Damit die Zeit nicht stehenbleibt – Kirchturmuhr hat Pfleger

Sonnenberg  Die Uhr am Sonnenberger Kirchturm ist kaputt. „Ein Draht ist gerissen“, zeigt Joachim Reinecke auf das alte Uhrwerk hoch oben im Turm.

Eine Rarität: Die Sonnenberger Kirchturmuhr ist 1896 gebaut worden und muss ein Mal in der Woche aufgezogen werden.

Eine Rarität: Die Sonnenberger Kirchturmuhr ist 1896 gebaut worden und muss ein Mal in der Woche aufgezogen werden.

Ausgerechnet jetzt steht die Uhr, da der 57-Jährige als neuer „Zeitmeister“ vorgestellt wird. Denn die Uhr der Sonnenberger Kirche ist noch „vom alten Schlage“, im Jahre 1896 in Bockenem gebaut. Eine Unmenge an Zahnrädern, die akkurat ineinandergreifen, und einige Pendel – daraus besteht diese (fast) einzigartige Uhr. Als neuer „Zeitmeister“ hat Joachim Reinecke nun die Aufgabe, das Uhrwerk ein Mal in der Woche aufzuziehen – also die Gewichte hochzukurbeln für das Schlagwerk und Uhrwerk.

Ein Posten, mit dem Familie Reinecke fest verbunden zu sein scheint: Denn zuvor hatte Joachim Reineckes Sohn Torsten Reinecke diese Aufgabe rund elf Jahre übernommen. „Wenn die Uhr am Kirchturm mal steht, kommen sofort Anrufe, in denen mich die Sonnenberger darauf aufmerksam gemacht haben“, schildert der 26 Jahre alte Lagerleiter, der seinen Uhren-Job aus beruflichen Gründen abgegeben hat. Und auch Joachim Reineckes Bruder Herbert Reinecke war einst „Zeitmeister“ – die Familie wohnt bereits seit Urgedenken auf dem Hof gegenüber der Sonnenberger Kirche.

Wie ist Torsten Reinecke seinerzeit als 15-Jähriger an diese Aufgabe der Kirche gekommen? Der Sonnenberger Pastor Harald Welge lächelt verschmitzt, er habe ihn seinerzeit angesprochen. „Weil er einer der besten Konfirmanden gewesen ist: zuverlässig, freundlich, wissbegierig“, lobt Welge fast schwärmerisch.

Wobei Verantwortungsbewusstsein auch dazugehört, denn die Zeit darf in Sonnenberg ja nicht stehenbleiben. „Die Leute richten sich nach wie vor nach der Kirchturmuhr“, ist der Pastor überzeugt. Die Uhr schlägt halbstündlich ein Mal und zur vollen Stunde immer der Uhrzeit gemäß (zum Beispiel um 4 Uhr vier Mal). „Über das Uhrenschlagen hat sich bislang bei mir niemand beschwert“, ist Welge froh. Wobei das Schlagen der Uhr auch deutlich leiser ist als das Glockengeläut.

„So eine Uhr wie bei uns in Sonnenberg gibt es in der gesamten Braunschweiger Landeskirche nur in drei, vier Gemeinden“, weiß Welge. Denn anderswo seien längst automatische Uhren auf dem Vormarsch.

Torsten Reinecke erinnert sich mit etwas Wehmut: „Ein Mal pro Woche war ich immer in der Sonnenberger Kirche – und habe dort oft genug auch die Ruhe genossen.“

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