Rückruf von Impfstoffen: Keine Patienten betroffen

Berlin/Langen/Basel/Rom  Gesundheitliche Folgen gibt es bislang keine, aber die politischen Nebenwirkungen sind heftig. Nach dem Rückruf von zwei Grippeimpfstoffen des Schweizer Konzerns Novartis geraten Pharmafirmen und Krankenkassen in die Kritik.

Eine Packung des Novartis-Impfstoffs Begripal.

Foto: Ulrich Perrey

Eine Packung des Novartis-Impfstoffs Begripal. Foto: Ulrich Perrey

Befürchtungen, dass sich die Lieferschwierigkeiten verschärfen könnten, scheinen entkräftet. Durch die Freigabe zusätzlicher Impfdosen anderer Hersteller wurde die vom Markt genommene Menge von 750 000 Dosen zum großen Teil wieder ausgeglichen.

Das zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gab 620 000 Dosen von Grippeimpfstoffen anderer Hersteller frei, teilte das Bundesgesundheitsministerium am Freitagabend in Berlin mit. Es handelt sich um 560 000 Dosen des Herstellers GlaxoSmithKline und 60 000 Dosen des Herstellers Abbott. Damit sind in Deutschland aktuell 14 Millionen Impfstoffdosen freigegeben. Im letzen Jahr wurden insgesamt etwa 15 Millionen Dosen verimpft.

Anfang kommender Woche werden sich Vertreter des PEI, der Krankenkassen und der Pharmahersteller zu Gesprächen über die Impfstoffversorgung an einen Tisch setzen. Das Institut im hessischen Langen hatte am Donnerstag fünf Chargen der Novartis-Impfstoffe Begripal und Fluad aus dem Verkehr gezogen.

Obwohl Patienten mit den zurückgerufenen Grippeimpfstoffen bereits behandelt wurden, sind nach PEI-Angaben bislang keine Nebenwirkungen bekannt. «Zum Glück haben wir keine Meldungen der Art erhalten, die zu befürchten wären, wenn Ausflockungen da wären», sagte PEI-Chef Prof. Klaus Cichutek am Freitag im ARD-Morgenmagazin.

Solche Ausflockungen waren in Italien entdeckt worden. Bei den in Deutschland ausgelieferten Impfstoffen seien sie bislang nicht beobachtet worden, erklärte Cichutek, wohl aber in Zwischenprodukten bei der Herstellung. Die betroffenen Chargen - vier von Begripal und eine von Fluad - rief Novartis am Donnerstag zurück.

Engpässe in der Versorgung mit Grippeimpfstoffen scheinen in vielen Bundesländern eher die Ausnahme zu sein. So ist die Lage in Baden-Württemberg nach Mitteilung des Stuttgarter Sozialministeriums derzeit «noch ziemlich entspannt». «In Berlin kommt es bei den Grippe-Impfungen definitiv nicht zu Engpässen», sagte eine Sprecherin der Senats-Gesundheitsverwaltung der dpa. Ähnlich sieht es in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Hessen und Bayern aus.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ist hingegen anderer Meinung. «Wir drohen, auf einen Engpass bei der Grippeschutzimpfung zumindest in Teilen Deutschlands zuzusteuern. Derzeit steht zu wenig Impfstoff zur Verfügung», sagte KBV-Vorstandsmitglied Regina Feldmann in Berlin.

Pharmaindustrie und Krankenkassen beschuldigten sich gegenseitig. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung machte Vereinbarungen mitverantwortlich, die einzelne Krankenkassen mit einzelnen Anbietern geschlossen haben. «Die derzeit auftretenden Probleme bei Impfstoffen für die Grippeschutzimpfung sind das Ergebnis einer verfehlten Kassenpolitik», sagte Henning Fahrenkamp, Hauptgeschäftsführer des Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie.

Die Kassen weisen das von sich: «Wer genau hinschaut erkennt, dass es sich hier um Probleme der Pharmaindustrie handelt und nicht um ein Problem der Krankenkassen.» Mit «reflexhaften Schuldzuweisungen» könne man die Herausforderungen nicht meistern, sagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, der dpa.

Ein Sprecher des AOK-Bundesverbandes sagte, die Ausschreibung regionaler Exklusivverträge habe den Wettbewerb unter den Pharmafirmen gefördert. Die Auftragsvergabe an mehrere Anbieter habe bewirkt, «dass die Lieferschwierigkeiten und Qualitätsprobleme von Novartis nicht in ganz Deutschland zu Problemen bei der Impfstoffversorgung führen». Die Kritik an den Verträgen sei also irreführend.

Der Vorgang sei «fatal für die Impfbereitschaft in Deutschland», sagte CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn der dpa. Das sieht auch der Vorsitzende des Verbandes der niedergelassenen Ärzte, Dirk Heinrich, so. Für ihn sind Rückrufaktion und die «Rabattschlacht der Kassen um die günstigsten Impfstoffe (...) ein schwerer Rückschlag für die Präventionsbemühungen in Deutschland».

Probleme mit Flocken in Grippeimpfstoffen sind nicht neu: Auch früher habe es solche Verunreinigungen gegeben, sagte PEI-Präsident Cichutek. Damals habe man bei damit geimpften Menschen «schwere Lokalreaktionen» bis hin zu «schweren allergieähnlichen Schockzuständen» beobachtet.

Unterdessen ging die Suche nach den Ursachen weiter. «Wir haben hier zusammen mit der Firma die Vermutung, dass die Auswirkung von einem neuen Antigen herrührt», hieß es bei PEI. Novartis erklärte, die Eiweißflocken bestünden größtenteils aus dem Stoff Hämagglutinin. Sie stammten hauptsächlich vom Influenzavirus selbst: «Alles normale und notwendige Bestandteile von Grippeimpfstoffen.»

Der Schweizer Pharmakonzern ist weiterhin von der Sicherheit all seiner Grippeimpfstoffe überzeugt. «Wir schätzen, dass in der aktuellen Saison rund eine Million Dosen von unseren saisonalen Grippeimpfstoffen in Europa vorhanden sind, bisher ist von keinen negativen Zwischenfällen berichtet worden», teilte der Konzern am Freitag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa mit. (dpa)

Novartis-Info

Liste der in Deutschland zugelassenen Grippe-Impfstoffe

Information zur Grippesaison

RKI zur Grippesaison

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