sich eine Träne aus dem Auge, als er sich auf der letzten Kundgebung bei seinen Mitstreitern bedankte. Es war in Iowa, wo seine Reise ins Weiße Haus mit einem Vorwahlsieg begonnen hatte. «Danke», sagte Obama. »Aber wir haben diese Reise noch nicht beendet.» (dpa)

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