„Die bisherigen Berechnungen reichen nicht“

Salzgitter  Die Vize-Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz äußert sich im Interview zur Aufregung über ihre Zitate bei einer Info-Veranstaltung.

Stefanie Nöthel, die Vize-Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter, erklärte vergangene Woche bei einer Info-Veranstaltung in Wolfenbüttel: Es müsse die „Langzeitsicherheit“ im Falle eines Verbleibs der Abfälle im maroden Asse-Schacht berechnet werden. Initiativvertreter befürchteten ein Abrücken des BfS von der geplanten Bergung des Atommülls. Sie fühlten sich schlecht informiert. Darüber sprach mit Stefanie Nöthel Redakteur Uwe Hildebrandt.

Sie haben in Wolfenbüttel erklärt, es würde ein Langzeitsicherheitsnachweis für den Verbleib des Atommülls in der Asse berechnet – warum machen Sie das?

Nein, ich habe gesagt, dass eine Konzeptskizze über die Bearbeitung von Langzeitsicherheitsbetrachtungen erstellt werden soll. Ich würde gerne zuerst auf Begrifflichkeiten eingehen: Wie sieht eine Bewertung der Langzeitsicherheit aus? Langzeitsicherheit heißt, dass ein Antragsteller über einen Zeitraum bis zu einer Million Jahren die Sicherheit als gewährleistet ansieht, dass so lange also keine unzulässige Freisetzung radioaktiver Stoffe in die Umwelt erfolgt. Über so einen langen Zeitraum kann aber niemand einen Nachweis erstellen.

Deshalb wollen wir den Begriff Langzeitsicherheitsnachweis nicht benutzen, sondern von Langzeitsicherheitsbetrachtungen sprechen: Wir nehmen Sicherheitsanalysen vor, es wird auf der Grundlage von Modellen gerechnet. Es wird auch die geologische Situation beschrieben. Man berechnet, in welcher Geschwindigkeit Radionuklide vorankommen. Wie weit sind sie abgeklungen, bis sie möglicherweise die Biosphäre erreichen könnten? Das ist sehr komplex.

Sie haben durchaus gesagt, dass Sie die Langzeitsicherheit berechnen werden. Warum machen Sie das, wenn Sie sich doch im Optionenvergleich schon auf die Bergung der Abfälle festgelegt haben?

Ergebnis des Optionenvergleichs 2010 war, dass nach dem damaligen – und übrigens auch heutigen – Kenntnisstand nur bei der Rückholung die vom Atomgesetz geforderte Vorsorge gegen Schäden gegeben ist. Jedes Mal, wenn ich mit Radioaktivität hantiere, brauche ich dafür einen guten Grund. Im Genehmigungsverfahren muss ich das rechtfertigen, wie es in der Strahlenschutzverordnung heißt. Eine Rückholung erzeugt Belastungen für die Bergleute, aber auch für die Menschen über Tage, beispielsweise durch Transporte. Um die Abfälle zurückholen zu können, muss ich zeigen, dass es unter Tage nicht möglich ist, die Abfälle langfristig sicher unterzubringen. Wenn ich diesen Nachweis nicht erbringen kann, dann wird uns das Niedersächsische Umweltministerium keine Genehmigung für die Rückholung erteilen. Man wird dann die Belastungen für die Bergleute und die Bevölkerung mit Transporten und Zwischenlager nicht für gerechtfertigt halten.

Haben Sie sich nicht beim Optionenvergleich auch auf Grundlage von Berechnungen gegen die Verschüttung des Schachts und für die Bergung des Mülls entschieden? Oder haben Sie das aus dem Bauch heraus entschieden?

Wir haben das natürlich nicht aus dem Bauch heraus entschieden. Wir haben vor zweieinhalb Jahren nach dem damaligen Stand des Wissens entschieden, der auch heute noch gilt. Auch der frühere Asse-Betreiber hatte Langzeitsicherheitsbetrachtungen vorgenommen. Wir hatten die Einschätzungen der Firmen GRS und Colenco, die keine Langzeitsicherheit darstellen konnten. Eine Langzeitsicherheitsbetrachtung würde Jahre dauern. Und am Ende ist völlig offen, ob sich die Schutzziele für Mensch und Umwelt einhalten lassen. Nur wenn wir die Abfälle zurückholen, können wir sicher sein, dass keine Schäden für künftige Generationen entstehen.

Deshalb haben wir dem Bundesumweltminister empfohlen, die Rückholung zu verfolgen.

Wenn aber entsprechende Berechnungen schon vorliegen, warum begnügen Sie sich nicht mit diesen?

Alle bisherigen Berechnungen reichen für ein Genehmigungsverfahren nicht aus. Beispielsweise ist die Frage der tatsächlichen Inhaltsstoffe der Abfälle ja gar nicht geklärt. Wir gewinnen neue Erkenntnisse in der laufenden Erkundung. Wir haben noch nicht alle Informationen, die wir brauchen. Als Erstes erarbeiten wir deshalb eine Konzeptskizze. In dieser zeigen wir auf, wie die weitere Untersuchung der Frage erfolgen soll, ob die Schutzziele des Atomgesetzes auch bei einem Verbleib der radioaktiven Abfälle in der Anlage erreicht werden können bzw. welche Auswirkungen bei einem Verbleib im Falle eines nie auszuschließenden großen Wasserzutritts auf die Umgebung zu erwarten sind.

War die Festlegung im Optionenvergleich auf eine Bergung des Atommülls somit also nur vorläufig?

Wir verfolgen konsequent die Rückholung. Es gibt aber die Möglichkeit, dass sie nicht gelingt oder dass es einen plötzlichen großen Wasserzutritt gibt. Für diesen Fall müssen wir vorbereitet sein und wissen, wie wir dann mit der neuen Situation umgehen. Wenn eine Langzeitsicherheit für das Verbleiben der Abfälle im Schacht nicht gegeben ist, wovon ich ausgehe, dann müssen wir eine Vorstellung haben, was im Fall des Verbleibs der Abfälle im Schacht die möglichen Auswirkungen sind und was zu tun ist.

Mit Blick auf die Langzeitsicherheitsberechnung haben Sie gesagt: „Es gibt den Auftrag im BfS.“ Als Auftraggeber nennen Sie die Berichterstatter der Bundestagsfraktionen – können Bundestagsabgeordnete einem Bundesamt Aufträge erteilen?

Einen Auftrag gibt es nur BfS-intern. Aufgrund der Genehmigungsanforderungen und wegen der Möglichkeit, dass jederzeit mehr Wasser in die Asse zutreten kann, haben wir unsere Fachleute gebeten, eine Konzeptskizze über die weitere Untersuchung von Langzeitsicherheitsfragen zu erstellen.

Es wird von den Fraktionen mit großem Ernst geplant, die Rückholung der Abfälle zu beschleunigen. Sie erarbeiten dazu ein neues Asse-Gesetz. Darin gilt es auch eine Abwägungsentscheidung festzulegen: Was passiert, wenn die Abfälle nicht herausgeholt werden können? Diese Frage kann im Moment keiner beantworten. Und die Berichterstatter wollen auch auf diesen Fall vorbereitet sein. Die Bundestagsfraktionen sind aber keine Auftraggeber. Alle, die sich für die Asse interessieren, müssen sich mit der Langzeitsicherheit beschäftigen. Auch das Bundesumweltministerium als unsere Aufsicht hat uns beauftragt, dass wir die Option der Vollverfüllung nicht vernachlässigen und Langzeitsicherheitsbetrachtungen anstellen.

Ist die Untersuchung ergebnisoffen – kann also auch dabei herauskommen, dass die Belastung für die Bürger und die Beschäftigten geringer ist, wenn der Müll unten bleibt?

Erstmal machen wir die Konzeptskizze. Wenn wir konkret anfangen, Betrachtungen zur Langzeitsicherheit vorzunehmen, dann werden wir das auch öffentlich mitteilen. Wenn es tatsächlich das Resultat seriöser und vertrauenswürdiger Berechnungen wäre, dass die Abfälle unten bleiben können, ohne dass langfristig die Sicherheit gefährdet ist, dann wäre das für alle erfreulich. Denn dann würde das für die Menschen bedeuten, dass sie mit keinerlei unzulässigen Belastungen rechnen müssen – weder aus der Erde noch durch eine Rückholung. Ich rechne aber nicht mit einem solchen Ergebnis.

Für Michael Sailer, den Chef der Entsorgungskommission, ist ein Langzeitsicherheitsnachweis nicht entscheidend. Er schaut darauf, bei welchem Szenario die Gefährdung am geringsten ist – für ihn ist das beim Verbleib der Abfälle der Fall...

Zu Herrn Sailer ist alles gesagt. Das Atomgesetz sieht eindeutig vor, dass die Schutzziele eingehalten werden müssen. Wenn das nicht gelingt, ohne die Abfälle rauszuholen, dann gibt es nach meiner Rechtsauffassung keine Alternative zur Rückholung.

Landrat und Bürgerinitiativ-Vertreter beklagten, nicht informiert worden zu sein. Können Sie die Ängste der Anwohner, die ihr öffentlicher Auftritt ausgelöst hat, verstehen?

Ich kann nachvollziehen, dass Mitglieder der Asse-II-Begleitgruppe empfindsam reagieren – das ist auf die jahrzehntelange Geschichte dieses Endlagers und Erfahrungen mit dem früheren Betreiber zurückzuführen. Mir ist klar, wenn etwas passiert, was man auf Anhieb nicht einordnen kann, dass die Menschen dann beunruhigt sind. Aber es ist nichts verheimlicht worden: Am 19. September ist der BfS-interne Auftrag erteilt worden, die Konzeptskizze zu erstellen. Beim Workshop am 24. September, also fünf Tage später, haben wir diesen Sachverhalt zweimal mitgeteilt. Und wie in der Vergangenheit – und anders als beim alten Betreiber - werden die Ergebnisse der Konzeptskizze Grundlage der Diskussionen auf dem Workshop am 20./21. November und mit der Asse 2-Begleitgruppe sein.

Wer wird die Berechnungen zur Langzeitsicherheit vornehmen?

Ich kann und will Ergebnisse der Konzeptskizze auch in diesem Punkt nicht vorwegnehmen.

Wie lange dauert es, bis solch eine Berechnung abgeschlossen ist?

Mehr als ein Jahr wird es auf jeden Fall dauern.

Das Bundesamt hält sich sowieso für unterbesetzt. Ist es da überhaupt möglich, die Rückholung der Abfälle ausreichend schnell vorzubereiten, wenn nun aufwendig die Alternative durchgerechnet werden muss?

Wir haben als Betreiber eine besondere Verantwortung. Es ist Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen und Ressourcen bereitzustellen. Mit zusätzlichen Stellen für 2013 ist dafür ein erster Schritt gemacht.

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