Europas Galileo-Projekt steht nach schwerem Rückschlag in den Sternen
2002-12-27T06:51:04+0100Paris (dpa) - Zu Weihnachten hatte Europas Antwort auf das US- Navigationssystem GPS eigentlich unter Dach und Fach sein sollen. Nach langem Tauziehen um das milliardenteure Satelliten- Navigationssystem Galileo schien eine Einigung greifbar nahe - für die offizielle Zustimmung war eine Frist gesetzt.
Das Gerangel zwischen Berlin und Rom um Sitz, Führungsrolle und Industrieaufträge bei diesem ehrgeizigen Vorhaben ist aber immer noch nicht beendet. Deutschland stimmte doch nicht zu, weil Italien «unnachgiebig» sei. Damit steht Galileo, als Rivale und Ergänzung zu GPS gedacht, weiterhin ganz in den Sternen.
Der Chef der Europäischen Weltraumorganisation ESA in Paris, der Spanier Antonio Rodotà, macht aus seiner tiefen Enttäuschung über die vorerst gescheiterte Suche nach einem gemeinsamen Nenner keinen Hehl: «Das ist ein harter Schlag für Europa. Darunter wird nun die gesamte europäische Raumfahrtindustrie schwer zu leiden haben.» Dabei wüssten alle 15 ESA-Mitgliedstaaten doch um die wirtschaftliche, industrielle und auch strategische Bedeutung von Galileo. Das Projekt soll 140 000 Arbeitsplätze schaffen und das Investierte um ein Mehrfaches zurück in die Kassen bringen. Und den USA soll etwas entgegengesetzt werden.
«Der Beginn der Entwicklungsphase verschiebt sich jetzt», sagt der ESA-Chef, der die Hoffnung nicht aufgeben will, Galileo noch auf die rechte Bahn bringen zu können. Sofort nach Weihnachten will Rodotà also daran gehen, nach einem Weg aus der Sackgasse zu suchen. Er hat Übung darin. Erst hatte Washington Stimmung gegen ein europäisches Navigationssystem gemacht, das auch militärisch genutzt werden könnte und das US-Monopol brechen würde. Außerdem wollten EU-Länder wie Großbritannien und Deutschland «das Geld doch nicht in ein Fass ohne Boden werfen», wie es in Berlin hieß. Immerhin ist Galileo das teuerste Projekt der Gemeinschaft. Und jetzt setzt sich der deutsch- italienische Streit um die Führung fort.
Im Jahr 2008 soll das mehr als 3,5 Milliarden Euro teure Netz aus 27 künstlichen Himmelskörpern die Erde in einer Höhe von genau 23 616 Kilometern umkreisen und praktisch den gesamten Planeten bestens «im Auge» haben. Zwei Galileo-Kontrollzentren in Europa überwachen dann das Navigationssystem. Flugzeuge, Schiffe oder Autos könnten präzise und sicher gesteuert oder geortet werden. Galileo kann auch im Dienst von Umwelt, Landwirtschaft oder bei Suchdiensten eingesetzt werden. Das Geschäft verspricht lukrativ zu werden - der Weltmarkt für die Satelliten-Navigation wird auf mehr als 40 Milliarden Euro geschätzt. «Wir müssen unsere Interessen verteidigen», sagt dazu der ESA-Chef.
Noch verteidigen einzelne Länder aber ihre jeweiligen Interessen. Italien gebe nicht nach, es habe einen Kompromissvorschlag abgelehnt und wolle mehr Aufträge, als ihm zustehe, klagte Berlin. Es geht um die Galileo-Anschubfinanzierung von 1,1 Milliarden Euro bis 2005, je zur Hälfte von ESA und EU getragen. Deutsche Raumfahrtkreise weisen gern darauf hin, dass der Anteil Deutschlands daran bei insgesamt gut einem Fünftel liege - und der höchste von allen sei. Wird der Streit nicht beigelegt, fällt die europäische Antwort an die USA flach. Die ESA erwägt deshalb eine außerordentliche Krisensitzung noch vor März.

