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Wissenschaft

Noch nie starben so viele Arten aus: jeden Tag 130 Tiere und Pflanzen

Wissenschaftler warnen vor unabsehbaren Folgen – Ökosysteme könnten zusammenbrechen

Merret Nommensen und Thilo Streubel

Beim Braunschweiger Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut wachsen Pflanzen im Zelt. Metallene Stangen säumen den Acker, auf dem Pflanzenphysiologe Remigius Manderscheid die Halme der afrikanischen Sorghum-Hirse kontrolliert. Von oben brennt die Sonne auf die Pflanzen herab.

Die wenigen Regentropfen, die in diesen Tagen fallen, fängt das Zeltdach auf. Von den Seiten strömt Kohlendioxid aus Pfählen auf das Versuchsfeld. Hitze, wenig Wasser und mehr CO² in der Luft – Manderscheid und seine Kollegen vom Institut für Biodiversität simulieren den Klimawandel. "Wenn sich das Klima ändert, würde unser herkömmlicher Weizen wahrscheinlich nicht überleben", sagt Manderscheid.

Damit unsere Landwirte auch in 40 Jahren noch ernten können, müssen die Forscher Pflanzen und genetische Varianten bekannter Arten finden, denen Hitze und Dürre nichts anhaben können. Je weniger Vielfalt es auf dieser Erde gibt, desto weniger Auswahl haben sie. "Biologische Vielfalt ist deshalb enorm wichtig", sagt Manderscheid.

Die Vereinten Nationen (UN) haben 2010 zum Jahr der Biodiversität ausgerufen. Denn die Vielfalt, die unsere Welt so einzigartig macht, ist in Gefahr. Täglich sterben laut UN-Bericht circa 130 Arten aus.

Aber was heißt eigentlich Biodiversität? Oft wird es mit Artenvielfalt gleichgesetzt, aber auch die Vielzahl der Ökosysteme und des Genpools zählen dazu. Tiere, Pflanzen und Bakterien sind untereinander verknüpft, das hält das Geflecht der Ökosysteme zusammen. Wie in einem Puzzle hat jede Art eine wichtige Funktion, damit das Gesamtkonstrukt nicht zusammenfällt.

Der Evolutionsbiologe Miguel Vences von der Universität Braunschweig hat eine eigene Definition: "In meinen Augen ist Biodiversität die Vielfalt der Erscheinungsformen verschiedener Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen in der Natur – allerdings gibt es auch andere Sichtweisen", sagt er.

Wissenschaftler schätzen, dass es etwa 15 Millionen Arten von Tieren und Pflanzen auf der Erde gibt, nur ein Bruchteil davon ist bekannt. "Vielleicht gibt es auch 50 bis 100 Millionen", sagt Professor Miguel Vences, ein Experte auf dem Gebiet der Taxonomie, dem Entdecken und Beschreiben von Arten. "Das Entscheidende daran ist, dass wir es einfach nicht wissen." Pro Jahr würden derzeit 20 000 Organismen entdeckt und beschrieben.

Die Lücken in der Forschung sind das eigentliche Problem des voranschreitenden Artensterbens. Vences erklärt: "Der Großteil der Tiere sind kleine Insekten, da wird man erstmal sagen, egal, lassen wir sie doch aussterben. Da viele Arten aber noch nicht entdeckt, beschrieben und klassifiziert sind, wissen wir gar nichts über ihre Funktion im Ökosystem und ihren potentiellen Nutzen für die Menschen. Einer der vielen Käfer kann eine extrem hohe Bedeutung haben. Vielleicht hat er eine chemische Substanz im Panzer, die die Grundlage eines neuen Medikaments sein kann."

Dass Arten aussterben, sei zunächst einmal ein natürlicher Prozess der Evolution, sagt der Biologe. "Nur die Geschwindigkeit in den letzten paar hundert Jahren ist enorm." Die Hauptursache für das rasante Sterben von Tieren und Pflanzen ist die Zerstörung von Lebensraum, speziell des tropischen Regenwaldes. Hier leben auf kleinsten Raum Tausende von Organismen. "Wenn wir die Abholzung des Regenwaldes stoppen könnten, wäre das der effektivste Mechanismus gegen das Artensterben", sagt Vences.

In den Medien ist das Thema biologische Vielfalt ständig präsent: Es gibt Kampagnen für die Rettung der Wale, der Pandas oder der Wölfe. Meistens stehen Säugetiere im Fokus, obwohl sie die kleinste Gruppe aller Lebewesen sind. "Für die Menschen sind diese Tiere einfach greifbarer als ein Fadenwurm", erklärt Vences. Der Biologe sieht die Herausforderung der Forschung darin, das Wissen um die Vielfalt von Tieren, Pflanzen und ihrem Zusammenwirken schneller zu erforschen. "Je genauer die Wissenschaft die biologische Vielfalt kennt, umso genauer können Lebensräume als Schutzgebiete ausgewiesen werden."

Was genau passiert, wenn immer mehr Arten aussterben, können die Forscher nur erahnen. "Vielleicht passiert gar nichts, aber vielleicht bricht auch alles zusammen. Alles ist reine Spekulation", sagt Vences.

Welche Folgen das Artensterben für den Menschen haben könnte, wird am Thünen-Institut deutlich. Zwar gedeiht die Sorghum-Hirse unter CO²-Beschuss bislang gut. "Wenn die Landwirtschaft in Mitteleuropa jedoch keine Möglichkeit hat, sich an veränderte Klimabedingungen anzupassen, drohen im schlimmsten Fall Missernten", sagt Remigius Manderscheid.

Vences verweist zudem auf einen philosophischen Ansatz: "Die biologische Vielfalt auf dem Planeten ist ein Wert an sich. Wir haben eine Verantwortung, damit vorsichtig umzugehen."

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Veröffentlicht: 27.07.2010 - 22:45 Uhr
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